Aus: Ausgabe vom 17.05.2018, Seite 10 / Feuilleton

Nicht sendefähig

Von Thomas Wagner
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»Wer von außen Einblick in unseren Gedankenfluss nähme, würde mit einem sich ständig wandelnden chaotischen Durcheinander konfrontiert« – das gilt besonders für Spacecowboy Elon Musk

Im vergangenen Jahr kündigte der Milliardär Elon Musk an, dass sein 2016 gegründetes Unternehmen Neuralink an einer direkten Verbindung zwischen menschlichem Gehirn und Computern arbeitet. Das materielle Verbindungsglied sind Elektroden, die in das Gehirn implantiert werden. Diese Prothesen sollen dabei helfen, gleich zwei ehrgeizige Ziele zu erfüllen. Zum einen sollen die Menschen bei der rasanten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) buchstäblich nicht den Anschluss verlieren. Durch die direkte Verbindung mit dem menschlichen Gehirn, so glaubt Musk, ließen sich die nach seiner Prognose immer selbständiger werdenden Rechenmaschinen besser kontrollieren. Zum anderen geht es dem Gründer des Elektroautobauers Tesla und des Weltraumfahrtunternehmens Space X darum, eine direkte Gehirn-zu-Gehirn-Kommunikation zwischen Menschen ohne Vermittlung einer dazwischengeschalteten Symbolsprache zu ermöglichen. Sprechen und Schreiben, meint der Unternehmer, sind schon bald veraltete Technologien, bei denen ein ursprünglich im Gehirn vorhandener Datenreichtum verlorengeht. Die Zukunft gehöre der Telepathie.

Gegen die Realisierbarkeit der direkten Übertragung von Gedankeninhalten von einem Menschen zum andern hat der Wissenschaftsjournalist Manfred Dworschak prinzipielle Einwände vorgetragen, die sich nur schwer werden entkräften lassen. Damit diese Form des Gedankenlesen gelingen könne, müssten die Menschen Bilder oder Texte bereits im Gehirn erzeugen. Das tun sie jedoch nicht. Wer von außen Einblick in unseren Gedankenfluss nähme, würde mit einem sich ständig wandelnden chaotischen Durcheinander konfrontiert. »Der Strom des Bewusstseins ist unstet, kaum geordnet und nicht leicht zu steuern. Gedanken tauchen auf, springen der nächstbesten Assoziation hinterher, Gefühlsregungen funken dazwischen. Eine Kohlmeise, die ans Fenster pickt, und der Einfall von eben ist wieder vergessen«, so Dworschak (Der Spiegel, Nr. 12/17.3.2018). Kaum jemand wäre in der Lage, sich auch nur seine eigene Wohnung in allen Details vor Augen zu führen. Klare, abgrenzbare Gedanken entstehen erst, wenn wir Wörter und Sätze formulieren – sei es beim Sprechen oder wenn wir sie niederzuschreiben versuchen. »Und erst damit«, so Dworschak, »werden sie auch vermittelbar. Bis dahin verstanden wir ja selbst noch kaum, worauf das hinauswollte. Es ist eine Illusion zu glauben, das Gehirn sei voll von sendefähigem Material, das nur darauf warte, ins Nachbargehirn überspielt zu werden.« Eine wahrnehmbare Gestalt nehmen Gedanken erst an, wenn sie aus dem Kopf heraus sind: als Wörter und Bilder.

Das gelte auch für Erinnerungen, die sich niemals einfach »herunterladen« lassen würden. Denn das, was wir Erinnerung nennen, sei nicht auf die gleiche Weise im Gehirn gespeichert wie ein Foto auf einer Festplatte. »Wenn ich mich etwa an einen Verkehrsunfall erinnere«, erläutert Dworschak, »baue ich jedes Mal die Szene neu auf: das Krachen, den Geruch nach verbranntem Reifengummi, den Vogel, der erschrocken aufflatterte. All diese im Kopf verstreuten Fragmente setze ich zusammen.« Würde jemand versuchen, die Erinnerung an den Zusammenstoß zu überspielen, wäre das Ergebnis für den Empfänger unverständlich. Wer den Unfall auf herkömmliche Weise erzählt bekäme, könne in seinem Kopf die Szene entstehen lassen. So funktionierte Kommunikation.

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