Aus: Ausgabe vom 05.05.2018, Seite 12 / Thema

Ein Kommunist

Die klassenlose Gesellschaft wird nicht einfach kommen – sie muss erkämpft werden. Zum 200. Geburtstag von Karl Marx

Von Leo Schwarz
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Wie sieht sie aus, die klassenlose Gesellschaft, in der die geregelte und vergesellschaftete Produktion jeder und jedem erlaubt, »heute dies, morgen jenes zu tun«, wie es in der »Deutschen Ideologie« von Marx und Engels heißt? – Natursteinmosaik von Walter Womacka am Haus des Lehrers in Berlin

Marx hat das Kapital umfassend und kritisch analysiert, aber keine ausgearbeitete Konzeption für den Aufbau einer sozialistischen bzw. kommunistischen Gesellschaft hinterlassen. Sein Hauptwerk liefert keine Rezepte für eine funktionierende klassenlose Gesellschaft, auch wenn es manchmal so gelesen wurde. Jeder, der sich ein wenig mit den Texten von Marx beschäftigt hat, weiß, dass das kein Versäumnis war, sondern Absicht. Bastler utopischer Modelle wie Charles Fourier, die in aller Ruhe den Tagesablauf der Zukunftsgesellschaft durchplanten, waren ihm ein Greuel. Dennoch hat er einige grundsätzliche Überlegungen zu den Voraussetzungen, zur Gestaltung und ganz allgemein zum geschichtlichen Standort der kommunistischen Gesellschaft formuliert, an die zu erinnern nicht zuletzt deshalb lohnt, weil in der gegenwärtigen Epoche eine akademisierte und entpolitisierte Marx-Lektüre zum Normalfall geworden ist. Gängige Werkeinführungen nutzen die Behandlung dieses delikaten Punktes regelmäßig für demonstrative Distanzierungsmanöver gegenüber vergangenen Versuchen, mit dem Kommunismus Ernst zu machen.¹ Anders als viele seiner Leser war Marx Materialist. Er wusste, dass revolutionäre Vorstöße nicht in abstrakten oder utopischen Idealen, sondern im vorgefundenen gesellschaftlichen Zustand ihr Material und ihren Maßstab finden: »Womit wir es hier zu tun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt.«² Der Kommunismus ist für Marx der Anfang, nicht das Ende der Geschichte. Mit der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Produktionsweise schließt die »Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab«.³ Alle Formen persönlicher und materieller Abhängigkeit des Menschen enden mit dieser Vorgeschichte, das Individuum ist vollkommen entwickelt und frei. Hier liegt das »Reich der Freiheit«, in dem »das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört«.⁴ Die Gesellschaft ist nicht frei, wenn nicht zugleich und zuerst jedes Individuum frei ist: »Freie Individualität, gegründet auf die universelle Entwicklung der Individuen und die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktivität als ihres gesellschaftlichen Vermögens, ist die dritte (kommunistische) Stufe (der geschichtlichen Entwicklung).«⁵

Objektive und subjektive Bedingungen

Voraussetzung für diese dritte Stufe ist nicht nur die Abschaffung der Lohnarbeit, sondern auch die Beseitigung der für alle Klassengesellschaften typischen Teilung der Arbeit, zu der auch die Trennung und der Gegensatz von geistiger und körperlicher Arbeit gehört. Auch die primitive Urgesellschaft kannte kein Privateigentum und keine Klassen, keine Arbeitsteilung und keinen Warenaustausch. Die Entwicklung der Produktivkräfte führte mit der Herausbildung des Privateigentums an den Produktionsmitteln historisch in eine Abfolge antagonistischer Klassengesellschaften (für Marx die »zweite Stufe« der geschichtlichen Entwicklung), deren letzte die bürgerliche Gesellschaft mit ihrer kapitalistischen Produktionsweise ist.

