Aus: Ausgabe vom 05.05.2018, Seite 5 / Inland

Gier nach Profit

Karl Marx. Seiner Nützlichkeit wegen (Teil 5 und Schluss): Boom und Krise

Von Klaus Müller
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Wegen der Hyperinflation waren Eine-Mark-Scheine in Deutschland 1923 billiger als Tapete

Manchen sind die Wellen des Wirtschaftswachstums ein Rätsel. Sie prägen den Kapitalismus seit der ersten industriellen Revolution. Periodische Krisen gehören zu ihm wie der Donner zum Blitz.

Ursprünglich im Abstand von zehn, elf Jahren, treten sie danach tendenziell in kürzeren Intervallen auf. Sie ergeben sich aus den Gesetzmäßigkeiten der entfalteten kapitalistischen Warenproduktion und können »nur aus der realen Bewegung der kapitalistischen Produktion dargestellt werden«. Mit der ersten Krise 1825 eröffnete die große Industrie, die dem Kindheitsalter entwachsene kapitalistische Warenproduktion, »den periodischen Kreislauf ihres modernen Lebens«.

Kettenreaktionen

Einmal in Gang gekommen, bringt das Räderwerk der Ökonomie in ständiger Wiederholung Perioden steigenden und nachlassenden Wachstums hervor. »Ganz wie Himmelskörper, einmal in eine bestimmte Bewegung geschleudert, dieselbe stets wiederholen, so die gesellschaftliche Produktion, sobald sie einmal in jene Bewegung wechselnder Expansion und Kontraktion geworfen ist.« Aufschwünge und Abschwünge wirtschaftlicher Aktivität tragen sich eine gewisse Zeit selbst. Sie enthalten jeweils den Keim des Vergehens, rufen sich gegenseitig hervor und lösen einander fortwährend ab.

Was passiert da konkret? Günstige Aussichten auf Profit regen die Nachfrage nach Produktionsmitteln an. Die Unternehmen investieren stark. Preise steigen. Kettenreaktionen setzen ein: Die zunehmende Nachfrage nach Maschinen bewirkt, dass mehr Bauteile und Rohstoffe benötigt werden. Die Unternehmer stellen trotz des Anstieges der Produktivität mehr Arbeitskräfte ein. Die hohe Beschäftigung und steigende Löhne regen den Kauf von Konsumtionsmitteln an. Die Betriebe, die sie herstellen, erweitern die Kapazitäten. Dafür werden neue Produktionsmittel gebraucht. Die Unternehmen, die Investitionsgüter herstellen, vergrößern ebenfalls ihre Kapazitäten. Eine positive Selbstverstärkung über alle Zweige hinweg äußert sich in einer starken Ausdehnung der Produktion. Sie kann hektische Züge annehmen. Zum großen Teil wird sie mit zinsgünstigen Krediten finanziert. Kredite erweisen sich, so Marx, als der »Haupthebel der Überproduktion und Überspekulation«. Sie forcieren die Produktion »bis zur äußersten Grenze«.

Doch die Produktion löst sich ab einem bestimmten Punkt von der Nachfrage. Die Massenkaufkraft steigt, kann aber nicht mithalten mit der rasanten Vergrößerung des Angebots. Plötzlich ist die Krise da, die Wende. Das Ganze kippt: Die Unternehmer finden keine Käufer mehr für einen Teil ihrer Waren. Sie bleiben auf ihren Überschüssen sitzen, sind außerstande, das Produzierte zu angemessenen Profiten und Profitraten zu verkaufen. Und schränken die Produktion panisch ein. Sie setzen Arbeitskräfte frei und unterlassen Investitionen. Die Kaufkraft sinkt, die Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern bricht zusammen.

Irgendwann wird sie sich beleben. Dann werden Erweiterungsinvestitionen wieder profitabel sein, und das Spiel wird von vorn beginnen. Trotz mannigfacher Veränderungen der kapitalistischen Produktion, hervorgerufen durch technische Fortschritte, Monopole und staatliche Einflussnahme, gibt es kein Entrinnen aus dem verhängnisvollen Auf und Ab. Warum das so ist, darüber haben Ökonomen lange gerätselt und eine riesige, kaum zu überblickende Literatur produziert: Als vermeintliche Ursachen findet man von Sonnenflecken und kosmischen Strahlen über menschliche Stimmungen und falsche Wirtschaftspolitik bis hin zu Zinsen und Geldmenge fast jede ökonomische Größe, die sich im Krisenzyklus ändert.

Plan und Chaos

Letzte Ursache ist für Marx der Widerspruch zwischen einer Produktion, die ihrem Inhalt nach gesellschaftlich ist, und der privaten Form, in der sie betrieben wird. Die Unternehmen organisieren ihr Tun perfekt, planen pedantisch, wollen die Ersten am Markt sein, mehr verkaufen als die Konkurrenten. Dadurch erzeugen sie im volkswirtschaftlichen Maßstab Planlosigkeit und Anarchie. In ihrer Gier nach Profit setzen sie mehr zusätzliches Sachkapital als Arbeitskräfte ein und halten die Löhne im Zaum. Die Verringerung des Anteils der lebendigen Arbeit, die den Mehrwert produziert, bewirkt, dass im Verhältnis zum eingesetzten Kapital weniger Profit produziert wird. Die Profitrate fällt. Zugleich bleibt die Konsumkraft der Gesellschaft zurück und untergräbt die Möglichkeit, den Profit zu realisieren. »Überproduktion von Kapital« ist nach Marx »nie etwas andres als Überproduktion von Produktionsmitteln – Arbeits- und Lebensmitteln –, die als Kapital fungieren können«, d. h. Profit abwerfen. Krisen sind mehr als ein Defekt der kapitalistischen Regulierung. Sie sind »momentane gewaltsame Lösungen der vorhandnen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wiederherstellen«. Der Fall der Profitrate muss »beständig durch Krisen überwunden werden«. Sie bereiten den Boden für einen neuen Aufschwung.

Klaus Müller ist Ökonom. Zuletzt erschien im Papyrossa-Verlag sein Buch »Lohnarbeit und Arbeitslohn«

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