Aus: Ausgabe vom 17.05.2018, Seite 10 / Feuilleton

Realismus und Rohheit

Lothar Lambert hat schon Mumblecore gemacht, als noch keiner wusste, was das ist. Nun hat er einen Film über sich, sein Werk und Berlin gedreht

Von Matthias Reichelt
Verdammt nochmal Berlin - Lothar Lambert im Schwulen Museum .jpg
Lothar Lambert zweimal auf der Couch im Schwulen Museum Berlin

»Nur fliegen ist schlimmer. Höhenangst rangiert auf der Liste meiner Ängste ziemlich weit vorn«, offenbart der Regisseur Lothar Lambert auf der Aussichtsplattform des Berliner Funkturms. Sein Blick streift über das alte Westberlin, das er in den 1970er und 1980er Jahren zum Schauplatz seiner Filme gemacht hatte. Die waren Low Budget und selbstproduziert. Nun kommt sein längster und vielleicht persönlichster Film ins Kino: »Verdammt noch mal Berlin – Fucking City revisited«.

Es geht um Lambert selbst. Im Gespräch mit dem Filmjournalisten und Stadtforscher Jan Gympel lässt er seine Drehorte, Produktionsbedingungen und auch Rezeption Revue passieren. Lamberts Erzählung, meist aus dem Off, bietet Anlass, viele Originalszenen aus den Filmen einzuspielen und im Gegenschnitt die heutigen Orte zu präsentieren. Zu Wort kommen auch Freunde und Mitglieder der legendären »Lambert-Family«, die in seinen Filmen mitgespielt haben, vorwiegend Laien, aber mitunter auch Profischauspieler. Ganz honorarfrei überwanden sie ihre Schamgrenzen und ließen sich nicht nur nackt auf manche Abenteuer vor der Kamera ein. Nicht alle haben das ohne Blessuren überstanden, und einige fühlen sich ausgebeutet, was sie vor der Kamera auch zur Sprache bringen.

»Dann zieh dich doch mal aus. Das ist was ganz Avantgardistisches, Mann, das ist eine ganz schrille Punktragödie«, so köderte Lambert die zögerliche Dennis Buczma an ihrem ersten Drehtag – als Leiche in dem Film »Fucking City«, 1981 im Obduktionsraum eines Krankenhauses in Berlin-Wilmersdorf.

Die hohe Qualität von Lamberts Filmen entsteht unter anderem durch die Integration origineller, unverstellter Charaktere, weshalb er eher an Laiendarstellern interessiert ist. Hinzu kommen seine Liebe zur Spontanität und die Verweigerung von Perfektion. Durch das Ungehobelte, das Rohe in seinen Filmen ist Lambert viel näher am Realismus als so manch anderer ambitionierter Regisseur. Bei all seinen Produktionen vermittelt er die Lust der Beteiligten am Spiel, was sich auch auf die Zuschauer überträgt. Lamberts Offenheit, seine Fähigkeit, sich vor der Kamera in Auseinandersetzungen mit den Darstellern zu begeben und sich dabei auch noch filmen zu lassen, beweisen Humor und Selbstironie.

Low-Budget-Filme mit improvisierten Dialogen und kleinem Stab, gedreht in Privaträumen, werden neuerdings als Mumblecore bezeichnet. Diese Definition trifft auf alle 39 Filme von Lambert zu und machte ihn bereits in den 1970er Jahren zu einem Avantgardisten, der von den Fernsehanstalten oft und absichtlich übersehen wurde. Die Ablehnung eines Koproduktionsantrags für »Drama in Blond« (1984) begründete die Redakteurin von »Das kleine Fernsehspiel« ganz ehrlich mit den Worten: »Es tut mir leid, aber da liegen wir einfach geschmacklich zu weit auseinander.«

Fatalerweise wird Lambert vorschnell in die Schublade »Schwuler Filmemacher« gepackt, obgleich er vielen Formen sexueller Vorlieben und Identitäten Raum gibt und seine Filme immer einem emanzipativen und humanistischen Credo folgen: Lebe so, wie du dich siehst und fühlst.

Der Filmhistoriker Claus Löser wundert sich in »Verdammt noch mal Berlin – Fucking City revisited« völlig zu Recht, dass ein enorm politischer Film wie »Ein Schuss Sehnsucht – Sein Kampf« von 1973 in den aktuellen Rückschauen auf »1968« nicht wiederentdeckt wurde. In diesem Werk verbindet Lambert den Kampf um die sexuelle Identität mit dem Protest gegen das politische System und spielt auch die Hauptrolle: einen Finanzbeamten, der schließlich im bewaffneten Kampf landet.

Lothar Lambert dreht weiter. Mit »Verdammt noch mal Berlin – Fucking City revisited« ist ihm eine rasante und höchst amüsante Reise zurück in seine alten Filme gelungen – und in ein Berlin, das verschwunden ist.

»Verdammt noch mal Berlin – Fucking City revisited«, Regie: Lothar Lambert, Deutschland 2016/17, 112 min. Läuft in Berlin in der Brotfabrik (17.5.–23.5.) und in den Tilsiter Lichtspielen (25.5.–27.5.)

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