In ihr reifen die materiellen Voraussetzungen des Sozialismus/Kommunismus heran. Die Produktivität der Arbeit steigt scharf an, die Produktionsmittel konzentrieren sich nach und nach in wenigen Händen. Das setzt den Kommunismus aber nicht »auf die Tagesordnung« der Geschichte. Er ist im strengen Sinne auch nicht »historisch notwendig« oder irgendwann unvermeidlich, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Kämpfe, die sich entweder im Zuge von Krisen des Kapitalismus entwickeln oder aber aus der Einsicht der Produzenten in die Absurdität der Produktionsweise speisen. Das ist nach Marx der Punkt, an dem »die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit« sich nicht mehr mit ihrer kapitalistischen Hülle vertragen: »Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt.«⁶ Mit dem Kommunismus, schreibt Marx schon 1846, werden »die Menschen den Austausch, die Produktion, die Weise ihres gegenseitigen Verhaltens wieder in ihre Gewalt bekommen«. Der Kommunismus ist dabei aber »nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird«. Er ist »die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt«.⁷ Der Kommunismus – die »assoziierte Produktionsweise«, der »Verein freier Menschen«, die »genossenschaftliche Gesellschaft« – ist für Marx also kein im engen Sinne theoretisches Problem, keine Programmfrage, sondern Ergebnis sozialer und politischer Kämpfe, der praktischen Negation des Kapitalismus. Die Kommunisten haben natürlich »theoretische Sätze«, aber die speisen sich nicht aus Prinzipien, »die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden« worden sind. Sie sind »allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung«.⁸

Die Voraussetzungen für den Kommunismus finden sich nicht in der Natur. Der Kommunismus ist als geschichtlicher Zustand selber ein Produkt der Geschichte. Nach Marx müssen die Menschen die materiellen Voraussetzungen einer neuen Gesellschaft erst schaffen. Wille und Anstrengung können die materiellen Voraussetzungen der Produktion und Verteilung in einer klassenlosen Gesellschaft nicht ersetzen. Diese Gesellschaft entsteht aus den Widersprüchen der Gegenwartsgesellschaft. Marx zeigt, wie das Kapital die materiellen und subjektiven Voraussetzungen seiner eigenen Negation und gleichzeitig die Elemente der neuen Gesellschaft erzeugt.

Die wesentliche materielle Voraussetzung ist eine Steigerung der Produktivkräfte, und zwar bis zu einem »gewissen Punkt«, der die »Selbstverwertung des Kapitals aufhebt, statt sie zu setzen«; die »materiellen und geistigen Bedingungen der Negation der Lohnarbeit und des Kapitals, die selbst schon die Negation früherer Formen der unfreien gesellschaftlichen Produktion sind, sind selbst Resultate seines Produktionsprozesses. In schneidenden Widersprüchen, Krisen, Krämpfen drückt sich die wachsende Unangemessenheit der produktiven Entwicklung der Gesellschaft zu ihren bisherigen Produktionsverhältnissen aus. Gewaltsame Vernichtung von Kapital, nicht durch ihm äußere Verhältnisse, sondern als Bedingung seiner Selbsterhaltung, ist die schlagendste Form, worin ihm advice gegeben wird to be gone and to give room to a higher state of social production.«⁹

Ohne diese Voraussetzungen würde eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel nur den Mangel verallgemeinern; der Kampf um die einfachen Notwendigkeiten würde seine Form ändern, aber erneut einsetzen. Das ist aber kein Einwand gegen »verfrühte« Revolutionen. Marx meint, dass sich die Menschheit ohnehin nur dann in den Kommunismus aufmacht, wenn seine materiellen Voraussetzungen gegeben sind: »Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess ihres Werdens begriffen sind.«¹⁰

