Aus: Ausgabe vom 08.06.2018, Seite 6 / Ausland

Aufstand der Himbeerbauern

In Serbien blockieren Landwirte eine wichtige Landstraße. Sie fordern feste Abnahmepreise

Von Roland Zschächner
RTR26MQI.jpg
Bereits im August 2009 demonstrierten Hunderte Himbeerbauern in Belgrad für staatliche Hilfe

Es ist fast schon ein Ritual. Im Frühsommer gehen die Himbeerbauern im Westen Serbiens auf die Straße, um von Belgrad mehr Unterstützung zu fordern. So auch in diesem Jahr: Am Wochenende blockierten einige Bauern in Prijepolje die wichtige Verbindungsstraße nach Montenegro. Der Protest zeigte Wirkung. Am Donnerstag traf sich Landwirtschaftsminister Branislav Nedimovic mit Vertretern der Himbeerbauern, um anschließend zu versichern, dass die Bereitschaft bestehe, die Landwirte mit Subventionen und andere Hilfe zu unterstützen, wie die Nachrichtenagentur Beta meldete.

Ob diese Zusage ausreicht, bleibt abzuwarten. Denn für die Himbeerbauern, zumeist produzieren sie in kleinen Betrieben in Familienbesitz, steht die Erntesaison bevor. Deswegen verlangen sie, dass ihnen die Früchte für einen Preis von mindesten 180 Dinar für das Kilogramm abgenommen werden – rund 1,50 Euro. Zur Zeit werden lediglich 100 Dinar bezahlt, wie die Belgrader Zeitung Blic berichtete.

Die meisten in Serbien gepflückten Himbeeren sind für den Export bestimmt. Das Land gehört weltweit zu den größten Himbeerproduzenten. Die Anbauflächen befinden sich vor allem im Westen an der Grenze zu Montenegro sowie Bosnien und Herzegowina. Mehr als hundert Tonnen werden im Jahr geerntet, doch haben die Kleinbauern meist nur wenig davon. Die Profite werden vor allem am anderen Ende der Verwertungskette eingestrichen, nicht zuletzt von westeuropäischen Einzelhandelsunternehmen.

In Serbien verläuft der Konflikt vor allem zwischen den Bauern und den Betreibern der Kühlhäuser, die ersteren ihre Produkte abkaufen. Gleichzeitig fühlen sich die Himbeerbauern von Belgrad allein gelassen. Sie vermuten zudem, dass die Kühlhausbetreiber und Exporteure mit der Regierung unter einer Decke stecken. Denn je geringer der Abnahmepreis, um so höher ist deren Profit.

Die Himbeerbauern stehen vor existentiellen Sorgen. Zum einen lohnt sich der Anbau immer weniger, zum anderen können sie in manchen Gebieten kaum noch Pflücker finden – wobei deren Tageslöhne bei lediglich rund 15 Euro liegen. Viele Landarbeiter gehen lieber auf die Felder in Westeuropa, wo höhere Gehälter bezahlt werden. Gleichzeitig gibt es immer wieder Beschwerden, dass minderwertige polnische Himbeeren mit denen aus Serbien gemischt werden.

Das Lage der serbischen Himbeerbauern ist symptomatisch für die Probleme der Landwirtschaft in der ehemaligen jugoslawischen Republik: Wenige große Betriebe dominieren den Markt, das Gros der Bauern wirtschaftet indes auf kaum rentablen kleinen Flächen. Außerdem müssen sie ihre Produkte an kapitalstärkere Abnehmer verkaufen. Diese sitzen am längeren Hebel und können die Preise – nicht nur für Himbeeren – diktieren. Die Weiterverarbeitung der Früchte geschieht nur selten in Serbien, so dass im schlimmsten Fall den Bauern die reifen Beeren an den Sträuchern verderben. Versuche, sich in Genossenschaften oder Erzeugergemeinschaften zu organisieren, scheitern meist – auch weil es die dafür nötigen juristischen und ökonomischen Bedingungen nicht gibt.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • In Österreich wollen Studierendenorganisationen den Auftritt eines Black-Panther-Aktivisten verhindern
    Simon Loidl, Wien
  • Der baskische Ort Altsasu kämpft gegen die Willkür der spanischen Repressionsbehörden
    Uschi Grandel, Mutriku
  • Italiens Kabinett unter Giuseppe Conte nimmt Arbeit auf. PD spricht von »rechtsextremer Regierung«
    Gerhard Feldbauer