Aus: Ausgabe vom 17.05.2018, Seite 11 / Feuilleton

Achtung, Ferrari! Achtung, Pferdekutsche!

Tradition, Empörung, Wehmut: Ein neuer Lyrikband von Jan Koneffke

Von Werner Jung
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»Land der falschen Polizisten« (Rumänien)

Der erfolgreiche Roman­autor Jan Koneffke (zuletzt »Ein Sonntagskind«, 2015) schreibt immer wieder auch Gedichte. Es handelt sich um Gelegenheitsgedichte im besten Sinne. Goethe nannte diese Art der Lyrik »die erste und echteste aller Dichtarten« (»Dichtung und Wahrheit«). Koneffkes neuer Band ist in vier Abteilungen gegliedert, die von Erinnerungsfragmenten aus Kindheit, Jugend und Studientagen über Auseinandersetzungen mit Geschichte und Gegenwart seiner (Wahl-)Heimat Rumänien bis zu skeptischen Zukunftsvisionen reichen. Was die Formsprache, vor allem Reim und Rhythmus, angeht, kommt die Lyrik in diesem Band ganz traditionell daher. Ein Manko ist das nicht, im Gegenteil. Bisweilen erreichen die Texte geradezu klassisches Format, lassen etwa an Wilhelm Busch denken (»Das Gute – dieser Satz steht fest – / Ist stets das Böse, was man lässt«, »Die fromme Helene«, 1872).

Am Ende des elegischen Gedichts »Wovon man sich in seinem Leben trennt« heißt es zum Beispiel: »Einbildungen mit verstrichener Ablauffrist / Erinnerungen an das was man vermisst«. In der Luftspiegelung eines junges Paares im Freibad wird das lyrische Ich seiner ersten Liebe gewahr, die ihm fremd geworden ist: »als mich das Paar bemerkt und nicht erkennt/ zerreißt mich was uns voneinander trennt«. Auch von Wut und Empörung ist die Rede. Der Lyriker Koneffke mischt sich ein, prangert Missstände an, verurteilt Fehlentwicklungen in diesem »Land aus Kohl- und Bohnerfettgeruch / der gegen Grauschleier zu Felde zieht« (BRD) wie in jenem »Land der falschen Polizisten« (Rumänien): »Achtung Ferrari Achtung Pferdekutsche«.

Oft ist eine gehörige Portion Wehmut im Spiel, die sich mit sanfter Ironie paart, wenn das Ich etwa an vergangene Studienzeiten in Berlin denkt: »es steht nicht mehr das Haus wo ich verging // vor Dichterwehmut Welterkenntnisdrang / mein junges Herz: empfindsam und erhaben / liebte das Absolute: aussichtslos // im Strahlenkranz von Tschernobyl und Pershing / Buchwissen schluckte Seminarkram tippte / zur Irren schielte die am Fenster strippte.«

Zu hoffen wäre, dass diese Flaschenpost auch in der Zukunft noch gelesen und ihr Verfasser damit eines Besseren belehrt wird.

Jan Koneffke: Als sei es dein. Gedichte. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2018, 96 Seiten, 19,80 Euro

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