Aus: Ausgabe vom 18.05.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Pipelines für deutsche Industrie

Erdgas wird immer wichtiger für die BRD. Russland ist traditionell der bedeutendste Lieferant

Von Jörg Kronauer
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Lubmin: Ein Bagger arbeitet im Greifswalder Bodden am Unterwassergraben der Ostseepipeline Nord Stream 2 (15. Mai 2018)

Russisches Erdgas spielt für die Bundesrepublik eine strategisch herausgehobene Rolle. Erdgas stellt insgesamt einen wachsenden Anteil am deutschen Energiemix: Im vergangenen Jahr ist sein Anteil am Primärenergieverbrauch von 22,7 Prozent auf 23,8 Prozent gestiegen. Nur Mineralöl (34,5 Prozent) trägt noch mehr zur deutschen Energiegewinnung bei. Und der Gasverbrauch wird wohl weiter zunehmen. Einerseits wegen des Atomausstiegs, andererseits, um den Kohleverbrauch zu begrenzen. Der Rohstoff gilt in der Energiebranche als Brückenressource beim Umstieg auf erneuerbare Energien. Nun geht allerdings die Erdgasförderung in Deutschland selbst seit Jahren zurück. Konnte die Bundesrepublik im Jahr 2006 noch rund 16 Prozent ihres Verbrauchs aus eigenen Quellen decken, so waren es 2016 nur noch 7,1 Prozent. Bislang wird nur ein einstelliger Prozentsatz mit flexibel importierbarem Flüssiggas (Liquefied natural gas, LNG) gedeckt. Die BRD verfügt über kein eigenes Importterminal.

Der größte Teil des in der Bundesrepublik verbrauchten Erdgases wird also per Pipeline ins Land transportiert werden. Unter den Lieferanten aber ist Russland traditionell der wichtigste. Im Jahr 2015 stellte es laut Angaben der Bundesagentur für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) gut 31,3 Prozent des verbrauchten Erdgases bereit. Damit lag es vor den Niederlanden (29,7 Prozent) und vor Norwegen (29,6 Prozent). Und die Einfuhren aus Russland werden wohl steigen. Norwegen hat in den vergangenen Jahren seine Exporte nach Deutschland ausgeweitet. Allerdings ist unklar, ob es das hohe Niveau seiner Lieferungen halten kann. Die Niederlande werden als Erdgaslieferant wohl bald ausfallen. Sie beliefern die BRD vor allem aus Europas größtem Gasfeld bei Groningen, das allerdings nicht aufrechterhalten werden kann. In der Förderregion hat sich der Erdboden gefährlich abgesenkt. Nach einem Erdbeben im Jahr 2012 wurde entschieden, die Fördermenge zu kürzen. Nach einem weiteren Erdbeben im Januar hat Wirtschaftsminister Eric Wiebes den Komplettausstieg aus der Förderung beschlossen. Recht kurzfristig wird also umfangreicher Ersatz benötigt. Nach Lage der Dinge aber kann er eigentlich nur aus Russland kommen.

»Nord Stream 2« hilft dabei. Moskau hat auch mit Blick auf die Entwicklung in den Niederlanden sogar schon Überlegungen über eine künftige Nord-Stream-3-Pipeline in den Raum gestellt. An Nord Stream 1 und 2 sind deutsche Konzerne – Uniper und Wintershall – maßgeblich beteiligt. Das gewährt ihnen erheblichen Einfluss auf die Verteilung russischen Gases in der EU. Wintershall ist darüber hinaus auch in gewaltige Förderprojekte in Sibirien involviert. Zusammengenommen sichert das deutschen Unternehmen eine starke Stellung im internationalen Erdgasgeschäft – also etwas, das Berlin im ganz großen Geschäft mit Erdöl durchaus vermisst. Freilich benötigt die deutsche Industrie dafür Nord Stream 2.


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