Aus: Ausgabe vom 09.06.2018, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Kommschonkommschon!«

Ein »irischer« Feiertag in Hoppegarten bei Berlin mit Pferden, Wetten und Picknick

Von Maximilian Schäffer
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Mancher schaut mit irren Augen wenn er viel verwettet hat

Als die Sonne besonders heiß auf die Pferderennbahn Hoppegarten scheint, ist es Pfingstsonntag vor den Toren Berlins. Mehr als 10.000 Leute kommen, um sich irisch bedudeln zu lassen: »Irish Raceday« betitelt man die Veranstaltung. Koboldgrün verkleidet spart man sich einige Euros des Eintritts, bekommt man einen Plastikhumpen Guinness und eine Freikarte für das kommende Ereignis, das just an diesem Wochenende steigt. Das traditionelle »Fashion Weekend« sei »eins der wichtigsten gesellschaftlichen Events in ganz Berlin-Brandenburg«, tönt ein Offizieller. Auf der VIP-Tribüne befüllen sich die XY-Prominenten und Blaublütigen mit Schampus, während die einfachen Leute auf Decken die Picknickkörbe leeren. Beim Galopp geht es ums Geld: 286.207 Euro werden an diesem erfolgreichen Tag für Wetteinsätze ausgegeben. Mit irren Augen starren manche mechanisch den Gäulen hinterher: »Kommschonkommschon!« In der Hand immer der Toto-Schein, auf dem der Eingeweihte die richtigen Striche – und bitte nicht Kreuze – gemacht hat. Auf stolzen Tieren sitzen kleine, hagere Männer in Seidenhosen, die ihre Sportgeräte mit den traurigen Augen durch den Führring ziehen.

Auch die Jockeys stehen unter Druck, müssen das geringe Gewicht halten, dürfen nur wenig essen. Im Gespräch mit der Rennleitung sieht man Andrasch Starke, der 2002 wegen Koks am Zügel weltweit für ein halbes Jahr gesperrt wurde. Von den Leiden des Sports wissen Unternehmersöhne mit Privatpferden wenig, plaudern nur geschäftig von Versteigerungen in Baden-Baden und wichtigen Reisen nach Melbourne.

Abends ist das Guinness ausgegangen, manchen auch das Geld. Rentner Manfred (68) sieht’s gelassen, lacht herzhaft im Trenchcoat: »Früher, in der DDR, da hab’ ich auch noch mitgezockt! Richtig um die Kohle! Aber jetzt komm’ ich nur noch wegen der Natur und den Pferden und vielleicht noch wegen der Bratwurst!« Dass irgendwas Irisches angesagt war, ist ihm entgangen.

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    Wo ist der Schampus? XY-Prominente in der Sonne
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    Auch die Jockeys stehen unter Druck
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    »Mein Geld ist knapp, doch der Tip ist heiß / Die Wetten stehen zehn zu eins« (Tote Hosen)
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    Fachsimpeln über die Leiden des Sports

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