Aus: Ausgabe vom 02.05.2018, Seite 11 / Feuilleton

Mit Biss in die Hypnose

Wild und pointiert: Die empfehlenswerten Sleaford Mods spielen drei Konzerte in Deutschland

Von Michael Saager
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»Gegenkultur ist etwas, das du nicht kommen siehst«, sagt Jason Williamson in einem Videostatement für Melodie & Rhythmus: »It kind of hijack someone almost«

Zuletzt gab es trockenere Beats und etwas mehr Gesang, wenn man’s denn so nennen will. Musste man das zwingend raushören? Sicher nicht. Es ist ja auch so: Wer das seltene Glück einer überzeugenden Soundformel auf seiner Seite hat, sollte lieber nicht dran rumpfuschen. Das könnte sich rächen. Die Sleaford Mods aus Nottingham wissen das, verändert haben sie sich über all die Jahre deshalb, wenn überhaupt, auch nur ein klitzekleines bisschen. Minimalistisch-monoton und trocken-scheppernd entfalten Jason Williamson und Andrew Fearns aus einfachen Drum- und Bassloops bestehende Rhythmustracks eine stoische Konsequenz, die prompt in den Zustand der Hypnose führt, sofern man sich drauf einlässt. Wer komplexe Soundexperimente oder Melodien für Millionen sucht, ist bei diesem Duo grundfalsch.

Das gilt für die letzte Platte »English Tapas« von 2017, beim Vorgänger »Key Markets« aus dem Jahr 2015 war’s nicht anders. Zuvor gab’s bereits sieben weitere Alben, seit 2007. Wie waren die? Na, wie wohl?

Wie erfreulich es ist, wenn sich alle einig darin sind, dass es anscheinend auch anders geht: ohne melancholische Liebeslieder, verzärtelten Jungmännergesang, modischen Mehrwert und ornamentalen Sound-Schnickschnack, wie sonst üblich auf dem Planeten Pop. Und dass es für den harten Biss, der in manch furchterregendem Kläffer steckt, nicht zwingend Mark E. Smith von The Fall braucht – aber gut, der ist ja leider sowieso tot. Und kann sich daher auch nicht grün und blau ärgern, wenn wir behaupten, dass Williamsons Timing besser, sein kantiger Flow präziser und schärfer ist. Sorry, Mark.

Williamson, der übrigens auch die Künstlerkampagne zur Fortführung der Zeitschrift Melodie & Rhythmus unterstützt, schimpft und schnappt in schönstem nordenglischen Arbeiterdialekt scheinbar wild, in Wirklichkeit jedoch sehr pointiert um sich. Nein, das Bild ist immer noch schief. Wer um sich schnappt, hat schließlich kein Ziel. Oder die Feinde lauern überall. So ist es natürlich nicht bei Williamson. Gleichwohl sind sie mächtig, die Feinde der britischen Arbeiterklasse, Bourgeoisie genannt, Neoliberalismus oder Tories, deren Austeritätspolitik Williamson so gefährlich findet wie den Brexit schwachsinnig.

Selbstverständlich ist er nicht der einzige, der das britische Sozialsystem für einen schlechten, gründlich leergesaugten Witz hält. Aber es macht natürlich vielmehr Spaß, ihm dabei zuzuhören, als den hundertsten wohlmeinend kritischen Kommentar darüber zu lesen.

Die Sleaford Mods also: ungewöhnlich scharfsinnig, wahrhaftig schlechtgelaunt und live, nun ja, von einer nachgerade herrlichen Wucht. Erscheinen Sie, sonst weinen Sie.

3.5., Berlin, Columbiahalle; 5.5., Muffathalle, München; 11.5., Uebel & Gefährlich, Hamburg (mit Rummelsnuff)

Videobotschaft von Jason ­Williamson zur Unterstützung von Melodie &Rhythmus: kurzlink.de/Sleaford


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