Soweit die objektiven Voraussetzungen. Die reichen jedoch nicht hin. Es bedarf der subjektiven Einsicht, um die Produktionsverhältnisse zu revolutionieren. Die konzentriert sich nach Marx durchschnittlich am häufigsten da, wo die Menschenfeindlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft auf die Spitze getrieben ist: »Weil die Abstraktion von aller Menschlichkeit, selbst von dem Schein der Menschlichkeit, im ausgebildeten Proletariat praktisch vollendet ist, weil in den Lebensbedingungen des Proletariats alle Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft in ihrer unmenschlichsten Spitze zusammengefasst sind, weil der Mensch in ihm sich selbst verloren, aber zugleich nicht nur das theoretische Bewusstsein dieses Verlustes gewonnen hat, sondern auch unmittelbar durch die nicht mehr abzuweisende, nicht mehr zu beschönigende, absolut gebieterische Not – den praktischen Ausdruck der Notwendigkeit – zur Empörung gegen diese Unmenschlichkeit gezwungen ist, darum kann und muss das Proletariat sich selbst befreien.«¹¹ Marx schreibt im Februar 1865 an Johann Baptist von Schweitzer: »Die Arbeiterklasse ist revolutionär oder sie ist nichts.«¹² Sie hat also, bleibt man bei Marx, durchaus die Freiheit, »nichts« zu sein, selbst dann, wenn die materiellen Voraussetzungen des Kommunismus längst herangereift sind.

Revolutionäre Transformation

Der erste Schritt der revolutionären Transformation der Gesellschaft ist die politische Machtübernahme der Arbeiterklasse. Die »revolutionäre Diktatur des Proletariats« bzw. die »Kommune« wandelt die kapitalistische Produktionsweise in dieser Übergangsphase in die niedere Stufe des Kommunismus um. Diese durch die äußerste Zuspitzung des Klassenkampfes erzwungene Diktaturphase nennt Marx »das rationelle Zwischenstadium, in welchem dieser Klassenkampf seine verschiedenen Phasen auf rationellste und humanste Weise durchlaufen kann.« Die Diktatur ist ein Mittel, kein Ziel. »Sporadische Sklavenhalter-Rebellionen« sind in dieser Phase noch möglich. Die Diktatur ist auch deshalb nötig, weil »die Ersetzung der ökonomischen Bedingungen der Sklaverei der Arbeit durch die Bedingungen der freien und assoziierten Arbeit nur das progressive Werk der Zeit sein kann«.¹³ Am Ende dieses Prozesses ist die Lohnarbeit zusammen mit der Warenproduktion und dem Privateigentum an Produktionsmitteln verschwunden. Die Arbeiterklasse hört auf, als Klasse zu existieren, mit ihrer politischen Herrschaft stirbt auch der Staat ab: »Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter.«¹⁴ Die assoziierten Individuen sind zuletzt freie Produzenten, sie sind weder persönlich (wie Sklaven und Leibeigene) noch materiell (wie die Lohnarbeiterklasse) abhängig. Die Trennung der Produzenten voneinander ist ebenso aufgehoben wie ihre Trennung von den Produktionsmitteln. Die Arbeit hat ihren entfremdeten Charakter verloren, sie ist nicht mehr kommandiert und erzwungen, sie hat die »Form der Notdürftigkeit und Gegensätzlichkeit« abgestreift: »Die freie Entwicklung der Individualitäten, und daher nicht das Reduzieren der notwendigen Arbeitszeit um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordne Zeit und geschaffnen Mittel entspricht.« Der Reichtum der kommunistischen Gesellschaft ist verfügbare Zeit für das Individuum jenseits der notwendigen gesellschaftlichen Arbeit. Im Kapitalismus ist das genaue Gegenteil der Fall: »Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch (dadurch), dass es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren stört (gemeint: sucht), während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt.«¹⁵

