Aus: Ausgabe vom 14.06.2018, Seite 5 / Inland

Tarifflucht in Bayern

Freistaat nimmt bei Kollektivverträgen Kurs auf ostdeutsches Niveau

Tarifvertrag_lohnt_s_45889495.jpg
Das sieht der Chef anders: Beschäftigte vor dem Werk von Bosch-Ampack im bayerischen Königsbrunn

In Bayern arbeiten nur noch 53 Prozent aller Beschäftigten in Unternehmen, bei denen Arbeitsbedingungen und Löhne tarifvertraglich geregelt sind. Dieser Wert liegt überraschend deutlich unter dem Durchschnitt der westdeutschen Bundesländer von 59 Prozent. Nur in den ostdeutschen Ländern liegt die Tarifbindung noch wesentlich niedriger als in Bayern. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie »Tarifverträge und Tarifflucht in Bayern« des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böck­ler-Stiftung, die am Mittwoch in München vorgestellt wurde.

Zwar weise, so die Autoren der Studie, die Tarifbindung seit den 1990er Jahren in der ganzen Bundesrepu­blik eine rückläufige Tendenz auf. In Bayern sei dieser Trend aber in den vergangenen Jahren besonders ausgeprägt gewesen. Die vergleichsweise schwache bayerische Tarifbindung könne dabei nicht auf negative Struktureffekte zurückgeführt werden. Im Gegenteil: Die bayerische Wirtschaftsstruktur sollte die Verbreitung von Tarifverträgen eigentlich begünstigen.

Der Analyse zufolge sind es in Bayern die Unternehmensführungen, die sich häufiger als anderswo bewusst gegen eine Tarifbindung entscheiden. So seien etwa beim bayerischen Metallarbeitgeberverband tariflose Mitgliedschaften weitaus häufiger als in anderen Bundesländern. Nicht selten seien unverbindliche Absichtserklärungen, sich an Tarifverträgen »orientieren« zu wollen. Das bringe den Beschäftigten aber keine messbaren Entgeltvorteile. Auch deshalb gehöre die Behauptung, in Bayern würden weit überdurchschnittliche Löhne gezahlt, ins »Reich der Mythen und Märchen«. Das Entgeltniveau im Freistaat liege nur 1,4 Prozent über dem westdeutschen Durchschnitt – rechne man die besonderen regionalen Struktureffekte heraus, dann sogar 0,2 Prozent darunter. Die Autoren fordern die Politik auf, durch eine stärkere Nutzung von Tariftreuevorgaben bei der Vergabe öffentlicher Aufträge die Tarifflucht zu erschweren. (jW)


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Inland
  • Österreichs Kanzler propagiert in Berlin »Achse der Willigen« gegen offene Grenzen
  • Über den Konflikt in der Ukraine, die Rolle Russlands und Irrtümer des Westens. Ein Gespräch mit Leonid Koschara
    Saadi Isakov/Wladimir Sergijenko
  • Berlin: Polizeirazzia bei linkem kurdischen Verein. Betroffen ist auch das Medieninformationsbüro Civaka Azad
    Peter Schaber
  • NSU-Prozess: Zschäpe-Anwältin sieht Mindestmitgliederzahl für terroristische Vereinigung nicht erfüllt. Bisher kein Wort zu Ausspähaktion
    Claudia Wangerin
  • Feuertod von Oury Jalloh: Sachsen-Anhalts Regierungsfraktionen verdammen gerade ernannte Sonderermittler zur Untätigkeit
    Susan Bonath
  • Sächsische Lehrerinnen und Lehrer protestieren weiter gegen geplante Ungleichbehandlung
    Steve Hollasky, Dresden