Aus: Ausgabe vom 12.06.2018, Seite 4 / Inland

»Größte Fehlentscheidung«

Im Bundestag diskutierten Experten Für und Wider eines Ausstiegs aus Stuttgarter Bahnhofsprojekt

Von Ralf Wurzbacher
Stuttgart_21_Baustel_56073068.jpg
Seit acht Jahren Baustelle, die Kosten steigen ins Uferlose: Der Stuttgarter Hauptbahnhof, der zum hypermodernen Tiefbahnhof umgestaltet werden soll

Bei »Stuttgart 21« brennt es an allen Ecken und Enden. Die Kosten des Projekts steigen ins Uferlose, außerdem droht es ein technisches Desaster zu werden. Bei einer öffentlichen Anhörung des Bundestags hat der Ingenieur Hannes Rockenbauch am Montag eine lange Liste von Mängeln und Risiken präsentiert. So könnten im geplanten Tiefbahnhof statt der bisher 50 künftig nur 32 Züge pro Stunde abgefertigt werden. Durch die sechsfach überhöhte Gleisneigung bestehe »massive Unfallgefahr«, mit ihren zahllosen Rolltreppen, Aufzügen und Belüftungsanlagen sei die Konstruktion nicht barrierefrei und gerate zum »dauerhaften Stromfresser«.

Auf Antrag der Fraktion der Partei Die Linke haben gestern im Verkehrsausschuss des Parlaments Experten zu den Möglichkeiten eines Aus- und Umstiegs bei »S21« Stellung bezogen. Rockenbauch, der das »Aktionsbündnis gegen S21« vertrat, widersprach dabei der Darstellung der Verantwortlichen bei der Deutschen Bahn und in der Politik, wonach ein Ausstiegsszenario undenkbar und zu teuer wäre. Die angegebenen mehr als sieben Milliarden Euro seien »nicht nachvollziehbare Phantasiezahlen«, die allein den Zweck hätten, das Nachdenken über »dringend nötige Alternativen« zu verhindern. Das Münchner Beratungsbüro Vieregg-Rössler rechne bis zur Fertigstellung mit Gesamtkosten von mindestens 9,8 Milliarden Euro, wobei davon ab jetzt noch 6,8 Milliarden Euro fällig würden. Dagegen schlage ein »Umstieg« lediglich mit 1,5 Milliarden Euro zu Buche, erklärte Rockenbauch.

In gewohnter Offenheit äußerte sich Ex-DB-Manager Thilo Sarrazin als von der AfD geladener Sachverständiger zu den planerischen Fehlleistungen. Demnach habe man schon 2001 von einer Verdopplung des seinerzeit veranschlagten Ausgabenrahmens von 2,5 Milliarden ausgehen müssen. Es sei »Tradition« bei der Bahn und »interessierten Politikern« gewesen, bei öffentlichen Verlautbarungen die Kosten »schönzufärben, um das Projekt nicht zu gefährden«, bemerkte Berlins ehemaliger Finanzsenator laut seinem auf der Bundestagswebseite veröffentlichtem Redemanuskript. Am Ende werde der Steuerzahler geradestehen müssen, »weil sonst niemand anders zahlen kann«.

Einen Baustopp lehnten unterdessen sowohl Sarrazin als auch der Verkehrsclub Deutschland (VCD) als »nicht realistisch« ab. Allerdings sei ein »unverändertes Weiter so auch nicht angemessen«, erklärte Matthias Lieb vom VCD-Landesverband Baden-Württemberg. Vielmehr sei »S21« von einer »ersetzenden« zu einer »ergänzenden« Infrastruktur zu modifizieren. Lieb schlug vor, das Projekt in Abschnitte zu zerlegen, von denen einige vorzeitig in Betrieb gehen müssten. Er sprach sich dafür aus, Teile des Kopfbahnhofs zu erhalten und die entsprechenden Gleisanlagen zu überbauen. Die Leistungsfähigkeit des Eisenbahnknotens Stuttgart dürfe »den städtebaulichen Aspekten nicht untergeordnet werden«, forderte Lieb.

Für Wirbel hatte vergangene Woche Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) mit der Äußerung gesorgt, »Stuttgart 21 ist die größte Fehlentscheidung der Eisenbahngeschichte«. Gegenüber der Südwest Presse schimpfte er: »Wir geben einen Haufen Geld aus und versenken einen Bahnhof und haben dadurch keinen Vorteil.« Trotzdem gebe es angesichts des Baufortschritts »kein Zurück mehr«.

Im aktuellen Stern warnt der renommierte Brandschutzexperte Hans-Joachim Keim unterdessen vor schlimmsten Folgen, sollte im künftigen Tiefbahnhof ein Großfeuer ausbrechen: »S21 hat das Potential, Europas größtes Krematorium zu werden.«


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Oben bleiben »Stuttgart 21« – Wessen Stadt ist die Stadt?

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • T. F. K.: Keine Fehlentscheidung Dieses Bauprojekt »Stuttgart 21« ist keine Fehlentscheidung! Der Plan geht auf. »ABM«, d. h. Profitgenerierung für Großkonzerne, Produzenten und Betreiber auf Jahrzehnte. Das ist Sinn und Zweck solche...

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland
  • Nach gescheitertem G-7-Abschlusskommuniqué formuliert Berlin neue außenpolitische Ziele
  • Die Linke: Spitzen von Partei und Bundestagsfraktion wollen Debatte um Migration organisieren. Ein Gespräch mit Bernd Riexinger
    Jan Greve
  • Nach Manipulationsverdacht: Ermittlungen gegen amtierenden Audi-Chef
  • Terroranschlag auf Weihnachtsmarkt: Linke, Grüne und FDP wollen Herausgabe von Geheimdienstdokumenten gerichtlich erzwingen
    Claudia Wangerin
  • Durch Anrechnung des Kindergeldes auf Hartz IV sparte sich der Staat zwischen 2007 und 2017 knapp 50 Milliarden Euro
    Susan Bonath
  • Regierungsparteien genehmigen sich mit Verweis auf die »Digitalisierung« mehr Geld