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Aus: Ausgabe vom 12.06.2018, Seite 3 / Schwerpunkt
Gezi-Proteste

Das Mädchen mit dem roten Schal

Für viele junge türkische Linke wurde der Gezi-Aufstand ein prägendes Ereignis in ihrer politischen Sozialisierung. Sie standen für ihre Ideen ein und wurden wegen ihrer Courage weit über die Landesgrenzen der Türkei hinaus bekannt. Zu ihnen gehörte Ayse Deniz Karacagil.

Bei einer Demonstration im Oktober 2013 wurde die damals 20 Jahre alte Aktivistin in der südtürkischen Stadt Antalya verhaftet. Die Staatsanwaltschaft forderte zunächst 98 Jahre Haft, unter anderem, weil das rote Halstuch, das Karacagil bei den Protesten getragen hatte, als Anzeichen für die Mitgliedschaft in einer »terroristischen« Organisation gewertet wurde. Rot sei ja schließlich die Farbe des Sozialismus, hieß es in der Anklageschrift.

Ayse Deniz Karacagil saß fünf Monate in Untersuchungshaft, kam dann auf freien Fuß. In der Türkei wurde sie bekannt als das »Mädchen mit dem roten Schal«. Haft und Repression hatten ihrer Politisierung keinen Abbruch getan. Sie tauchte unter, setzte sich in die kurdischen Regionen im Nordirak ab. Dort schloss sie sich den Einheiten der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) an, die in Rojava gegen den »Islamischen Staat« kämpften.

Am 29. Mai 2017 fiel Ayse Deniz Karacagil, Kampfname: Destan Temmuz, in der Nähe der syrischen Großstadt Rakka. Die Sprecherin der MLKP, Beritan Asya, erklärte zum Tod ihrer Genossin: »Sie schloss sich der Revolution in Rojava an. (…) Im Bewusstsein ihres Glaubens und mit dem Erbe ihres Kampfes werden wir diese Revolution fortsetzen.«

Dem türkischen Staat reichte das Ableben der jungen Revolutionärin übrigens nicht. Im Januar 2018, ein halbes Jahr nach ihrem Tod, verurteilte ein Gericht Karacagil zu einer 55jährigen Haftstrafe. (psc)

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