Aus: Ausgabe vom 13.06.2018, Seite 10 / Feuilleton

Verschmitztes Lächeln ins Interrotron

Heldenkino und Handkurbelkamera: Wim Wenders’ Werbefilm »Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes«

Von Gebhard Hölzl
056-PFAMOHW-Wenders.JPG
Man denkt an Überwältigungsästhetik – bis er aussteigt (Franziskus im Papamobil)

»Au weia, au weia, der Papst hat keine Eier« titelte einst ein Satiremagazin und bezog sich dabei auf den Polen Karol Jwózef Wojtyla, etwas besser bekannt als Johannes Paul II. Auch in Glaubensfragen gab der sich extrem konservativ, in Sachen dringend nötiger kirchlicher Reformen hielt er sich zurück – keine »cojones«, würde man in Argentinien, der Heimat des amtierenden Papstes, sagen. Bei diesem Jorge Mario Bergoglio, seit 2013 der 266. Bischof von Rom und somit Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, liegen einige Dinge anders. Ein streitbarer Geist ist er, den einfachen Leuten verbunden, der erste Jesuit, der zum Pontifex Maximus gewählt wurde, der erste Papst, der aus der südlichen Hemisphäre stammt. Als stiller Asket wird er beschrieben, als wortkarger, medienscheuer Intellektueller. Das Zuhören, betont er immer wieder, ist ihm sehr viel wichtiger als das Reden.

Den Kapitalismus nennt dieser Papst »in der Wurzel ungerecht« und in den kürzlich veröffentlichten »Quaestiones« zur Finanzwirtschaft nimmt der Vatikan wohl sogar auf Marx Bezug: Wie »vorausgesagt«, drohe der »Ertrag aus dem Kapital (...) den Ertrag aus der Arbeit zu überrunden«, heißt es da. Der erste Mann im Kirchenstaat sieht sich in der Tradition Franz von Assisis. Wie jener will er für mehr Menschlichkeit sorgen, die Kirche in diesem Sinne von Grund auf erneuern. Und so richtet sich der Blick in Wim Wenders’ filmischem Porträt zunächst aufs malerische Assisi, gelegen in der hügeligen, sanft wogenden Landschaft Umbriens. Hoch oben am Himmel – quasi zwischen Gott und uns Sündern – schwebt die Kamera (Lisa Rinzler, »Menace II Society«). Aus dem Off ist der Macher zu hören. Sonor, bedächtig, wie man ihn kennt: Die Erde ist ein Jammertal. Naturkatastrophen, Krieg, Flüchtlingsströme, Armut, Hunger ... Dann steigt weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle. Auf dem Petersplatz jubeln die Leute, schwingen Fahnen. Habemus papam! Der Nachfolger des eher unbeliebten Benedikt XVI. ist gefunden. Dem verkniffenen Deutschen, einem wortklauberischen Theologen, folgt der volksnahe, zugängliche Jedermann. Ein mutiger Zupacker: »Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes«, ein Mann nach dem Geschmack von Wenders, der zu Hause in Berlin mit seiner Frau Donata einen privaten Bibelkreis betreibt.

Sein Dokumentarfilm ist vor allem Heldenkino. Kritisches Hinterfragen war nie Wenders’ Ding. Aus der Fanperspektive hat er sich den Objekten seiner Dokumentarfilme stets genähert: einem japanischen Couturier (»Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten«), kubanischen Son-Senioren (»Buena Vista Social Club«), einer Kölsch-Rockband (»Viel passiert – Der BAP-Film«), einer Wuppertaler Tanzlegende (»Pina«) ... Das hatten wohl auch die Verantwortlichen des Centro Televisivo Vaticano, der Filmabteilung des Vatikans, die alle Reden und Reisen des obersten Dienstherrn in Wort und Bild aufzeichnet, im Hinterkopf, als sie an Wenders herantraten und fragten, ob er an der Herstellung eines filmischen Porträts von Franziskus interessiert sei. Er war. Also übernahm man die Produktionskosten, öffnete ihm die Archive, unbegrenzter Zugriff wurde gewährt – und dazu ein langes Interview, vier Sitzungen in den Räumen und Gärten des Heiligen Stuhls.

Der Endschnitt war Wenders ganz überlassen. Das Ergebnis wirkt wie ein Werbe- oder Propagandafilm. Immer wieder fährt der Papst etwa im Papamobil – die Kamera im Rücken – winkend durch Menschenmassen, in Südamerika, Afrika oder auf den Philippinen. Man denkt an die Geschichte der Überwältigungsästhetik, und vergisst das wieder, wenn Franziskus ein Bad in der Menge nimmt, für möglichst alle ein offenes Ohr hat, Krankenhäuser und Gefängnisse besucht, Füße wäscht und vor der UN-Vollversammlung oder dem US-Kongress zu Solidarität aufruft. Wie Franz von Assisi eben, den Wenders in Person des Schauspielers Ignazio Oliva in kurzen Szenen zum Leben erweckt. Mit Bildern einer Handkurbelkamera aus den 1920er Jahren, ohne Ton, in flackerndem Schwarzweiß. Fast mystisch wird die Arbeit in diesen Momenten, hier kommen die Qualitäten des Filmemachers zur Geltung – »Augen kann man nicht kaufen« hat Peter Buchka seine Monografie über Wenders treffend tituliert.

Ohne die im Genre sonst notorischen Kindheitsfotos und biographischen Eckdaten lernt man den »Santo Padre« kennen. Dass man sich dem humorvollen, verschmitzt lachenden Mann ganz nahe fühlt, hat nicht zuletzt technische Gründe. Wenders nutzt das von Errol Morris entwickelte »Interrotron« – ein »umfunktionierter Teleprompter«, wie er erklärt. Der Papst sieht mit Hilfe dieser raffinierten Spiegel-Aufnahmetechnik dem Interviewer und somit den Zuschauern direkt in die Augen.

»Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes«, Regie: Wim Wenders, Italien/Schweiz/BRD/Frankreich, Kinostart: 14.6.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Feuilleton