Aus: Ausgabe vom 12.05.2018, Seite 7 / Ausland

Folterzentren in Tumaco

Keine Spur von Frieden in Kolumbien

Von Ani Dießelmann
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Während die Guerilleros der ELN mit der kolumbianischen Regierung verhandeln, verbreiten ultrarechte Paramilitärs Angst und Schrecken

In Kolumbien zeichnet sich möglicherweise eine Lösung des Dramas um den FARC-Politiker Jesús Santrich ab. Der ehemalige Guerilla-Comandante war Anfang April aufgrund eines US-Haftbefehls wegen angeblicher Verwicklung in den Drogenhandel verhaftet worden. Santrich trat daraufhin in den Hungerstreik und kündigte an, lieber zu sterben als sich an die USA ausliefern zu lassen. Seit mehr als einem Monat verweigert er die Nahrungsaufnahme und befindet sich Medienberichten zufolge inzwischen in akuter Lebensgefahr. In der Nacht zum Freitag wurde er nach Vermittlung durch die katholische Kirche in ein Haus der religiösen Stiftung »Wege der Freiheit« verlegt. Nach Informationen von Solidaritätsgruppen will er seinen Hungerstreik jedoch fortsetzen.

Unterdessen sind am Donnerstag in Havanna die Friedensgespräche zwischen der kolumbianischen Regierung und der weiterhin aktiven Guerillaorganisation ELN fortgesetzt worden. Die Verlegung in die kubanische Hauptstadt war notwendig geworden, nachdem Ecuadors Präsident Lenín Moreno entschieden hatte, sein Land nicht mehr als Austragungsort der Gespräche zur Verfügung zu stellen. Er begründete das mit der Entführung und Ermordung von drei Journalisten in der Grenzregion zwischen Ecuador und Kolumbien. In dieser Region nahe der Pazifikstadt Tumaco ist eine Splittergruppe der ehemaligen FARC-Guerilla aktiv, die den Friedensvertrag mit der Regierung ablehnt. Der Gruppe unter dem Kommando von Walter Patricio Artízala Vernaza alias »Guacho« wird nachgesagt, den Kampf weniger aus politischen Gründen als vielmehr wegen ihrer Drogengeschäfte fortzusetzen.

Die Region um Tumaco im Departamento Nariño gilt als das Armenhaus Kolumbiens. Die Menschen leben oft in hölzernen Pfahlbauten an der Küste im Niemandsland zwischen Ebbe und Flut. Seit Jahrzehnten ringen hier paramilitärische Banden, Söldner der kolumbianischen Regierung, Guerilleros und kriminelle Banden um Macht, Einfluss und die Kontrolle über den illegalen Bergbau, Holzeinschlag und vor allem die Transportstrecken von Kokain. Die Auflösung der FARC-Guerilla als bewaffneter Organisation hat daran nichts geändert, die ELN hat in diesem Gebiet keinen relevanten Einfluss.

In dieser Woche legte die Staatsanwaltschaft von Tumaco Beweise für die Existenz sogenannter Hackhäuser vor. Dabei handelt es sich um Folterzentren krimineller Banden, in denen Paramilitärs nachts ihre Opfer zerstückeln. Es geht um die Demonstration und Ausübung von Macht. Die örtliche Polizei stellte sich bislang unwissend und behauptete, ihre Nachforschungen hätten keine Ergebnisse erbracht. Dagegen zitierte die Tageszeitung El Tiempo einen Zeugen der Staatsanwaltschaft mit den Worten: »Wenn du einen Toten suchst, der nicht in der Gerichtsmedizin liegt, geh in die Mangroven. Dorthin werfen sie die zerstückelten Reste. Die Mütter der Vermissten müssen dort selbst nach den Leichenteilen suchen, denn weder Polizei noch Staatsanwaltschaft trauen sich in diese Gebiete.« Nach Angaben der Gerichtsmedizin sind in Tumaco allein im vergangenen Monat 21 Männer und eine Frau ermordet worden. Örtliche Menschenrechtsorganisationen gehen sogar von 163 Tötungsdelikten aus – die Polizei behauptet dagegen, es habe keinen einzigen Mord gegeben.


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