Aus: Ausgabe vom 15.05.2018, Seite 1 / Titel

Palästina unter Feuer

Proteste gegen Besatzung: Viele Tote und Verletzte in Gazastreifen und Westjordanland. Netanjahu spricht von »glorreichem Tag«

Von Freya Fraszcak, Ramallah
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Ein verletzter Mann wird am Montag im Gazastreifen in Sicherheit gebracht

Gewaltsame Zusammenstöße zwischen palästinensischen Demonstranten und israelischen Soldaten haben am Montag die Eröffnung der neuen US-Botschaft in Israel überschattet. Zu der Zeremonie in Jerusalem hatten sich rund 800 Gäste versammelt, unter ihnen US-Finanzminister Steven Mnuchin, Präsidententochter Ivanka Trump sowie ihr Mann und Trump-Berater Jared Kushner.

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Israelische Soldaten zielen am Montag in Ramallah auf palästinensische Demonstranten

Schon die Wahl des Datums der Verlegung der diplomatischen Vertretung aus Tel Aviv in das von beiden Seiten als Hauptstadt beanspruchte Jerusalem musste von den Palästinensern als Provokation verstanden werden. Sie gedenken am heutigen Dienstag des 70. Jahrestages der »Nakba« (Katastrophe), der Vertreibung von rund 700.000 Menschen im Zuge der Staatsgründung Israels 1948. Sie mussten damals ihre Heimat verlassen und flohen nach Libanon, Syrien, Ägypten und Jordanien. Bis heute gibt es dort riesige Flüchtlingslager, und die Menschen fordern nach wie vor, zurückkehren zu dürfen. Die Nakba sei der »dunkelste Tag« in der Geschichte Palästinas, formulierte es Fatah-Sprecher Mohammed Al-Namura gegenüber junge Welt. »Für uns ist dieser Tag wichtig, weil wir heute zeigen, dass wir mit dem aktuellen Status als besetztes Gebiet nicht einverstanden sind.«

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Steine gegen Panzer: Protest am Montag in Khan Younis

Zehntausende Menschen versammelten sich am Montag im Gazastreifen und zogen zu der von der israelischen Armee hermetisch abgeriegelten Grenze. Dort eröffneten die israelischen Soldaten das Feuer auf die Demonstranten. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums vom Nachmittag wurden mindestens 43 Menschen getötet, unter ihnen fünf Jungen und ein Mädchen unter 18 Jahren. Die Zahl der Verletzten belief sich auf fast 2.000 Menschen, unter ihnen 200 Kinder.

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Der Qualm brennender Autoreifen soll den israelischen Soldaten die Sicht auf die Demonstranten versperren

Medienberichten zufolge bombardierte die israelische Luftwaffe zudem erneut den Gazastreifen. Der Angriff habe sich gegen »fünf terroristische Ziele« in einem Ausbildungslager der Hamas im Norden des Küstengebiets gerichtet, erklärte die Armee am Montag. Es handele sich um eine Reaktion »auf die gewaltsamen Aktionen der Hamas in den vergangenen Stunden«.

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Trauer um die Toten: Bis zum Nachmittag stieg die Zahl der Getöteten auf 43

In Ramallah im Westjordanland versammelten sich rund 30.000 Menschen zu einem Protestmarsch zum Checkpoint Kalandia, dem wichtigsten Kontrollposten der israelischen Armee zwischen dem nördlichen Westjordanland und Jerusalem. Ahmed, ein elfjähriger Junge, der seine Mutter in der Stadt zurückgelassen hatte, um am Marsch teilzunehmen, erklärte gegenüber junge Welt: »Ich bin hier, weil ich in meine Heimat zurückkehren will, die Israel uns weggenommen hat. Ich will mein Land verteidigen.« Dabei waren diesmal auch ältere Menschen, Frauen und Mädchen, die sich sonst bei den Auseinandersetzungen zurückhalten. Schon seit der Mittagszeit hatten die Soldaten unzählige Tränengasgranaten auch auf friedliche Demonstranten abgefeuert. Alle paar Minuten ertönten die Sirenen der Krankenwagen, die Verletzte in Sicherheit brachten. »Allahu akbar«, rief ein Mädchen als Antwort auf den Gasbeschuss. Eine Gruppe von etwa 1.000 meist jungen Männern begann, Steine auf die Soldaten zu schmeißen. Brennende Autoreifen wurden als Barrikaden benutzt, die israelischen Soldaten antworteten mit noch mehr Tränengas.

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Ein »glorreicher Tag«: Benjamin Netanjahu, Jared Kushner, Ivanka Trump und Reuven Rivlin am Montag bei der Eröffnung der neuen US-Botschaft in Jerusalem

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sprach in Jerusalem von einem »glorreichen Tag«. »Danke, Präsident Trump, dass Sie den Mut hatten, ihre Versprechungen einzuhalten!« Es sei »ein großer Tag für den Frieden«.

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