Aus: Ausgabe vom 19.05.2018, Seite 8 / Ausland

»Die ›Alt-Right‹ will USA zu Ethnostaat umwandeln«

Komplexe Beziehung: der US-Präsident und die »alternative Rechte« in den USA. Ein Gespräch mit Matthew N. Lyons

Interview: Gabriel Kuhn
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Rassisten für Trump: Demonstrant aus der rechten Szene bei einem Marsch "Weißer Nationalisten" (Washington, 25. Juni 2017)

Als 2015 Ihr Buch »Arier, Patriarchen, Übermenschen« erschien, hätten wenige gedacht, wie aktuell es ein Jahr später sein würde. Wie stark sind die Verbindungen zwischen Donald Trump und der extremen Rechten in den USA?

Donald Trump hat mehr als jeder andere Präsidentschaftskandidat seit sehr langer Zeit von der Unterstützung der extremen Rechten profitiert. Er hat Themen bedient, die dort gut ankommen, etwa Islamophobie und Grenzschutz, und eine populistische Kritik der traditionellen Führungsriege der Republikanischen Partei formuliert. Es gab starke, wenn auch indirekte, Verbindungen zur sogenannten Alt-Right (englisch kurz für »alternative Rechte«, jW) durch Berater wie Stephen Bannon.

Die Anhänger der »Alt-Right« erklärten sich nach der Wahl zur Avantgarde der Trump-Regierung, aber sie betrachteten Trump nie als einen von ihnen. Sie hofften, dass er den von ihnen befürchteten »weißen Genozid« aufhalten würde und dass sie unter seiner Regierung ihre eigenen Kräfte mobilisieren könnten. Mittlerweile haben sich viele von Trump abgewandt, da seine Regierung in zentralen Bereichen – Steuern, Gesundheit, Wirtschaft – eine klassisch konservative Linie verfolgt. Besonders empört zeigten sich viele Anhänger der Alt-Right [englisch kurz für »alternative Rechte«, d.Red.] über die militärische Intervention in Syrien. Sie betrachteten dies als Beweis dafür, dass Trump eine Marionette »globaler Eliten« sei, womit sie schlicht »Juden« meinen.

Aus welchen Kräften setzt sich die »Alt-Right« zusammen?

Die »Alt-Right« entstand um 2010 als Sammelbewegung rechter Kräfte, die dem Mainstream-Konservativismus gegenüber feindlich eingestellt waren. Wichtige Einflüsse kamen von der Neuen Rechten Europas und dem Paläokonservativismus, einer Bewegung, die wirtschaftlichen Protektionismus und kulturellen Nationalismus propagiert. Militärische Interventionen im Ausland lehnt sie ab.

Seit 2015 tummeln sich in »Alt-Right«-Kreisen auch viele Mitglieder der sogenannten »Manosphere«, einer antifeministischen Online-Subkultur, die extrem frauenfeindliche Kampagnen betreibt und Kampagnen dieser Art als Taktik empfiehlt, um politische Feinde auszuschalten. Die meisten Leute, die sich der »Alt-Right« zuordnen, vertreten eine Form des Weißen Nationalismus und wollen die gesamte USA, oder Teile davon, zu einem »Ethno-Staat« umformen. Manche, aber nicht alle, stellen sich explizit in eine nationalsozialistische Tradition.

Inwieweit geht Ihr neues Buch »Insurgent Supremacists« über »Arier, Patriarchen, Übermenschen« hinaus?

»Insurgent Supremacists« aktualisiert die Analyse, die ich in »Arier, Patriarchen, Übermenschen« vorgenommen habe, und fügt ihr neue Materialien und Diskussionen zur extremen Rechten hinzu. Es gibt Kapitel zu Themen, die für die extreme Rechte wichtig sind, zu denen es aber unterschiedliche Positionen gibt, etwa Geschlechterverhältnisse und Imperialismus. »Insurgent Supremacists« untersucht auch die komplexen Beziehungen zwischen der extremen Rechten und US-Institutionen wie dem FBI sowie verschiedenen Regierungsbehörden, vor allem seit Trump das Präsidentschaftsamt angetreten hat. Auch dem Faschismus widme ich ein eigenes Kapitel, da der Begriff oft für alle möglichen politischen Systeme angewandt wird, was weder theoretisch noch politisch hilfreich ist.

Sie betreiben seit vielen Jahren den Blog »Three way fight«. Welche »drei Wege« kämpfen hier?

Three way fight bedeutet, dass die revolutionäre Linke zwei Hauptgegner hat: Erstens den globalen Kapitalismus und zweitens faschistische und andere extrem rechte Kräfte, die dem globalen Kapitalismus zwar entwachsen sind, sich diesem aber gleichzeitig widersetzen.

Wir müssen beide Tendenzen bekämpfen, was jedoch unterschiedliche Strategien verlangt. Die extreme Rechte ist nicht einfach ein Werkzeug der herrschenden Klasse. Vielmehr stellt sie eine unabhängige politische Kraft dar, die liberale und pluralistische politische Systeme überwinden und mit einer rigiden autoritären Ordnung ersetzen will. Bedauerlicherweise gelingt es ihr zunehmend, sich als einzige wirkliche Alternative zum herrschenden System darzustellen. Das erschwert jeden Versuch, eine Massenbasis für tatsächlich befreiende antikapitalistische Kämpfe aufzubauen.

Matthew N. Lyons lebt als Autor und Archivar in Philadelphia. 2015 veröffentlichte er »Arier, Patriarchen, Übermenschen. Die extreme Rechte in den USA« im Unrast Verlag; kürzlich erschien bei PM Press und Kersplebedeb »Insurgent Supremacists: The U.S. Far Right's Challenge to State and Empire«. Lyons betreibt den Blog threewayfight.blogspot.com.


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