Aus: Ausgabe vom 13.06.2018, Seite 8 / Ansichten

Kims Kür

Von Rainer Werning
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Ungewohnte Worte, Töne und Gesten waren gestern aus Singapur zu vernehmen. Das erste Zusammentreffen der beiden Staatschefs der USA und Nordkoreas, Donald Trump und Kim Jong Un, in dem südostasiatischen Stadtstaat musste all jene verblüffen, die da meinten, Kim sei »unberechenbar und irre«, halt ein »pausbäckiger und lümmelhafter Dick-tator«, wie es der Kölner Express unlängst schrieb. Das Treffen mit ihm, so Trump, sei »ehrlich, direkt und produktiv« gewesen. »Wir werden«, versicherte der US-Präsident, »eine hervorragende Beziehung haben, daran habe ich keine Zweifel«.

Einmal mehr bewahrheitete sich das koreanische Sprichwort: »Wer auf der Matte schläft, der fällt nicht tief.« Es ist den Staatschefs beider Koreas, Kim Jong Un und Moon Jae In, seit Jahresbeginn tatsächlich geglückt, den Machthaber im Weißen Haus von seinem imperialen Hochsitz herunterzulocken und an den Verhandlungstisch zu bringen. In der am Dienstag unterzeichneten gemeinsamen Erklärung heißt es u. a.: »Präsident Trump und der Vorsitzende Kim Jong Un nehmen zur Kenntnis, dass der Gipfel zwischen den USA und der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK) – der erste in der Geschichte – ein epochales Ereignis von großer Bedeutung war, um die jahrzehntelangen Spannungen und Feindseligkeiten zwischen den beiden Ländern zu überwinden und eine neue Zukunft zu eröffnen, und verpflichten sich, die Bestimmungen dieses gemeinsamen Abkommens vollständig und zügig umzusetzen.«

The Winners are: Moon, Kim und Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong. Letzterem gebührt das Verdienst, den Gipfel mit Bravour ausgerichtet zu haben. Ohne Südkoreas Präsidenten Moon, der sich der früheren »Sonnenscheinpolitik« gegenüber dem Norden verpflichtet fühlt, wäre die Erklärung von Panmunjom vom 27. April, die neuerliche und vierte innerkoreanische Annäherung nach 1972, 1991/92 und 2000, nicht zustande gekommen. Und Kim hat es qua »nuklearer Lebensversicherung« geschafft, sich – zumindest vorerst – eines imperialen Dragoners zu erwehren. Sollte das, im Sinne eines verhaltenen Optimismus, dauerhaft Erfolg haben, wäre das zweifelsfrei ein Gipfel gewesen, der schwerlich zu toppen ist. Vielleicht mutiert gar der »America First«-Saulus zu einem prokoreanischen Paulus.

Rainer Werning ist mit Helga Picht Koautor des jüngst in der Edition Berolina erschienenen Buches »Brennpunkt Nordkorea«

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  • Fritz Dittmar, Hamburg: Gibt es einen Plan B? Bisher hielt ich Kim für einen klugen und rationalen Politiker. Angesichts der Erfahrungen mit den US-Aggressionen gegen Afghanistan, Serbien, Irak, Libyen und Syrien, der dreisten Negierung von Völke...
  • Georg Dovermann: Selbstinszenierung Man sollte in dieser Angelegenheit allerdings nicht vergessen, wessen Kind dies Treffen ist. Wer die Politik Trumps seit geraumer Zeit beobachtet, muss zu der Erkenntnis kommen, dass diese Treffen mit...
  • Achim Lippmann: Neues Denken Dem Beitrag ist vollinhaltlich zuzustimmen. Die Wende in Korea resultiert aus dem Willen einer Mehrheit im Süden, die der Korruption der Stahlhelmfraktion zusammen mit einheimischen Konzernen (Samsung...

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