Austausch und Verteilung

Eigentumsverhältnisse sind für Marx nur der juristische Ausdruck für Produktionsverhältnisse. Das kapitalistische Eigentumsverhältnis entspringt direkt aus dem kapitalistischen Produktionsverhältnis. Mit der Umwandlung der Produktionsverhältnisse wandeln sich also auch die Eigentumsverhältnisse. In allen Klassengesellschaften konzentrierte sich das Eigentum an den Produktionsmitteln, unter das in den vorkapitalistischen Gesellschaften auch bestimmte Kategorien der Arbeitskräfte selbst fielen, bei einer Klasse. Marx hat recht deutlich gemacht, dass die Konzentration der Produktionsmittel beim Staat in der sozialistischen Übergangsperiode nicht zu verwechseln ist mit der »assoziierten Produktionsweise« und dem Ende der Warenproduktion. Erst mit der wirklichen Übernahme der Produktionsmittel durch die Gesellschaft, also mit dem Absterben auch des proletarischen Staates, ist die Warenproduktion Geschichte: »Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus; ebensowenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit als Wert dieser Produkte, als eine von ihnen besessene sachliche Eigenschaft, da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteile der Gesamtarbeit existieren.«¹⁶ Lenin sah das (vor der Oktoberevolution) übrigens etwas anders: »Was den Sozialismus anbelangt, so besteht dieser bekanntlich in der Aufhebung der Warenwirtschaft.«¹⁷ Marx stellt die Gesellschaft von Warenproduzenten dem Verein freier Menschen gegenüber, »die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben.«¹⁸ Das individuelle Produkt ist ebenso wie das Gesamtprodukt des Vereins von vornherein gesellschaftliches Produkt. Es nimmt keine Wertform an. Während im Kapitalismus erst nach dem Produktionsvorgang auf dem Umweg über den Tauschwert festgestellt wird, ob und in welchem Umfang gesellschaftlich notwendige Arbeit verausgabt wurde, ist der kommunistische Austausch »kein Austausch von Tauschwerten (…), sondern von Tätigkeiten, die durch gemeinschaftliche Bedürfnisse bestimmt« sind: »Die Arbeit des Einzelnen ist von vornherein als gesellschaftliche Arbeit gesetzt. Welches daher auch immer die besondere materielle Gestalt des Produkts sei, das er schafft oder schaffen hilft, – was er mit seiner Arbeit gekauft hat, ist nicht ein bestimmtes besonderes Produkt, sondern ein bestimmter Anteil an der gemeinschaftlichen Produktion. Er hat darum auch kein besondres Produkt auszutauschen. Sein Produkt ist kein Tauschwert.«¹⁹ Der »gesellschaftliche Charakter der Produktion (ist) vorausgesetzt und die Teilnahme an der Produktenwelt, an der Konsumtion, ist nicht durch den Austausch voneinander unabhängiger Arbeiten oder Arbeitsprodukte vermittelt. Er ist vermittelt durch die gesellschaftlichen Produktionsbedingungen, innerhalb deren das Individuum tätig ist.«²⁰ Der Warenfetisch ist Geschichte. Die Produzenten beherrschen die Produkte, nicht die Produkte die Produzenten. Ein Teil des gesellschaftlichen Gesamtprodukts wird gesellschaftlich als Produktionsmittel verbraucht, ein anderer Teil an die Vereinsmitglieder zum Konsum verteilt. Die Verteilung kommt ganz ohne Ware-Geld-Beziehungen aus, der gesellschaftliche Charakter der Produktion liegt offen zutage und wird nicht mehr über Tauschbeziehungen vermittelt, die sozialen Beziehungen erscheinen nicht länger als Warenbeziehungen. Der stoffliche Austausch mit der Natur ist ebenso wie der soziale und materielle Austausch der Individuen untereinander rationell organisiert.

