Aus: Ausgabe vom 14.06.2018, Seite 10 / Feuilleton

Werther auf Youtube

Von Thomas Wagner
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»Manche Schulen schaffen sich erst die Technik an und überlegen dann, wie sie den Unterricht anpassen.«

Hartnäckig hält sich das Gerücht, die bislang versäumte und nun möglichst rasch nachzuholende Digitalisierung der Schulen und Universitäten verspreche ein wichtiger Beitrag zur Hebung des Bildungsniveaus in der Bundesrepublik zu werden. Aber stimmt das überhaupt? Die Erfahrungen unserer niederländischen Nachbarn unterstützen eher die Skeptiker, die von einem überstürzten Einsatz von digitalen Lehr- und Lernmitteln abraten. »Manche Schulen schaffen sich erst die Technik an und überlegen dann, wie sie den Unterricht anpassen«, zitiert die Süddeutsche Zeitung (16.4.2018) einen Schulleiter unseres Nachbarlandes, der für den umgekehrten Weg plädiert. Erst sollte überlegt werden, wie der Unterricht aussehen soll und erst danach, ob der Einsatz von Computern dabei helfen kann.

Ob, wie und unter welchen Bedingungen moderne Informationstechnik tatsächlich eine Lernhilfe ist, ist wissenschaftlich noch gar nicht geklärt. So habe die Nutzung von Tablets keinen besonders großen Einfluss auf die Motivation der Schüler, sagt der Psychologe Joost Meijer vom Kohnstamm-Institut für Bildungsforschung der Universität von Amsterdam laut Süddeutscher Zeitung. Die studentischen Teilnehmer einer in sechs europäischen Ländern durchgeführten Lesestudie gaben an, lieber mit Büchern als mit E-Books zu lernen. Sie waren der Auffassung, sich das Gelesene auf diese Weise besser merken zu können. Zwar machten digitale Lesegeräte große Textmengen leicht verfügbar und ermöglichten es zudem, die Buchstabengröße und die Helligkeit des Hintergrunds auf die Bedürfnisse des Nutzers abzustimmen, gleichwohl fiele das Lesen längerer Texte auf dem Bildschirm, das vertiefende Lesen, die emotionale Beteiligung und das Erinnern schwerer, zitiert die FAZ (22.3.2017) den Buchwissenschaftler Adriaan van der Weel von der Universität Leiden: »Wir verknüpfen bestimmte Textpassagen mit ihrer Position in einem konkreten Buch. Wenn wir beim Lesen scrollen oder auf demselben Gerät verschiedene Texte lesen, wird das verhindert.«

Das Lesen von Büchern ermöglicht eine vorübergehende Distanznahme zur sozialen Umwelt, regt die Phantasie an, fördert Empathie, Konzentrationsfähigkeit, Disziplin, erweitert den Wortschatz und begünstigt das Vermögen, abstrakt zu denken. »Wir werden sehen, inwieweit das Lesen am Bildschirm das ersetzen kann«, so van der Weel. Zwar sei es möglich, auf einem Tablet genauso eindringlich zu lesen wie in einem Buch, doch sei das weniger wahrscheinlich. Denn bei der Nutzung dieser Geräte konkurriere das Lesen mit einer Reihe von Ablenkungsmöglichkeiten durch hereinschneiende Whatsapp-Nachrichten, den raschen Blick auf einen Youtube-Clip oder in die Facebook-Timeline. Dem noch ungesicherten Wissen über die Auswirkungen der Technik stehe ein enormer Druck von Unternehmen der IT-Branche gegenüber, die nach Kräften bemüht seien, Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger zu nehmen.

Einen Teil der jungen Generation hat sie womöglich schon jetzt zu willigen Konsumenten gemacht. So jedenfalls lässt sich ein offener Brief der achten Klasse eines Gymnasiums an einen »digitalskeptischen Deutschlehrer« deuten, den die FAZ (11.5.2018) dokumentierte: Der Lehrer könne den Einsatz der elektronischen Medien wie Internet, E-Books, Tablets doch auch dafür benutzen, anspruchsvolle Literatur mit den Schülern neu zu entdecken. Auf Youtube und Wikipedia gebe es Inhaltsangaben und Zusammenfassungen komplexer Werke in Gestalt von Zeichentrickfilmen, die man gut und einfach auf Tablets im Unterricht anschauen könne.

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