Aus: Ausgabe vom 02.05.2018, Seite 10 / Feuilleton

Wer ist hier das Aschenputtel?

Unterhaltungseffekte der Menopause: »Madame Aurora …« im Kino

Von Maxi Wunder
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»Alles sehr intim«: Aurore (Agnès Jaoui) mit ihren Töchtern und Freundin Mano

Ich verstehe jeden, der beim Titel »Madame Aurora und der Duft von Frühling« die Augen verdreht und sagt: »Da geh mal alleine hin!« Aber so doof wie der deutscher Verleihtitel ist die französische Filmkomödie von Blandine Lenoir, die im Original schlicht »Aurore« heißt, glücklicherweise nicht.

Bei Aurore ist alles im Umbruch. Die 52jährige Kellnerin ist seit kurzem arbeitslos, ihre beiden Töchter, die sie alleine großgezogen hat, sind dabei, sich abzunabeln, und zu allem Überfluss spielen auch noch die Hormone verrückt: Aurore ist in den Wechseljahren. Ein heikles Frauenthema. Dass es zum Leitmotiv eines Spielfilms taugt, dafür ist »Aurore« der beste Beweis. Wie selbstverständlich sich die attraktiv-mollige Titelfigur (Agnès Jaoui) unter den Augen ihres verdutzten Exmannes infolge einer Hitzewallung sämtliche Oberteile vom Leib reißt, ist sehenswert, und spätestens bei der Slapstick-Szene auf dem Arbeitsamt fragt man sich, warum das Kino so selten auf die Unterhaltungseffekte der Menopause setzt. Auch Aurores Sachbearbeiterin ist im fraglichen Alter und der Ventilator ihr bester Freund. Während ihr Haar im künstlichen Sturm weht, stürzt sie wie eine Verdurstende eine Flasche eiskaltes Wasser hinunter. Sie hat massive Wortfindungsstörungen (leider auch ein Symptom der Wechseljahre) und bringt während der Beratung gerade damit die unsägliche Tatsache zum Ausdruck, dass es für Aurore kein Stellenangebot gibt: »Ja, also, äh, Sie wissen ja … Was soll ich sagen? ... Ich bedaure, das ist nun mal ... Gott, ist mir heiß, kennen Sie das? Also, zur Zeit, wie gesagt … Ach, was soll’s – unterschreiben Sie einfach hier. Merci, au revoir.«

Die Leichtigkeit, mit der sich die Filmemacherin des Reizthema Arbeitslosigkeit annimmt, hat wohl auch damit zu tun, dass der Verlust des Arbeitsplatzes in Frankreich zwar auch zu Schwachsinnsmaßnahmen wie Bewerbungstrainings führt, nicht aber wie bei uns zielgenau in Armut und Ausgrenzung durch Hartz IV. Frankreich ist das europäische Land mit den höchsten Sozialausgaben im Verhältnis zu seinem BIP – noch.

Der Film gießt keine Harmoniesoße über die Verhältnisse: Als junge Frau war Aurore so dumm, bei ihrem Mann mitzuarbeiten – inoffiziell, d. h. ohne Gehaltsnachweise, Sozialversicherung, Rentenansprüche. Das fällt ihr jetzt auf die Füße und sie bekommt von einer jüngeren Sachbearbeiterin kräftig Bescheid gesagt. Später bei einem Putzjob macht eine farbige Kollegin, die eigentlich Ingenieurin ist, Aurore klar, wie privilegiert sie als weiße, gesunde Französin trotz Arbeitslosigkeit ist, und versucht, sie für den internationalen Kampf um Gleichberechtigung zu gewinnen: »Stell dir vor, du wärst arbeitslos und schwarz, lesbisch und behindert und Muslima!«

Bei einem anderen Putzjob in einer Alten-WG schaut Aurore mit den Bewohnerinnen im Fernsehen ein Interview mit der feministischen Anthropologin Francoise Héritier. Es geht darum, wie alternde Frauen und Männer öffentlich wahrgenommen werden: In der Menopause höre die Frau auf, als weibliches Wesen zu existieren, erklärt die Forscherin, während sich der Mann gleichen Alters als Chef und Familienoberhaupt auf dem Zenit der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit sonnt.

Aurore hört nicht auf, als weibliches Wesen zu existieren, sondern verliebt sich nach 34 Jahren erneut in ihren schüchternen Jugendfreund Totoche (Thibault de Montalembert) und er sich zögerlich in sie. Man lebt in einer französischen Kleinstadt, so kennt Totoche auch Aurores ältere Tochter – dank Ultraschall sogar von innen, denn er ist zufällig ihr Gynäkologe, und sie wird bei ihm entbinden. Alles sehr intim. Und so viel Uterus. Männer verließen bei der Pressevorführung vorzeitig das Kino mit der Begründung, der Film sei ihnen »zu weiblich«. Ein amerikanischer Kollege wähnte sich in einem »Lesbenfilm«. Da keine einzige Lesbe auftritt, lag das wohl an den vielen Schmuseszenen zwischen Mutter, Töchtern und Freundinnen. Sie entsprechen dem Hippie-Lebensgefühl der Figuren und sollen weibliche Solidarität veranschaulichen, auf die die Regisseurin nach eigenem Bekunden große Stücke hält.

Aus feministischer Sicht unnötig rückwärtsgewandt ist eigentlich nur das Aschenputtel-Ende mit dem zahlungskräftigen Jugendfreund. Allerdings muss dem erst das Haus abbrennen, damit er sich zu seiner Jugendliebe traut – also, wer ist hier das Aschenputtel?

Als launigen Auftakt oder Ausklang eines Ü-50-Weiberabends kann ich die Komödie wegen ihrer Witzdichte jedenfalls empfehlen.

»Madame Aurora und der Duft von Frühling«, Regie: Blandine Lenoir, Frankreich 2017, 90 min, bereits angelaufen


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