Aus: Ausgabe vom 18.05.2018, Seite 11 / Feuilleton

Wie im Fluge

Zum Tod von Dieter Ruckhaberle, einem energischen Aktivisten der Berliner Kunstszene

Von Matthias Reichelt
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Kapitalschulung als die Kunst der späten 60er Jahre: Die alten Bekannten Dieter Ruckhaberle (.) und Wolfgang Fritz Haug vor einem G-W-G’-Schaubild , 2013 in der Verdi-Bundeszentrale in Berlin

Dieter Ruckhaberle war ein Maler mit großer Leidenschaft. In der Öffentlichkeit wurde er aber vorwiegend als Aktivist in Sachen Kunst und Politik wahrgenommen. Er starb am Donnerstag vergangener Woche nach langer Krankheit im Alter von 79 Jahren.

Ruckhaberle war ein großes Organisationstalent und in Folge Galeriebetreiber, Kunstamtsleiter und schließlich Direktor der Berliner Kunsthalle. Wann immer Dieter Ruckhaberle auf der Bildfläche erschien, polarisierte er mit seinen agitatorisch und unüberhörbar in schwäbischem Ton gehaltenen Beiträgen, in denen er Kunst und Politik miteinander verband. Engagiert und mit harten Bandagen stritt und taktierte er für die Verbesserung der sozialen Lage der Künstler und ihrer Arbeitsbedingungen. Mit großer Energie schmiedete er fortwährend Pläne und Bündnisse und hob gleichsam wie im im Fluge Organisationen und Vereine aus der Taufe, was ihm auch bei seinen Gegnern großen Respekt verschaffte.

Er hatte ein Studium der Malerei absolviert, erst an der Kunstakademie in seiner Geburtsstadt Stuttgart und dann an der Hochschule der Künste in Westberlin. 1963 gründete er die Freie Galerie in der Kurfürstenstraße, für die er sogar mal einen Kritikerpreis erhielt. In TV-Dokumentationen über die Documenta 1968 ist er bei den Protesten gegen die damals relativ unpolitische Großschau neben Wolf Vostell und anderen Kritikern nicht nur zu sehen, sondern auch deutlich zu hören. Damals organisierte er auch eine Gegenausstellung.

1969 initiierte er gemeinsam mit anderen mit Künstlern der HdK Berlin und Wolfgang Fritz Haug die gemeinsame Lektüre des ersten Kapitalbandes von Karl Marx. Als ein Resultat entstand daraus das Ausstellungs- und Buchprojekt »Funktionen Bildender Kunst in unserer Gesellschaft« in der maßgeblich von Ruckhaberle mitbegründeten »Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst«. 2013 behandelten Ruckhaberle und Haug dieses Thema erneut, diesmal als Veranstaltung in der Verdi-Bundeszentrale.

Anfang der 1970er Jahre wurde Ruckhaberle Kunstamtsleiter in Kreuzberg. Viel beachtet wurde damals die Ausstellung »Mehmet kam aus Anatolien« über die Situation der Migranten in Berlin. Die Liste der von ihm mitbegründeten Institutionen und Vereine ist lang. 1989 half er, die IG Medien zu initiieren, heute ein Bestandeil von Verdi. Er war einer der Vorkämpfer für die Künstlersozialkasse und half auch die Bildhauer- und Druckwerkstatt des Berufsverbands Bildender Künstler in Berlin zu gründen. Ruckhaberles Position als Gründungsdirektor der Staatlichen Kunsthalle im Bikini-Bau war eine Ironie der Geschichte, denn er hatte sich immer gegen eine solche Institution ausgesprochen, weil er die Gängelung der Kunst durch die Politik befürchtete. Als er den Posten auf Lebenszeit erhielt, bestand Ruckhaberle auf einem Beirat, der als Kontrollgremium die Ausstellungspolitik mitbestimmen sollte. Darin saßen auch die beiden Kunstvereine der Stadt, die jeweils einmal im Jahr das Recht hatten, die riesigen Räume gegenüber der Gedächtniskirche zu bespielen. Als Ort für die Kunsthalle wäre ihm der Martin-Gropius-Bau lieber gewesen, dessen Abriss er erfolgreich mit verhindern half.

Mit vielen seiner Ausstellungen, unter anderen mit HAP Grieshaber, Alfred Hrdlicka, Günter Grass, polarisierte er allerdings ebenso, wie mit seiner persönlichen Art. 1982 präsentierte er in Kooperation mit dem Kunsthandel der DDR eine große Willi Sitte-Schau, was nicht nur in der Frontstadt höchst provokativ war. Begleitend zum Katalog gab Ruckhaberle im Verlag Fröhlich und Kaufmann einen Band mit dem profanen Titel »Theorie und Praxis. Versuch einer Information über die DDR« heraus, in dem politische Ökonomie von Marx und Engels samt Tabellen und Schaubildern zum BRD-DDR-Systemvergleich mit Werken von Sitte garniert waren. Dieser Affront führte zur Anfrage im Berliner Abgeordnetenhaus und sorgte dafür, dass der Senat ihm verbot, den Band zu vertreiben.

Ruckhaberle, der auch mal Mitglied in einer früher noch teilweise linksliberalen FDP war, hatte keine Berührungsängste mit Kommunisten und und schreckte aber andererseits als pragmatischer Taktiker auch vor anrüchigen Bündnissen wie mit Klaus-Rüdiger Landowsky von der CDU nicht zurück.

Vom Kultursenator Roloff-Momin 1993 seines Postens als Direktor der Kunsthalle enthoben und kulturpolitisch kaltgestellt, gelang Dieter Ruckhaberle Ende der 1990-Jahre nochmals ein Coup. Er sicherte Gelände und Gebäude der ehemaligen Lungenheilanstalt und späteren Psychiatrie in Berlin-Frohnau langfristig als preiswerte Ateliers für ca. 30 Künstlerinnen und Künstler.

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