Aus: Ausgabe vom 14.06.2018, Seite 10 / Feuilleton

Rentner neppen

Die Wahrheit liegt auf dem Golfplatz: Ron Sheltons Komödiendesaster »Das ist erst der Anfang« inspiriert immerhin zu einer Shoppingtour

Von Peer Schmitt
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Sex, Saufen und Golf: Die Freuden des Alters

Glauben Sie möglicherweise, das Kino sei unverbesserlich schlecht und verdiene auch nicht den kürzesten Augenblick Ihrer Aufmerksamkeit, weil man ohnehin stets dümmer aus ihm herauskomme, als man hineingegangen war?

Dann ist »Das ist erst der Anfang« (»Just Getting Started«) von Ron Shelton genau der richtige Film für Sie. Eine garantiert unkomische Komödie, die in den USA für den vorweihnachtlichen Rentnermarkt gedacht war, und dort (zu Recht) so verheerende Kritiken bekommen hat, dass man hierzulande offensichtlich nicht einmal daran gedacht hat, sie analog zu verwerten. Statt dessen wirft man sie im Sommer auf den Markt des Mülls, um in der Manier von Neppern, Schleppern, Bauernfängern tolerante Frührentner abzuziehen, wie man so sagt.

Autor und Regisseur Ron Shelton hatte in besseren Zeiten eine Reihe ansehnlicher Sportfilme gedreht – über Basketball (»White Men Can’t Jump«, dt.: »Weiße Jungs bringen’s nicht«, 1992) oder Golf (»Tin Cup«, 1996). Letzteres hat nun auch in »Just Getting Started« erhebliche Spuren hinterlassen. Gleichsam als wehmütiges Selbstzitat hat Shelton auch seine damalige Hauptdarstellerin Rene Russo in das Rentner-Weihnachtsdesaster hinübergerettet.

Es ist also Weihnachten in Palm Springs, Kalifornien, und Morgan Freeman kauft Weihnachtsbäume im Golfwägelchen. Als ehemaliger Buchhalter für eine Mafiafamilie in New Jersey ist er im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms als Manager eines dieser Luxusressorts für reiche Rentner – die »Villa Capri« – untergetaucht. Er lässt es sich gutgehen, nennt sich »Duke«, hält sich einen kleinen Harem aus weiblichen Bewohnern und eine treue Schar von männlichen Bewunderern. Sein Motto für einen gelungenen Lebensabend: »Sex, Saufen und Golf«.

Dann schaut Rene Russo vorbei, um im Auftrag der Besitzer die Bücher des Ladens zu prüfen. Zuvor hat schon Tommy Lee Jones als pensionierter Superagent mit einer Zweitkarriere als Bonvivant und millionenschwerer Investor die Herrschaft des Duke herausgefordert. Der Unterschied wird schnell deutlich. Wo Morgan Freeman den Damen »Henkell trocken« serviert, öffnet Toomy Lee Jones mal eben ’nen kleinen Roten (eine Pulle »Château Margaux«).

Kurzum, Morgan Freeman und Tommy Lee Jones kämpfen um die Gunst von Rene Russo. Ihre Rivalität tragen sie u. a. in Form eines postmodernen Fünfkampfs aus: Schach, Pingpong, das gute alte Pokerkarten-besoffen-in-den-Hut-Werfen-Spiel sowie Gewichtheben und Limbodancing. Glauben Sie bitte nicht, ich hätte das erfunden. Diesen postmodernen Fünfkampf gibt es – neben einem Gastaufftritt eines Weihnachtslieder trällernden Johnny Mathis – in diesem Film tatsächlich. In einer avancierten Parallelmontage.

Letztlich aber fällt die Entscheidung, wie bei wahren Gentlemen üblich, auf dem Golfplatz. Doch kaum ist man am 18. Loch angelangt, sprengt die Mafia ein Golfwägelchen so dramatisch in die Luft, dass den Rentnerinneren die Sonnenschirme wegfliegen. Eine wilde Verfolgungsjagd schließt sich an, in deren Verlauf die beiden Golfrivalen an zwei Plastikdinosaurierstatuen vorbeifahren. Morgan Freeman: »Die sind ja wie wir zwei alten Säcke. Ist doch lustig, oder?« Tommy Lee Jones: »Nein«.

Und spätestens an dieser Stelle weiß man, dass die beiden Haudegen schon sehr gut verstanden haben, dass es sich bei diesem Film um Veruntreuung oder Steuerhinterziehung oder so was handeln muss. Da verbringen auch Sie Ihren wohlverdienten Lebensabend besser vor dem eigenen Bildschirm im Pflegeheim Ihrer Wahl. Dann brauchen Sie nur noch eine Einkaufsliste für Filme mit einigen wirklich herausragenden Golfszenen.

Hier ist sie:

– »Leoparden küsst man nicht« (»Bringing Up Baby«, Howard Hawks, 1938),

– »Pat und Mike« (»Pat and Mike«, George Cukor, 1952),

– »Der Tolpatsch« (»The Caddy«, Norman Taurog, 1953),

– »James Bond 007 – Goldfinger« (»Goldfinger«, Guy Hamilton, 1964),

– »Wahnsinn ohne Handicap« (»Caddyshack«, Harold Ramis, 1980),

– »Happy Gilmore« (Dennis Dugan, 1996),

– »Brown’s Requiem« (Jason Freeland, 1998).

Nicht vergessen werden sollte auch das Video, das Spike Jonze 1994 für das Stück »Feel the Pain« der Rockgruppe Dinosaur Jr. gedreht hat.

»Das ist erst der Anfang«, Regie: Ron Shelton, USA 2017, Kinostart: heute

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