Aus: Ausgabe vom 12.05.2018, Seite 4 (Beilage) / Fotoreportagen

Kollektive Erfahrungen

Vor 50 Jahren demonstrierten Zehntausende in Bonn gegen die repressiven Notstandsgesetze

Von Jürgen Heiser
Die rote Fahne fährt voran – das »Sozialistische Straßentheater« agitiert gegen die Notstandsgesetze
Aufrufe via Megaphon gegen den gesetzmäßigen Ausnahmezustand des BRD-Imperialismus
In der Tradition von Lenins Agitprop-Kollektiven unterwegs in der Bonner Innenstadt
Eine von unzähligen deutlichen Warnungen – »Notstandsstund hat Gas im Mund«
»Nicht Grundgesetz, sondern Politik ändern!« Alle paar hundert Meter Sitzblockade …
… und dann vorwärts gegen Kiesingers Notstandsstaat!
Die Bonner Hofgartenwiese nach der Abschlusskundgebung
Demoparole: »Bürger lasst das Gaffen sein, kommt herüber, reiht euch ein!«

Am 11. Mai 1968 fuhr ich von Neuss am Rhein mit dem Zug nach Bonn, um am »Sternmarsch gegen die Notstandsgesetze« teilzunehmen. Wie viele Arbeiterjugendliche fühlte ich mich seit dem Polizeimord an Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 innerlich mit der Außerparlamentarischen Opposition (APO) verbunden. Die täglichen Bilder vom US-Völkermord in Vietnam, der Internationale Vietnamkongress im Februar 1968 an der Westberliner TU und das nachfolgende Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April sowie die militante Kampagne »Enteignet Springer!«, weil »Bild mitgeschossen« hatte, taten ihr übriges.

Wir begriffen den absoluten Willen der Bonner Republik als Nachfolgestaat des faschistischen Deutschland, jede Fundamentalopposition je nach Lage durch einen faktischen Ausnahmezustand zu unterdrücken. Logischerweise sahen wir im heiß diskutierten Entwurf der »Notstandsgesetze« für den »äußeren und inneren Spannungsfall« die geplante Legalisierung eines Putsches durch eine künftige Bonner Notstandsregierung. Dagegen richtete sich unser Sternmarsch.

Für mich, Lehrling der Industriefotografie bei einem Walzwerkkonzern und inspiriert von der Tradition der Arbeiterfotografie, hieß das, als proletarischer Reporter unseren Widerstand mit der Kamera festzuhalten, um andere teilhaben zu lassen. Dabei war die Erfahrung einer Demo mit 60.000 Gleichgesinnten für mich etwas Neues: Zum ersten Mal bei Genossinnen und Genossen unterhaken, mit einem Gefühl gemeinsamer Stärke und Solidarität durch die Straßen der Hauptstadt marschieren, Parolen gegen »Nazi-Kiesinger«, den Bundeskanzler, rufen, Lieder der Arbeiterbewegung singen, Passanten agitieren und via Megaphon aktuelle News von Streiks und Straßenkämpfen des »Pariser Mai« hören.

Auch wenn wir die Notstandsgesetze nicht verhindern konnten und der Deutsche Bundestag sie am 30. Mai verabschiedete, so lernten wir doch in diesen kollektiven Erfahrungen, dass wir in unserem Kampf für eine von Gier und Unterdrückung befreite Gesellschaft Teil einer globalen Emanzipation wurden.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen: