Aus: Ausgabe vom 25.05.2018, Seite 4 / Inland

Rechtsruck in »linker Bastion«

Mit Islamhass gegen Antisemitismus? Leipziger Israel-Vortragsreihe wird von »Antideutschen« dominiert. Drei Vereine zogen sich zurück

Von Susan Bonath
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Im linken Leipziger Kulturzentrum »Conne Island« werden teils rechte Positionen vertreten

Der Leipziger Süden gilt als linke Bastion. Doch von Connewitz und Plagwitz über die Südvorstadt bis hin zur Universität: Längst beherrschen sogenannte Antideutsche, die neurechte Positionen vertreten, einen Großteil der dortigen Kulturszene. Auch die aktuelle vermeintlich »linke« Veranstaltungsreihe »70 Jahre Israel« wird von Rednern dominiert, die zum engen Kreis um Justus Wertmüller gehören. Wertmüller, der im Dezember in Berlin gemeinsam mit der AfD »gegen Islamismus« demonstrierte, ist Redakteur der antideutschen Zeitschrift Bahamas, deren islamfeindlicher und proimperialistischer Kurs sich kaum von dem neurechter Postillen unterscheidet. Das sorgt für Zoff: Der Verband »Sozialistische Jugend – Die Falken« und die Naturfreundejugend Berlin sagten ihre Vorträge ab, die »Gedenkstätte für Zwangsarbeit« Leipzig will nicht mehr als Mitgastgeberin gelten.

Der Streit entzündete sich am Bahamas-Autor Thomas Maul, der am Montag in der Universität Leipzig über »islamischen Antisemitismus« referieren soll. In seinen Publikationen ätzt er mal gegen Muslime, mal gegen Frauen. Auf der Homepage des Ça-ira-Verlags stellte er schon vor Jahren den »ordinären Alltagsislam« als »Verursacher von Verarmung, Massenarbeitslosigkeit und Analphabetismus« dar, dem die »westlichen Demokratien« fortschrittlich entgegen stünden.

Im März 2018 zog Maul via Facebook über mutmaßliche Missbrauchsopfer des Filmproduzenten Harvey Weinstein her. Die Frauen seien »durch Weinstein groß gewordene Heulsusen«, die ihm »erst geizig bis ins Mark, dann kleinlich nachtragend« die »ertrickste Gegenleistung« als »kleine Siege« missgönnten.

Mauls Facebook-Eintrag vom 9. Mai ließ die Alarmglocken läuten. Er verbreitete eine Bundestagsrede von AfD-Chef Alexander Gauland zum Thema Israel und lobte: »Immer wieder erscheint die AfD objektiv als einzige Stimme der Restvernunft im Bundestag.« Wer deren »Wahrhaftigkeit« bezweifele, so Maul, müsse »wenigstens die zur Schau gestellte Unvernunft des herrschenden Linkskartells als Bedingung der Möglichkeit dieses Erfolgs anprangern, statt mit Dämonisierung der AfD dem allgemeinen Wahn weiter zuzuarbeiten«. Das überrascht nicht, denn seit Jahren feiert die Bahamas rechte Parteien wie die AfD oder den Front National einerseits für ihre »Islamkritik«, andererseits für ihre »positive Haltung« zur Politik Israels.

»Die Falken« räumten ein, Mauls Positionen schon länger zu kennen. »Leider haben wir den Punkt verpasst, seine Einladung zu verhindern.« Doch spätestens seinen Eintrag vom 9. Mai hätten alle Veranstalter rügen müssen, finden sie. Ähnlich äußerte sich die Naturfreundejugend Berlin: Gaulands »Instrumentalisierung Israels und der Shoa zugunsten einer rassistischen Mobilisierung müsste von jeder linken Position kritisiert werden«, erklärten sie. Das Bündnis »70 Jahre Israel« forderte danach lediglich zu einer »zivilisierten Diskussion« auf. Die Universität teilte auf jW-Nachfrage mit, sie habe dem Studierendenrat die Räume auf Antrag zur Verfügung gestellt. Die Studierendenvertretung sei Mitglied im Bündnis und prüfe aktuell, wie sie »auf den Facebook-Post von Herrn Maul reagieren will«.

Das Bündnis kündigt die Veranstaltungsreihe auf einer Webseite ohne Impressum namens »gegen-antizionismus.de« an. Auf Facebook gibt es als Organisatoren die offiziell »linken« Clubs Conne Island, Kulturraum Leipzig und ein räumlich in letzteren integriertes »Institut für Zukunft« (IfZ) an. Das IfZ ist ein Beatclub unter Leitung einer Eventfirma, der nach eigenen Angaben mit dem Leipziger Technoclub »Distillery« und der Plagwitzer Szenekneipe Felsenkeller kooperiert. Im Felsenkeller tagte Anfang Mai die diesjährige Bahamas-Konferenz.

Auf der Rednerliste des Bündnisses steht auch Sebastian Voigt, der am 1. Juni in der Uni referieren soll. Der Mitbegründer des Bundesarbeitskreises (BAK) Shalom – ein Netzwerk innerhalb der Linkspartei, das gegen antiimperialistische und klassenkämpferische Positionen zu Felde zieht und für Verleumdungskampagnen bekannt ist – arbeitet für die Bahamas und Henryk M. Broders neokonservativen Blog »Achse des Guten«. Dort sind auch die für den 11. Juni im Conne Island angekündigten Publizisten Alex Feuerherdt und Florian Markl zu finden, ebenso wie Stephan Grigat. Der Mitinitiator der Kampagne »Stop the Bomb« referierte bereits am 8. Mai. Gemeint ist die angebliche »iranische Atombombe«, die notfalls durch »gezielte und wiederholte Militärschläge« aus der Welt zu schaffen sei. Die Bahamas-Akteure sind im Umfeld der Hochschulen in Leipzig, Halle und Dessau seit Jahren überaus aktiv.


Debatte

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  • Beitrag von Kalle S. aus H. (25. Mai 2018 um 14:18 Uhr)

    Ich sehe nicht, dass die bizarre Querfront von Islamismus und "Antiimperialismus", die in einigen K-Sekten herbeischwadroniert wird, weniger rechts ist als die Sympathie der Antideutschen für neoliberalen Imperialismus.

    • Beitrag von Alexander K. aus L. (25. Mai 2018 um 18:20 Uhr)

      Ich sehe nicht, wo selbiges im Artikel gesagt wird. Den Begriff "Querfront" allerdings auf ein imaginäres Bündnis von "Antiimperialisten" und "Islamisten" anzuwenden, zeigt von geschichtlicher Unkenntnis. Afghanistan in den 80er Jahren war die Frontlinie zwischen Antiimperialismus und Imperialismus. Letzterer hat dort die Islamisten zum Kampf gegen den Antiimperialismus aufgebaut.

      QuerfrontVERSUCHE zwischen Rechten und Linken gab es in der Weimarer Republik. Angefangen vom Nationalbolschewismus eines Laufenberg und Wolffheim, der schon 1920 von der Kommunistischen Arbeiterpartei zurückgewiesen wurde bis hin zu General v. Schleicher, der sich auf SA und ADGB gleichermaßen stützen wollte. Daraus geworden ist nichts und konnte auch nichts. Und auch heute lässt sich Feuer und Wasser nicht vereinen.

      Wenn die Antideutschen mit AfD und anderen xenophoben Gruppen kuscheln, dann ist das in Hinblick darauf eine "Querfront", dass viele politisch ungebildete Menschen die AntiDs noch als "links" sehen. In Wahrheit sind sie es jedoch natürlich nicht. Sie sind selbst eine Spielart des Faschismus.

      • Beitrag von Kalle S. aus H. (26. Mai 2018 um 16:37 Uhr)

        Neokonservativismus mit Faschismus gleichzusetzen dient entweder der Aufweichung und Verharmlosung des Faschismusbegriffes, oder entspringt der identitär-antagonistischen Pathologie von versekteten Strukturen, denen es unmöglich ist abseits der In-Group ein Gegenüber zu denken, das nicht der "Feind" ist.

        Eindeutig faschistisch ist der politische Islamismus. Wenn sich als links verstehende Akteure mit diesen Kräften gemein machen, dann ist das eine Form von Querfront, gleichgültig was Geschichtsvorlesungen dazu sagen.

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