Aus: Ausgabe vom 31.05.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Aggressiv für LNG

US-Energiebranche drängt darauf, den Export von Flüssiggas aus Gesteinsschichten auszubauen

Von Jörg Kronauer
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Mit hochriskanter Fracking-Technologie gefördertes Flüssiggas wird nach Japan verschifft (Tokio, November 2017)

Manche in der transatlantischen Energiebranche erzählen von einer Anekdote, nach der der President-elect Donald Trump kurz nach seiner Wahl im November 2016 seine Berater gefragt haben soll: »LNG? Was ist LNG?« – Es ist die in den USA gängige Abkürzung für Liquefied Natural Gas, Flüssiggas. Sollte der New Yorker Immobilienmogul damals tatsächlich nicht gewusst haben, was das Kürzel bedeutet, dann wäre das eine besondere Ironie der Geschichte: Das Bestreben, US-amerikanischem Erdgas den Weg auf den Weltmarkt zu bahnen, ist ein prägendes Element der aktuellen US-Außenpolitik. So hat Washington seine Forderung, die Pipeline Nord Stream 2 nicht zu bauen, auch mit der Absicht begründet, mehr US-Flüssiggas in Europa zu verkaufen.

Die US-Energiebranche durchläuft mit dem Schiefergasboom, der in den 2000er Jahren eingesetzt hat, weitreichende Veränderungen. Die Entwicklung der hochriskanten und deshalb auch äußerst umstrittenen Fracking-Technologie hat es möglich gemacht, riesige Schiefergasvorkommen in tief liegenden Gesteinsschichten freizusetzen. Das hat zu einem rapiden Ausbau der US-Gasförderung geführt. Mussten die Vereinigten Staaten lange Zeit Erdgas importieren, um ihren gewaltigen Energieverbrauch zu decken, so sind sie mittlerweile zum Exporteur geworden: Im Februar 2016 verließ der erste Flüssiggastanker das Sabine-Pass-Terminal des US-Energiekonzerns Cheniere an der Küste von Louisiana, um Kurs auf ein Importterminal des brasilianischen Petrobras-Konzerns unweit Salvador de Bahia zu nehmen. Die Entwicklung verläuft nicht bruchlos: Weil Fracking recht teuer ist, lohnt es sich in Zeiten niedriger Weltmarktpreise kaum. Dennoch ist die US-Gasproduktion in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, hat im Jahr 2016 ein Volumen von 756 Milliarden Kubikmetern erreicht – mehr als die russische Förderung (641 Milliarden Kubikmeter) – und wird nach Schätzungen der International Energy Agency (IEA) im Jahr 2022 gut 890 Milliarden Kubikmeter betragen. Das wären 22 Prozent der globalen Erdgasförderung.

Klar ist: Auch wenn der Gasverbrauch in den Vereinigten Staaten selbst zunehmen wird, so drängt doch ein stets wachsender Teil der Fördermenge in den Export. Und der wird – it’s the geography, stupid – weitgehend mit Flüssiggastankern abgewickelt werden müssen. Anfang März nahm das zweite US-LNG-Exportterminal – Cove Point, 60 Meilen südöstlich von Washington – den Betrieb auf; weitere milliardenschwere Exportterminals sind im Bau oder in Planung. Bereits 2017 lagen die Flüssiggasausfuhren mit knapp 55 Millionen Kubikmeter pro Tag rund viermal so hoch wie 2016 (14 Millionen). Bis Anfang der 2020er Jahre werden sie sich laut Schätzungen von Experten erneut verdreifachen. Damit aber stellt sich immer drängender die Frage: Wem verkauft man das Zeug?

Grundsätzlich ist der Erdgasweltmarkt beileibe nicht gesättigt. Laut Schätzungen der IEA wird der globale Konsum von rund 3.630 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2016 auf gut 4.000 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2022 steigen. 40 Prozent des zusätzlichen Verbrauchs wird demnach wohl auf das Konto der Volksrepublik China gehen, die begonnen hat, von Kohle auf Erdgas umzustellen – um die chronisch verschmutzte Luft in ihren Großstädten sauberer zu bekommen. Im Zeitraum von Februar 2016 bis Februar 2018 nahm denn auch China 14 Prozent des gesamten US-LNG-Exports ab. Washingtons Hoffnung, in der Volksrepublik noch draufsatteln zu können, ist nicht unbegründet. 25 weitere Prozent der US-Flüssiggasausfuhren gingen ebenfalls nach Ostasien – 18 Prozent nach Südkorea, sieben nach Japan. Beide Länder sind nicht an Pipelines angeschlossen und deshalb vollständig auf LNG-Importe angewiesen. Darüber hinaus belieferten die USA vor allem Lateinamerika, das rund 30 Prozent ihrer Exporte abnahm, und den Nahen Osten (Jordanien und die Türkei). Und Europa? Nennenswerte Lieferungen blieben bislang aus.

Der Grund ist einfach: Flüssiggas ist teurer als Pipelinegas, jedenfalls – laut Experten – bei Röhrenlängen bis zu rund 4.000 Kilometern. Für Europa ist deshalb Gas aus Russland oder aus Algerien schlicht billiger, während US-LNG-Händler in Ostasien, das ohnehin vom kostspieligen Flüssiggas abhängig ist, problemlos höhere Preise erzielen können. Genügt es da nicht, dass US-Energiekonzerne inzwischen langfristige LNG-Lieferverträge mit Japan, Südkorea, China und Indien geschlossen haben und dass Beijing unlängst, um US-Präsident Trump im Handelskonflikt zu beruhigen, den Kauf von deutlich größeren Mengen US-Flüssiggas in Aussicht gestellt hat? Wohl eher nicht.

Denn so lukrativ die Geschäfte sind, die sich US-LNG-Exporteuren da eröffnen: Ausruhen können sie sich darauf nicht. Zum einen wächst die Konkurrenz in der Branche rapide. Australien etwa, das es vor zehn Jahren nur knapp unter die Top 20 der globalen Erdgasproduzenten schaffte, ist auf dem Weg, zum weltgrößten LNG-Exporteur zu werden. Katar, Besitzer der drittgrößten Gasvorräte überhaupt und lange die Nummer eins bei Flüssiggas, wird seine Fördermenge massiv ausweiten, aber mit Australien wohl nicht mithalten können. Auch regionale Anbieter wie Malaysia und Indonesien werden immer stärker und schnappen der Konkurrenz inzwischen so manches attraktive Geschäft in Asien weg. Und auch Russland – nicht nur beim Erdgas Rivale Nummer eins für die USA – bleibt nicht untätig: Der russische Novatek-Konzern hat im Dezember erstmals Flüssiggas von der sibirischen Halbinsel Jamal exportiert und baut seine LNG-Aktivitäten aus. Nicht nur das: Mit der im Bau befindlichen Pipeline Power of Siberia will Gazprom ab nächstem Jahr auch China mit billigerem Pipelinegas beliefern; eine weitere Röhre nach Japan ist bereits im Gespräch. Aus Sicht der US-Konzerne gibt es also keinerlei Anlass, sich beruhigt zurückzulehnen – im Gegenteil: Der Kampf um Absatzmärkte entbrennt zwischen den großen Erdgasproduzenten sogar stärker denn je.


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