Aus: Ausgabe vom 12.05.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Unheilbar

Von Arnold Schölzel

Der Hauptfeind steht im eigenen Land: Die Mehrheit der Bevölkerung ruft nicht nach Krieg, im Gegenteil. Zumindest einer stemmt sich jetzt gegen die Wehrkraftzersetzung, der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn, von 1981 bis 2012 an der Universität der Bundeswehr in München tätig. Er erteilte dem Defätistenkollektiv der Deutschen am 4. Mai in Die Welt unter dem Titel »Wir schaffen es nicht« eine Lektion. Denn gemeint sei damit »zur Abwechslung« nicht »das schon jetzt absehbare Scheitern staatlicher Integrationspolitik«, die Rede sei »vom ebenfalls absehbaren Scheitern unserer Sicherheitspolitik nach außen und innen«.

Es hapere im »sicherheitspolitischen Entwicklungsland« an Gefahrenanalyse und einer faktenbasierten Strategie. Schuld daran sei weniger oder zumindest nicht nur »die« Politik, »wir«, in Großbuchstaben gedruckt, seien es, »jedenfalls die meisten von uns«. Zu denen zählt sich Wolffsohn nicht, er belehrt »die meisten« daher: »›Die‹ Politik reagiert nur. Sie liefert seit Jahrzehnten, was wir wahrnehmen und wünschen: eine friedliche Welt.« Dem ist zu entnehmen: Die bald 20 Jahre andauernde bewaffnete deutsche Beteiligung an den Feldzügen des Westens von Kosovo und Afghanistan bis hin zu Mali, Syrien und Irak entsprang dem Wunsch der Mehrheit nach einer friedlichen Welt. Die in Berlin Regierenden vollstreckten lediglich den allgemeinen Willen. Auf diese großartige Idee war nicht einmal der Kriegspfaffe Joachim Gauck gekommen. Er stufte kurz nach Amtsantritt als Bundespräsident im Juni 2012 das deutsche »Wir« als »glückssüchtig« ein, also als krankhaft abhängig, weil es so ungern an neue deutsche Kriegsversehrte und noch viel weniger gern daran denke, »dass es wieder deutsche Gefallene gibt«.

Wolffsohn geht endlich über Gauck hinaus: Nicht nur »die« Gesellschaft hat moralisch abgerüstet, ihre Regierung auch. Das konnte der Staatschef schlecht sagen. Der Bundeswehr-Gelehrte hält nun beiden, Gesellschaft und Politik, den Spiegel vor und diagnostiziert »Wirklichkeitsdefizite«, »Zukunftsschwäche« und andere Leiden. Denn: »Indem sie seit Jahrzehnten ›Nie wieder!‹ rufen, ähneln sie Autofahrern, die nur in den Rückspiegel schauen, so dass es vorne kracht.« Das »Nie wieder« sei ja »eigentlich sympathisch«, es habe »die alte deutsche Krankheit, das alte und kruppstahlharte Ich des deutschen Michels« dauerhaft besiegen wollen, gewählt aber hätten »wir« mehr Wohlfahrt als Sicherheit.

Wer bisher annahm, die deutsche Exportquote und ihre militärische Absicherung seien zur Zeit Triebfedern deutscher Politik, so wie es in den »Verteidigungspolitischen Richtlinien« seit 1992 wiederholt formuliert wurde, erfährt durch Wolffsohn: Stimmt nicht. Fettlebe und Ruhe sind’s deutsche Panier. Und wenn schon geistig-moralischer Verfall, dann aber richtig: »Undankbar und übermütig, nörgelten wir – nicht erst seit dem Republikaner Trump – an ›den‹ Amerikanern herum.« Die Bundesrepublik – sittlich ein Schweinestall.

Auch in der inneren Sicherheitspolitik: Erst »Nie wieder Antisemitismus!« rufen und dann »den roten Teppich« für »alleinstehende junge Männer aus islamischen Staaten« auslegen, die ohne Papiere, mit Handy »sowie mit eingetrichtertem religiösem oder nahostpolitischem Judenhass« kommen, ein »Import gefährlicher Judenhasser«. Die Bundesrepublik – eine antisemitische Zuwanderungsveranstaltung.

Wer wie ein Rassist redet, ist vielleicht einer. Wolffsohn vermisst das Bekenntnis zum imperialistischen, also stets auch mit rassistischer Mobilisierung geführten Krieg und hält es folgerichtig mit Pseudomedizin: »Wenn überhaupt, kann die deutsche Krankheit nicht kurzfristig geheilt werden. Wir schaffen es – nicht.« Schön wär’s, Mordspatriot.

Wer wie ein Rassist redet, ist vielleicht einer. Wolffsohn vermisst das deutsche Bekenntnis zum imperialistischen, also stets auch rassistischen Krieg.


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