Aus: Ausgabe vom 11.06.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Von der Kanzel zur KPD

Friedrich-Martin Balzer erinnert an den Pfarrer und Landesvorsitzenden der KPD in Baden Erwin Eckert

Von Herbert Münchow

Ein neues Heft aus dem Pad-Verlag ist einem Abschnitt aus dem politischen Leben von Erwin Eckert (1893–1972) gewidmet. Eckert war Pfarrer der Trinitatiskirche in Mannheim, als unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg die Alternative antimilitaristisches, demokratisches Deutschland oder deutsche Zweistaatlichkeit zur Entscheidung stand. Anlass der Veröffentlichung ist der 125. Geburtstag des führenden Mannes der religiös-sozialistischen Bewegung in der Weimarer Republik und späteren Vorsitzenden der KPD in Baden (1946 bis 1950) am 16. Juni 2018. Autor ist der Historiker und Publizist Friedrich-Martin Balzer, ein intimer Kenner der Biographie Erwin Eckerts und engagierter Streiter für dessen Würdigung. Balzer, der mit dieser Schrift erneut einen Beitrag leistet, um den sozialistischen Widerstandskämpfer Eckert in das Bewusstsein der Zeitgenossen zu heben, befindet sich im Einvernehmen mit all denen, die den christlich-marxistischen Dialog im Kampf für eine sozialistische Gesellschaftsordnung als unabdingbar ansehen.

Balzers Schrift behandelt Erwin Eckert als Kämpfer für einen Neubeginn wider die Restauration. Die politische Standortbestimmung, die er in den Widersprüchen seiner Zeit vornahm, weist ihn als standhaften Kommunisten und überzeugten Marxisten und Christen aus. Die Widerstände, mit denen er sich im badischen Landtag auseinandersetzen musste, die Repressionen, die er auch nach 1945 erfahren hat, die Vorwürfe und Vorbehalte, gegen die er die KPD öffentlich verteidigte – mit einer Leidenschaft, die heutige Kommunisten manchmal vermissen lassen – erinnern bedenklich an Gegenwärtiges.

In beunruhigender Weise spielen sich Politiker als Historiker auf. In Thüringen ist die Landesregierung unter Bodo Ramelow sogar dazu übergegangen, in jährlichen Berichten über die »Aufarbeitung der SED-Diktatur« den Landtag und die Öffentlichkeit auf ein Gut-Böse-Schema der Bewertung von BRD und DDR festzulegen. Geschichtsschreibung als Vermittlung historischer Erkenntnisse war vorgestern. Erwin Eckert hätte dagegengehalten.

Geschichte verdichtet sich im gesellschaftlichen und politischen Wirken bedeutsamer Persönlichkeiten. Eckert, das wird bei Balzer deutlich, ist dafür ein wichtiges Beispiel. Für ihn galt der Grundsatz: »Wer den Reichen nichts nimmt, kann den Armen nichts geben.« Sein Wahlspruch war: »Dem Ganzen dienen, sich selbst treu bleiben.«

Erwin Eckert ist in den ersten Nachkriegsjahren den Weg bis hin zum Landesvorsitzenden der KPD gegangen. Mit Emil Fuchs (Pfarrer in Eisenach, stellvertretender Vorsitzender des Bundes religiöser Sozialisten in der Weimarer Republik und langjähriger Dekan der Theologischen Fakultät der Karl-Marx-Universität Leipzig) waren es nach 1945 etwa 20 Pfarrer des Bundes religiöser Sozialisten, die sich in der SED für eine sozialistische Alternative im Osten Deutschlands engagierten.

Die selbe Kirche, die dem kämpferischen Antifaschisten Eckert die Kanzel nahm, als er 1931 in die KPD eintrat, hat zwei Jahre darauf von den Kanzeln für Adolf Hitler gebetet. Wolfgang Abend­roth verknüpfte damit die höchst aktuelle Frage: Werden sich nach dieser bitteren Erfahrung genügend Christen finden, die eine Wiederholung solcher Entwicklungen unmöglich machen? Die Beschäftigung mit Erwin Eckert kann dabei helfen. Dieser Nützlichkeit wegen sollte die Schrift von Friedrich-Martin Balzer unbedingt gelesen werden.

Friedrich-Martin Balzer: Entscheidungsjahre 1948/49. Wie Erwin Eckert um Deutschlands Zukunft kämpfte, Pad-Verlag, Bergkamen 2018, 63 Seiten, 5 Euro. Bezug: pad-Verlag@gmx.net


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