Aus: Ausgabe vom 13.06.2018, Seite 15 / Antifa

Rundum sorglos im Knast

NSU-Ausschuss Brandenburg: Die fabelhaften Haftbedingungen des V-Mannes »Piato«

Von Claudia Wangerin
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Hier ging es in den 1990er Jahren zu wie im braunen Tollhaus: Die JVA Brandenburg

Das Neonazimagazin »Der Weisse Wolf« wurde 1996 vollständig in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg erstellt und gedruckt – auch die Rechtsaußenpostille »Skins United« wurde zeitweise dort produziert. Der V-Mann »Piato« des Brandenburger Verfassungsschutzes spielte dabei eine zentrale Rolle. Als »Kopiergeld« dienten dem damals inhaftierten Gewalttäter Zigaretten, die er von seinem V-Mann-Führer erhielt. All das erzählte Carsten Szczepanski alias »Piato« am Montag vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Brandenburger Landtags.

Dabei ging es ihm angeblich um Wiedergutmachung, als er sich vor mehr als 20 Jahren nach dem Mordversuch an einem Nigerianer aus der Haft heraus dem Verfassungsschutz als V-Mann anbot. Er habe damit einen Schlussstrich unter seine neonazistische Vergangenheit ziehen wollen – diese Version hatte er bereits 2014 im Münchner NSU-Prozess erzählt. Dabei blieb er auch, als er am Montag unter strengen Sicherheitsvorkehrungen vom Untersuchungsausschuss in Potsdam zum »Nationalsozialistischen Untergrund« befragt wurde.

Die Angaben zum Zeitpunkt seiner Selbstanbietung bleiben so widersprüchlich, wie sie schon in München waren: Das müsse 1991 gewesen sein, wiederholte er am Montag. Der Mordversuch an dem Nigerianer fand allerdings erst 1992 statt – die Haft trat Szczepanski 1994 an. Im selben Jahr wurde er nach Aktenlage Informant. Das Ausschussmitglied Volkmar Schöneburg (Die Linke) geht davon aus, dass der Ex-V-Mann da hartnäckig etwas durcheinanderbringt, wie der Parlamentarier am Dienstag gegenüber junge Welt sagte. Von der Theorie, dass Szczepanski alias »Piato« bereits vorher V-Mann – vielleicht einer anderen Sicherheitsbehörde – gewesen sein könnte, hält Schöneburg nichts.

Detaillierter als in früheren Vernehmungen äußerte sich Szczepanski zu seinen komfortablen Haftbedingungen – ein V-Mann-Führer mit dem Arbeitsnamen Rainer Görlitz soll mehrfach »Botengänge« für ihn erledigt haben. Dabei ging es nicht nur um die Produktion von Neonazimagazinen, sondern auch um ein adäquates Outfit. Görlitz habe »Piato« ein T-Shirt mit der Aufschrift »Combat 18« besorgt – dabei handelte es sich um den bewaffneten Arm des Netzwerks »Blood and Honour« (»Blut und Ehre«). Der Nummerncode in »Combat 18« steht für die Anfangsbuchstaben von »Adolf Hitler«.

Als Freigänger wurde »Piato« vom heutigen Chef des sächsischen Verfassungsschutzes, Gordian Meyer-Plath, zu Neonazitreffen gefahren. Im Herbst 1998 lieferte er Hinweise auf das untergetauchte Neonazitrio, das um die Jahrtausendwende den NSU gegründet haben soll. Angeblich konnte niemand beim Verfassungsschutz zuordnen, welche drei Personen gemeint waren, als es in der Quellenmeldung hieß, sie wollten sich bewaffnen und Raubüberfälle begehen, um sich nach Südafrika abzusetzen. Szczepanski hatte davon durch enge Kontakte zur Chemnitzer Neonaziszene Kenntnis erlangt, wusste aber am Montag angeblich nicht mehr, von wem genau er es erfahren hatte.

»Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen ;-) Der Kampf geht weiter …«, stand Anfang 2002 – mehr als ein Jahr nach Beginn der rassistischen Mordserie – im Editorial des Magazins Der Weisse Wolf.


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Wieviel Staat steckt im NSU? Der Prozeß gegen Beate Zschäpe und die Rolle des Verfassungsschutzes

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