Aus: Ausgabe vom 15.05.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Eher gedenke ich der Nakba«

70 Jahre Israel: In Deutschland parteienübergreifende Jubelstimmung, Kritik kommt von israelischen Linken

Von Peter Schaber
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»Hört auf zu schießen«: Linke Israelis demonstrieren in Berlin gegen Angriffe der israelischen Armee auf Gaza (30.7.2014)

Am 14. Mai 1948 verlas David Ben-Gurion die israelische Unabhängigkeitserklärung. Die Feierlichkeiten anlässlich des 70. Jahrestages in Israel selbst fanden, nach jüdischem Kalender, bereits am 18. April statt. Sie entsprachen in etwa denen in jedem anderen Land, das sein Jubiläum zelebriert: viele Fahnen, viel Patriotismus, viele Reden über die Einzigartigkeit der eigenen Nation. Premier Benjamin Netanjahu vom rechten Parteienbündnis Likud sah sein Land auf dem Weg zur »Weltmacht«, beschwor religiöse wie säkulare Gründungsmythen, drohte den Feinden Israels.

Die Botschaft war klar: Israel ist der Staat der Juden. Die Rechtsregierung vertritt dessen Sicherheitsinteressen. Die müssen vor allem militärisch durchgesetzt werden, denn die Gegner Israels – diverse palästinensische Gruppen und ihre Unterstützer, egal ob in Israel oder im Ausland – handeln aus niederen Beweggründen.

Diese Auffassung teilen in Deutschland, anders als im Rest der Welt, auch viele sich ansonsten als progressiv verstehende Gruppen. Die Partei Die Linke etwa attestierte in einem mit den Grünen gemeinsam verabschiedeten Antrag für eine Resolution im Bundestag zur Gründung, Israel sei ein »Schutzraum« der Jüdinnen und Juden, in dem sie »frei und selbstbestimmt« leben könnten. Den Einsatz für die »Sicherheitsinteressen« dieses Staates wolle man weiterhin als »zen­trales Prinzip der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik« beibehalten – eine verklausulierte Rechtfertigung auch für Waffenexporte in die Region. Initiativen wie »Boycott Divestment and Sanctions« (BDS), die in Solidarität mit den Palästinensern ökonomischen Druck auf die israelische Regierung aufbauen wollen, lehne man »entschieden ab«.

Anders als im Fall anderer Staaten gilt vielen Linken in Deutschland nicht die israelische Linke als Bezugspunkt, sondern Konservative und Regierungsinstitutionen. Wenn sich kritische Intellektuelle oder Kampagnen wie BDS, Organisationen wie die »Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost« oder »Jewish Antifa Berlin« zu Wort melden, geht es häufig nicht um Dialog oder Austausch – sondern um Diffamierung.

Es braucht Druck von außen

»Benehme ich mich nicht als die ›gute Jüdin‹, die die Deutschen sehen wollen, dann werde ich sofort verteufelt – als Antisemitin, als Nestbeschmutzerin«, kritisiert Iris Hefets von der Jüdischen Stimme. »Und das sagen Linke, die Kritik an ihrer eigenen Regierung üben. Aber mir nicht zugestehen wollen, meine Position gegenüber meiner Regierung zu haben.«

Vor 16 Jahren verließ die heute 53jährige Israel. Geboren in einer, wie sie sagt, »stockzionistischen Familie« im Süden des Landes, leistete sie Militärdienst als überzeugte Zionistin, brachte es bis zur Offizierin in den Israeli Defence Forces (IDF). Irgendwann merkte sie, das »etwas nicht stimmte«. Sie hörte von der »Nakba« – arabisch für »die Katastrophe« –, der massenhaften Vertreibung von Palästinensern vor und während der Staatsgründung Israels. »Wenn man Jüdin ist und in Israel lebt, soll man auf eine bestimmte Weise denken. Wer davon abweicht, gilt als Verräter«, so Hefets. Heiraten hätte sie in Israel auch nicht können, ihr Mann ist Nichtjude, »Mischehen« im Land unmöglich. Für sich und ihre Familie sah sie keine Perspektive mehr.

Heute sieht sie sich als Antirassistin und wendet sich gegen die Verletzung der Rechte von Palästinensern und der ebenfalls diskriminierten Misrachi-Juden in Israel, gegen den Siedlungsbau, gegen die regelmäßigen Angriffe der IDF auf den Gazastreifen. In das Bild deutscher »israelsolidarischer« Linker passt das nicht. Denn Iris Hefets unterstützt auch die BDS-Kampagne. In Israel selbst sieht sie immer weniger Opposition. Angst, Konformismus und Nationalismus prägen das gesellschaftliche Klima. Es brauche Druck von außen, um die Erstarrung aufzubrechen.

Ende der Diskriminierung

»Ich feiere nicht am Gründungstag. Eher schon gedenke ich der Nakba«, sagt Elisheva Kutchuk. Aufgewachsen in einer zionistischen Familie in den USA, sah sie Israel immer als ihre eigentliche Heimat an. »Ich hätte das damals nicht so genannt, aber ich fühlte zum ersten Mal einen starken Nationalismus in mir«, erinnert sich Kutchuk. Im Alter von 20 Jahren entschloss sie sich, nach Israel zu ziehen und ihrem Staat zu dienen – mit der Waffe in der Hand. Sie meldete sich zu einer Kampfeinheit der Armee, wurde in der Westbank stationiert. »Wir waren im wesentlichen da, um die Siedlungen zu schützen, hin und wieder gingen wir in die palästinensischen Dörfer, um Leute zu verhaften. Warum, das wussten wir nicht«, erzählt sie. Elisheva Kutchuk kamen Zweifel. »Wir erzogen hier Generation um Generation dazu, uns zu hassen. Wie hilft das unserer Sicherheit?«

Sie begann, kritische Bücher zur Geschichte Israels zu lesen, nach der Militärzeit arbeitete sie in einer NGO, die sich für Frieden zwischen Palästina und Israel einsetzt. Sie hörte zu, wenn Palästinenser von ihren Erfahrungen erzählten. Der Bruch mit den eigenen früheren Überzeugungen wurde tiefer.

Auch bei Elisheva Kutchuk war die Entscheidung, nach Berlin umzuziehen – neben anderen Gründen – politisch motiviert. »Ich bin sehr pessimistisch, dass sich in Israel etwas ändert«, gesteht sie ein. Dennoch engagiert sie sich hier in Initiativen gegen die Besatzung. Was geschehen müsste, damit etwas besser wird? »Der erste Schritt ist, dass den Palästinensern gleiche Rechte zugestanden werden müssen. Besatzung und Diskriminierung müssen enden«, ist die frühere IDF-Soldatin überzeugt. »Erst dann kann es eine Perspektive geben, eine Ein- oder Zweistaatenlösung umzusetzen, die Aussicht auf Erfolg hat.« Praktikabel fände Kutchuk etwa eine Regelung wie in der Europäischen Union: »Man könnte dann leben, arbeiten und studieren, wo man will, aber hätte unterschiedliche Staatsbürgerschaften.«

Elisheva Kutchuk und Iris Hefets vertreten keine kuriosen Positionen. Die israelische Linke – im Land wie im Exil – ist vielfältig, wenn sie auch keine Massenbewegung ist: Kommunisten, Sozialisten, Liberale und Humanisten in zahlreichen NGO, Medienprojekten, Initiativen und Parteien tun das, was Linke in jedem Land tun sollten: ihren eigenen Staat kritisieren. Die deutsche Linke ist schlecht beraten, sie dafür zu exkommunizieren und zu diffamieren.


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