Aus: Ausgabe vom 30.05.2018, Seite 6 / Ausland

Zwei Voten

Präsidentschaftswahlen in Kolumbien und Venezuela: Parallelen und Unterschiede

Von Modaira Rubio, Caracas
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Bogotá nach der Wahl: Der eine liest die Zeitung vom Tage, der andere putzt Schuhe

Zwei wichtige Entscheidungen innerhalb einer Woche in Südamerika – und ein völlig unterschiedliches Medienecho. Am vergangenen Sonntag fand in Kolumbien die erste Runde der Präsidentschaftswahlen in Kolumbien statt, eine Woche zuvor wurde in Venezuela Nicolás Maduro als Staatschef bestätigt. Doch während die Wahl in Kolumbien von der »internationalen Gemeinschaft« allgemein akzeptiert wurde, verkündeten die USA, die Europäische Union und andere, das Votum des venezolanischen Volkes nicht anerkennen zu wollen.

Venezuelas Präsident erhielt 67,8 Prozent der abgegebenen Stimmen. Auf dem zweiten Platz folgte der neoliberale Oppositionskandidat Henri Falcón mit 20,9 Prozent. Da die großen Rechtsparteien zum Wahlboykott aufgerufen hatten, lag die Beteiligung allerdings nur bei 46 Prozent der Berechtigten. Damit allerdings lag sie in Venezuela noch deutlich über der, die in Kolumbien bei der letzten Wahl verzeichnet worden war. Damals hatten bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl nur gut 40 Prozent ihre Stimme abgegeben. Diesmal waren es deutlich mehr, nämlich 53,4 Prozent, aber »Welten« liegen damit nicht zwischen den beiden Ländern.

Zur Wahl standen in Kolumbien Iván Duque vom ultrarechten »Demokratischen Zentrum«, Gustavo Petro vom Mitte-links-Bündnis »Menschliches Kolumbien« sowie drei weitere Kandidaten. In der Stichwahl am 17. Juni werden sich als Erstplazierte Duque, der auf 39,1 Prozent der Stimmen kam, und Petro mit 25,1 Prozent gegenüberstehen.

Der Wahlkampf wurde durch die Spannungen zwischen Kolumbien und Venezuela bestimmt, insbesondere durch die Auswanderung von 500.000 bis 700.000 Menschen aus Venezuela ins Nachbarland, was der dortige Staatschef Juan Manuel Santos für Attacken gegen die Bolivarische Republik nutzte. Tatsächlich leben in Venezuela allerdings zwischen fünf und sieben Millionen Kolumbianer, von denen viele vor dem jahrzehntelangen Krieg dort Schutz gesucht haben. Natürlich haben diese Angehörige und Freunde in Kolumbien, die regelmäßig besucht werden. So überqueren auch in normalen Zeiten täglich zwischen 15.000 und 30.000 Menschen die Grenze.

In den Tagen vor der Wahl verschärfte die Presse des Landes ihre Angriffe auf Petro, dem sie vorwarf, »Chavist« zu sein und Kolumbien im Falle eines Sieges zu einem »zweiten Venezuela« machen zu wollen. Petro hat sich allerdings von der Bolivarischen Revolution distanziert und zuletzt sogar angekündigt, das Kabinett Maduro nicht anerkennen zu wollen.

An Akzeptanz fehlt es allerdings auch Kolumbiens Regierung. Die Amtsführung von Santos wird einer Gallup-Umfrage von Ende 2017 zufolge von 72 Prozent der Befragten abgelehnt. Analysten sehen im Scheitern der Konservativen, die weder der Gewalt noch der Wirtschaftskrise Herr werden konnten, den Hauptgrund dafür, dass erstmals ein linker Kandidat die Wahlen gewinnen kann.

In der vergangenen Woche warnte Petro allerdings bereits vor einem möglichen Betrug durch die Manipulation der für die Auszählung eingesetzten Software. Im Unterschied zu Venezuela ist die Abstimmung in Kolumbien manuell, einer Wahl in Deutschland vergleichbar. Anschließend allerdings werden die Stimmzettel eingescannt und in das Auswertungssystem eingespeist. Die dafür eingesetzte Software stammt von einem privaten Unternehmen und wurde schon in der Vergangenheit wegen zahlreicher Schwachstellen kritisiert. Sicherheitsmechanismen, wie sie in Venezuela üblich sind, gibt es nicht.


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