Aus: Ausgabe vom 13.06.2018, Seite 8 / Inland

»Im Hambacher Wald darf kein Baum mehr gefällt werden«

Ende Juni soll die Kohlekommission der Regierung ihre Arbeit aufnehmen. Ein Gespräch mit Antje Grothus

Interview: Gitta Düperthal
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Stilleben mit Braunkohlebagger: Wo RWE hinkommt, wächst kein Gras mehr (Hambacher Forst, 29.11.2017)

Sie wurden in die Kohlekommission der Bundesregierung berufen. Aufgabe der 31 Mitglieder ist es, den Strukturwandel zu gestalten – auch um den umkämpften Hambacher Wald herum, wo der Konzern RWE den Kohletagebau ausweitet. Ist der Ausstieg so zu beschleunigen?

Um das zu erreichen, bin ich dabei. Der genaue Titel des Gremiums lautet: »Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung«. Dieser Schwerpunkt ärgert uns: Wenn hier die Rede von einem sozialverträglichen Kohleausstieg war – seitens RWE, der Regierungskoalition sowie der Gewerkschaften –, ging es stets vorrangig um die Interessen der Konzernbeschäftigten. Sicher sind die auch wichtig. Ich will aber über das vernachlässigte Leid der Anwohnerinnen und Anwohner sprechen. Für die Betroffenen in der Region um den Tagebau Hambach herum fordere ich: Im Hambacher Wald darf kein Baum mehr gefällt werden. Ich vertrete zudem Bewohnerinnen und Bewohner im Umfeld des Tagebaus Garzweiler, die RWE aus ihren Häusern vertreiben will. Mehr als 120.000 Menschen wurden in Deutschland bereits durch den Braunkohletagebau ihres Zuhauses beraubt. Noch immer sollen rund 30 Dörfer und Ortsteile für eine schmutzige Uralttechnologie zerstört werden. Weil ein Netzwerk kohlekritischer Initiativen aus dem Rheinland, der Lausitz und Mitteldeutschland die Bundesregierung aufgefordert hat, Vertreter der Betroffenen in die Kommission zu berufen, sind nun Hannelore Wodtke für die Lausitz und ich für das Rheinland dabei.

Sie haben vor mehr als zehn Jahren den Verein »Buirer für Buir« mitgegründet, nachdem die Autobahn A4 tagebaubedingt an den Ortsrand ihres Heimatdorfes verlegt werden sollte. Was ist Ihr Anliegen?

Uns empört, dass wir bei den sozialen Fragen des Kohleausstiegs kein Gehör finden. Für uns war die Braunkohleförderung und -verstromung noch nie sozialverträglich. Für den Abbau der Braunkohle mussten und müssen viele ihren Lebensmittelpunkt und ihr Eigentum aufgeben. Der Verlust von Natur und Kultur ist unwiderruflich. Eine Drohkulisse aus Enteignung und unsicherer Zukunft zerrüttet Dorfgemeinschaften.

Über die Tagebaukante hinaus werden Anwohner durch gesundheitsschädigenden Feinstaub und Lärm ihrer Lebensqualität beraubt. In meiner Wohnung kann ich kaum mehr das Fenster öffnen; Nachbarn können ihre Gärten nicht nutzen. Wir möchten uns aber nicht von RWE vertreiben lassen. Wir fordern den schnellen Kohleausstieg; andere wollen die schmutzige Energie dagegen noch bis 2045 und darüber hinaus behalten.

Wie gestaltet sich Ihr Widerstand bislang?

Wir haben eine Pseudobeteiligung erleben müssen: Bei Bürgerbeteiligungs- und Anhörungsverfahren sitzt die Bezirksregierung in Köln eng verquickt mit RWE am Tisch. Gegenüber den Bürgern agieren sie von oben herab. Es gibt Verflechtungen: E-Mail-Adressen mit Vor- und Nachnamen von Politikern des Kerpener Stadtrates enden auf RWE.com. Gregor Golland, CDU-Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen, stand bei RWE auf der Gehaltsliste.

Die Leitung der Kohlekommission ist mit drei Befürwortern der Technologie besetzt: Es sind die Exministerpräsidenten von Brandenburg und Sachsen, Matthias Platzeck, SPD, und Stanislaw Tillich, CDU, sowie Bahn-Vorstand Ronald Pofalla, ebenfalls von der CDU. Mit der Volkswirtin Barbara Praetorius ist nur eine Stimme vertreten, der man Interesse am Klimaschutz nachsagen kann. Kein Vertreter der parlamentarischen Opposition ist berufen.

Die Kommission ist einseitig besetzt, mit einer Lobby für RWE. Zudem haben Vertreter aus der Regierungskoalition, der Wirtschaft und Gewerkschaften Referenten, die ihnen zuarbeiten – wir Betroffenenvertreterinnen nicht. Immerhin sind Menschen aus Umweltverbänden und der Wissenschaft dabei. Ich werde allen ohne Vorurteile begegnen. Ziel ist aber der Ausstieg.

Antje Grothus lebt in Buir, nahe am Braunkohletagebau Hambach. Bei den Weltklimaverhandlungen in Bonn 2017 zeichnete die Hilfsorganisation CARE sie als »Klimaheldin« aus

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