Jedem nach seinen Bedürfnissen

Dass sich »alle Ökonomie« in »Ökonomie der Zeit« auflöst, zeigt sich nach Marx erst ganz in der kommunistischen Produktionsweise. Die »Ökonomie der Zeit« ist hier »erstes ökonomisches Gesetz«; es »wird sogar in viel höherem Grade Gesetz«²¹ als im Kapitalismus, wo Produktivitätsgewinne bzw. die Verringerung der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit in erster Linie den besitzenden Klassen zugutekommen, die gleichzeitig bemüht sind, die Arbeitszeit der Lohnarbeiter möglichst weit über deren unmittelbares Reproduktionsbedürfnis hinaus zu verlängern. Mit dieser mehrwertschaffenden Surplusarbeit für den Kapitalisten verbraucht der Arbeiter seine Lebenszeit für fremde Zwecke, bis die nächste Überproduktionskrise seine Arbeit entwertet und ihn wieder auf die Straße wirft. Maßstab für die notwendige Arbeitszeit im Kommunismus sind nicht die Verwertungsbedürfnisse des Kapitalisten, sondern die Bedürfnisse des gesellschaftlichen Individuums. Die notwendige Arbeitszeit wird nicht mehr über den Tauschwert der Waren bestimmt, sondern im Rahmen einer gesellschaftlichen Buchführung planmäßig zugemessen. Die kommunistischen Planer zweigen vom gesellschaftlichen Gesamtprodukt einen Fonds zum Ersatz der verbrauchten Produktionsmittel und zur Erweiterung der Produktion ab. Sie sichern die Mittel für Gemeinschaftsaufgaben wie Bildung und Gesundheit. Dazu kommt ein materieller Reservefonds für Unglücksfälle, Naturkatastrophen usw. Danach kommt es zur Teilung des verbliebenen Gesamtprodukts »unter die individuellen Produzenten der Genossenschaft«.²² Die verfügbare freie Zeit ist der eigentliche Maßstab des gesellschaftlichen Reichtums. Sie wächst notwendig mit der Höherentwicklung der Produktivkräfte, die den Arbeiter nun nicht mehr in seiner Existenz bedroht, sondern umgekehrt dessen Existenz als gesellschaftliches Individuum erst ermöglicht und bereichert. Die für Klassengesellschaften typische Ungleichverteilung der Konsumtionsmittel ist bereits in der frühen Phase der kommunistischen Gesellschaft eingeschränkt, da die »jedesmalige Verteilung der Konsumtionsmittel (…) nur Folge der Verteilung der Produktionsbedingungen selbst«²³ ist. Unter den veränderten Umständen kann niemand etwas geben »außer seiner Arbeit«; umgekehrt kann in das Einzeleigentum nichts übergehen »außer individuellen Konsumtionsmitteln.«²⁴ Die Einzelarbeitszeit des individuellen Produzenten liefert zunächst jedoch noch das Maß für seinen Anteil an dem für Verzehr und Verbrauch bestimmten Teil des gesellschaftlichen Gesamtprodukts. Hierzu werden Bescheinigungen ausgestellt, das Geld ist bereits abgeschafft. Noch aber gilt beim Verzehr das »ungleiche Recht«, das auf »ungleiche(r) individuelle(r) Begabung und daher Leistungsfähigkeit« beruht. Ausgenommen davon sind nur jene Menschen, die etwa wegen Alter oder Krankheit nicht arbeiten können. Erst in der voll entfalteten kommunistischen Gesellschaft, wenn »alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen«, gilt das Prinzip: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!«²⁵ Dieser Satz gehört nicht nur den Kommunisten, auch wenn er bei ihnen am besten aufgehoben sein mag. Er ist die Quintessenz des humanistischen und optimistischen Erbes der Aufklärung. Die Menschen, lehrt Marx, machen ihre eigene Geschichte. Auch heute, im Schlamm der Gegenwart, ist der Kommunismus nicht allein denkbar. Er ist eine Möglichkeit.

Anmerkungen:

1 Nur ein Beispiel: »Ihr Machtmonopol ließen sich die regierenden ›kommunistischen‹ Parteien der ›sozialistischen Länder‹ auch von kommunistisch gesinnten Kräften nicht in Frage stellen.« Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung. Stuttgart 2004, S. 219

2 Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Band 19, S. 20. (im folgenden: MEW)

3 MEW 13, S. 9

4 MEW 25, S. 828

5 Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Berlin 1953, S. 75

6 MEW 23, S. 791

7 MEW 3, S. 35

8 MEW 4, S. 475

9 Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Berlin 1953, S. 635 f.

10 MEW 13, S. 9

11 MEW 2, S. 38

12 MEW 31, S. 446

13 MEW 17, S. 546. Siehe auch MEW 19, S. 28

14 MEW 4, S. 482

15 Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Berlin 1953, S. 593

16 MEW 19, S. 19 f.

17 Lenin: Werke, Bd. 15, S. 129

18 MEW 23, S. 92

19 Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Berlin 1953, S. 88

20 Ebd., S. 89

21 Ebd.

22 MEW 19, S. 19

23 MEW 19, S. 22

24 MEW 19, S. 20

25 MEW 19, S. 21

Leo Schwarz schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. Februar 2018 über die neueste Literatur zur deutschen Revolution von 1918/19.


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