Aus: Ausgabe vom 14.06.2018, Seite 7 / Ausland

Wüsten aus Schlamm

Monsunregen in Bangladesch bedrohen Zeltstädte der aus Myanmar geflüchteten Rohingya

Von Thomas Berger
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Vorbereitung auf die Monsunzeit: Rohingya-Frauen befestigen das Flüchtlingslager Shamlapur mit getrocknetem Schlamm aus dem nahen Flussbett (24.3.2018, Cox's Bazar)

Am vergangenen Wochenende trat ein, wovor Vertreter vieler Hilfsorganisationen schon seit langer Zeit gewarnt haben: In Bang­ladesch hat der Monsun eingesetzt, und die heftigen Regenfälle setzen die Lager der aus Myanmar geflüchteten Rohingya unter Wasser. Es hat bereits mehrere Erdrutsche gegeben. Schon jetzt nach den ersten Tagen wird deutlich, dass die getroffenen Vorkehrungen mittelfristig nicht ausreichen werden. Die Versorgung der Camps war schon vorher schwierig, den Hilfswerken war es aber zuletzt gelungen, zumindest eine behelfsmäßige Versorgungsroutine zu entwickeln. Die jahreszeitlich bedingte Wetterlage könnte die ohnehin an vielen Stellen nur notdürftig kaschierten Probleme wieder sichtbar machen.

Zur Erinnerung: Im August vergangenen Jahres hatten Rebellen der Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) rund 30 Polizeiposten und ein Armeecamp überfallen. Myanmars Militär, das ein halbes Jahrhundert lang auch die politische Macht in seinen Händen hielt und noch immer weitgehend unabhängig von der politischen Führung agiert, antwortete mit einer Offensive. Ganze Dörfer der Rohingya, die in dem Land eine Minderheit bilden und denen seit Jahrzehnten volle Bürgerrechte vorenthalten werden, gingen in Flammen auf. 700.000 Flüchtlinge machten sich in kürzester Zeit auf ins benachbarte Bangladesch. Es war eine der größten Katastrophen des letzten Jahres. Die Männer, Frauen und Kinder berichteten von zahlreichen Greueltaten der Armee. Diese lassen sich wegen der Abschottung des Konfliktgebietes gegenüber Journalisten, Hilfsorganisationen und selbst UN-Vertretern zwar nicht unabhängig verifizieren, in ihrer Fülle und wiederholten Schilderung aber scheinen die entsprechenden Berichte glaubhaft. Dennoch wiesen Armeespitze wie auch die zivile Regierung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi die Vorwürfe generell zurück. Höchstens in Einzelfällen habe es Fehlverhalten gegeben.

Die Mehrzahl der Geflüchteten harrt im Großraum Cox’s Basar im benachbarten Bangladesch aus, das mit der Situation nach wie vor überfordert ist. Unter ihnen herrscht große Armut. Der Monsun verwandelt ihre Zeltlager nun in Schlammwüsten. Zwar haben die Helfer Wege befestigt und Abhänge verstärkt, etwa 14.000 Menschen von besonders gefährdeten Arealen sind auch schon umgesiedelt worden. »Mit jedem Regentropfen, der fällt, wird die Situation in den Camps verzweifelter«, wird Manuel Pereira von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) auf der Onlinenachrichtenseite der Vereinten Nationen zitiert. Von einem Wettlauf gegen die Uhr ist die Rede, weitere 30.000 Geflüchtete hausen derzeit noch in Gebieten, die unmittelbar als von Erdrutschen gefährdet eingestuft werden.

Wie Caroline Gluck, die Sprecherin des Flüchtlingshilfswerkes UNHCR im Land, Bangladeschs führender englischsprachiger Tageszeitung The Daily Star sagte, befinde man sich in Verhandlungen mit der Regierung über die Bereitstellung von sicheren Flächen im Flachland. Mittlerweile bestehe ein spürbarer Mangel an Ausweicharealen. Die Inter Sector Coordination Group (ISCG), berichtet wiederum Al-Dschasira, gehe davon aus, dass, auch wenn heftigere Tropenstürme ausblieben, schon allein die normalen Regenfälle Teile der Lager wegschwemmen werden. Laut Prognose der Meteorologen sollen die am Sonnabend begonnenen Niederschläge noch mindestens bis Freitag anhalten.

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