Aus: Ausgabe vom 18.05.2018, Seite 7 / Ausland

»Ein ganz normaler Arbeitstag«

In einer türkischen Fabrik in Serbien streikten die Beschäftigten, anschließend wurden mehrere entlassen

Von Roland Zschächner
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Partner des Kapitals: Der serbische Präsident Aleksandar Vucic und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan am 7. Mai in Ankara

Die Beziehungen zwischen Belgrad und Ankara sind blendend, zumindest wenn man den offiziellen Verlautbarungen Glauben schenken will. Vor allem der wirtschaftliche Austausch floriere. Doch die Arbeiter der Textilfabrik Kaizen in der serbischen Stadt Smederevo können von der Kehrseite des türkischen Engagements auf dem Balkan berichten. Am vergangenen Freitag streikten sie, weil sie ihre Löhne nicht erhielten und Überstunden nicht bezahlt wurden. Außerdem seien die Arbeitsbedingungen katastrophal. Arbeitstage von bis zu zwölf Stunden seien keine Seltenheit, Verträge werden nur für drei bis fünf Monate ausgestellt, obwohl Angestellte bereits mehr als zwei Jahre in der Fabrik, die zum türkischen Konzern Kardem gehört, beschäftigt seien.

Die Reaktion des Unternehmens folgte prompt. Am Samstag wurden mehrere Arbeiter vor die Werksleitung zitiert, wo ihnen mitgeteilt wurde, dass sie entlassen seien, wie serbische Medien berichteten. Um einen Zusammenhang mit dem Streik zu umgehen, warf Kaizen den Entlassenen vor, sie hätten »vertrauliche Informationen« an die Öffentlichkeit weitergegeben. Dies bezog sich unter anderem auf einen Eintrag auf Facebook. Bei dem Post handelt es sich um ein Bild von einer Versammlung von Arbeitern, dazu der Satz: »Ein ganz normaler Arbeitstag«.

Das Unternehmen erklärte in einer Pressemitteilung, dass der Streik, der durch ein »Missverständnis« ausgelöst worden sei, gegen das Gesetz verstoßen habe, weil er nicht angekündigt wurde. Srdjan Cicmil, einer der entlassenen Arbeiter, wies gegenüber der Nachrichtenseite Insajder den Vorwurf zurück: »Unser Streik war angeblich illegal, weil es keine Gewerkschaft in dem Betrieb gibt. Aber es gibt bei uns keine Gewerkschaft, weil es uns untersagt wurde, eine zu gründen.« Die Kaizen-Arbeiter berichteten zudem von anderen Fällen, bei denen immer wieder gegen serbisches Recht verstoßen werde, ohne dass sich die Behörden darum kümmerten.

Vor allem Frauen seien von den schlechten Arbeitsbedingung betroffen, wie Dragana Nevenkic berichtete. Viele von ihnen würden schikaniert. Mobbing sei an der Tagesordnung. »Ich bin alleinerziehend und habe zwei Kinder. Ich brauche wie viele einen Job, deswegen arbeite ich und schweige. Viele Frauen in Serbien sind in der gleichen Situation wie ich: Sie sind still, leiden und arbeiten«, so Nevenkic.

Die miserablen Arbeitsbedingungen in Serbien sind ein Resultat der kriegerischen Zerstörung Jugoslawiens. Seitdem ist die Wirtschaft der ehemaligen sozialistischen Republiken weitgehend zerstört. Die zuvor von den Arbeitern selbstverwalteten Unternehmen wurden privatisiert oder gezielt in den Bankrott geführt. Serbien setzt nun auf »ausländische Direktinvestitionen«. Firmen werden günstige und gutausgebildete Arbeitskräfte sowie staatliche Subventionen versprochen.

Auch türkische Konzerne wollen etwas vom Kuchen abhaben, vor allem, weil sie von Serbien aus sowohl den europäischen wie den russischen Markt bedienen können. Im vergangenen Jahr betrug das Handelsvolumen zwischen Serbien und der Türkei 1,1 Milliarden US-Dollar. Dieses soll bis auf zwei Milliarden US-Dollar in den kommenden Jahren anwachsen. Insgesamt seien laut der türkischen Zeitung Daily Sabah insgesamt zehn türkische Textilunternehmen und ebenso viele Automobilzulieferfirmen in dem Balkanland aktiv. Sie hätten bereits 100 Millionen US-Dollar in dem Land »investiert«.

Kardem eröffnete die Fabrik in Smederevo 2016. Damals wurde angekündigt, bis 2017 bis zu 800 Arbeiter anzustellen. Doch es blieb bei rund 300 Beschäftigten, wobei die Produktion immer weiter gesteigert wurde. Gleichzeitig muss das Unternehmen nicht befürchten, vom serbischen Staat oder durch dessen Behörden für die anhaltenden Arbeitsrechtsverletzungen belangt zu werden.

Begleitet wird die türkische Expansion durch enge politische Kontakte zwischen dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic und seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan. Im Oktober 2017 besuchte Erdogan Belgrad, Anfang vergangener Woche war Vucic in Ankara zu Gast. Vor allem die wirtschaftliche Zusammenarbeit wurde bei dem Treffen von beiden Seiten immer wieder beschworen – Arbeitsrechte spielten keine Rolle.

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