Aus: Ausgabe vom 02.06.2018, Seite 11 / Feuilleton

»Die Probleme sind noch komplexer«

Die peruanischen Volks- und Protestlieder bleiben aktuell. Ein Gespräch mit der Sängerin Margot Palomino

Von Eleonora Roldán Mendívil
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»Die bittere Armut der Menschen in Peru wird weiter ignoriert«: Szene in Pamplona Alta im Bezirk San Juan de Miraflores in Lima

Sie sind eine der bekanntesten Interpretinnen von Musik aus den peruanischen Anden und kombinieren traditionelle Folklore mit Protestsongs. Wie war die Situation Ende der 80er Jahren, als Sie damit begannen?

Damals hatten wir eine schwierige soziale und politische Situation in Peru. Das Land war in dieser Zeit von schwerer Gewalt erschüttert. Die Gewalt wurde sowohl vom Staat als auch von den bewaffneten Gruppen der Linken ausgeübt. Und dann gab es die rechten Paramilitärs. Sie entführten, folterten und ermordeten Studierende, Journalisten, Arbeiter und Bauern.

Das hatte Einfluss auf die Kunst, Literatur und Malerei veränderten sich. Auch die Anden-Folklore konnte sich diesen Themen nicht entziehen. Wir wollten uns einbringen und Menschen wie uns, die aus den Anden kommen oder deren Eltern oder Großeltern aus den Anden in die Großstädte übergesiedelt waren, für die Situation im gesamten Land sensibilisieren. Es entstanden neue Lieder, die diese Realität widerspiegelten. Zum Beispiel »Wo sind sie?« von Manuelcha Prado, das das »Verschwinden« eines bekannten Journalisten anprangert. Oder das Lied »Wer hat Oropeza umgebracht, meine Herren?«

Die Lieder, die Sie singen, sind sehr poetisch.

Ja, das ist mir sehr wichtig. Bereits als junges Mädchen wurde mir beigebracht, die Poesie zu lieben. Ich singe vor allem Lieder aus der Region Ayacucho, sie sind lyrisch durchdringend und musikalisch wunderschön. Ich fühle mich der Poesie sehr verbunden und benutze in meinen Liedern Gedichte von so ausgezeichneten Dichtern wie César Vallejo, Mariano Melgar, Juan Gonzalo Rose oder Hildebrando Pérez.

Damit gehören Sie zu einer Generation von Künstlerinnen und Künstlern, die in den 1980er Jahren damit begannen, die Anden-Musik sozial neu zu interpretieren. Was ist heute von dieser Generation übrig geblieben?

Viele aus dieser Künstlergeneration arbeiten in dieser Richtung weiter. In Zeiten der Diktatur war es natürlich besonders gefährlich, eine klare politische Position zu beziehen. Deshalb haben einige Künstler diesen Kampf auch aufgegeben und mit der Kunst aufgehört. Andere sind kommerzieller geworden und haben sich schlicht den Bedingungen des Marktes unterworfen.

Berühmte Lieder aus dieser Zeit heißen »Der Mensch«, »Die rote Rose« oder »Treuer Genosse«. In ihnen wurde damals die Hoffnungen auf eine andere, auf eine gerechtere Welt formuliert, die viele Peruaner begeisterten. Werden diese Lieder heute noch gesungen?

Sie werden weiter gesungen, denn die sozialen Probleme in Peru wurden bis heute nicht gelöst. Im Gegenteil: Sie sind komplexer geworden. Die großen Themen der Volkslieder sind nach wie vor aktuell, da sich die Verhältnisse, die in ihnen zum Ausdruck kommen, nicht verändert haben. Trotz parlamentarischer Demokratie. Die bittere Armut der Menschen in Peru wird weiter ignoriert, Frauen sind nach wie vor Menschen zweiter Klasse. Gewalt und Korruption prägen das Land. Die peruanische Protestfolklore mit ihrer Poesie und Ästhetik auf höchstem Niveau erreicht immer noch Millionen Menschen. Die Lieder sind Klassiker geworden, die Geschichte erlebbar machen, aber auch von der Gegenwart handeln.

Margot Palomino singt seit den 1980er Jahren Protestlieder aus den Anden Perus. Sie ist nun zum ersten Mal auf Europa-Tournee

Tour: 2.6. Hamburg, Mut-Theater; 7.6. Berlin, Jockel Biergarten; 14.6. Rostock, Talide


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