Aus: Ausgabe vom 30.04.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Uns stand ein Monster gegenüber«

In Barcelona kämpft eine Mietergewerkschaft gegen Investoren – mit Erfolg. Gespräch mit Irene Sabaté

Von Jan Greve
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In Spanien stehen Zwangsräumungen auf der Tagesordnung, wie hier im Februar 2015 in Madrid.

Nicht nur in Berlin steigen die Mieten, auch in Barcelona wachsen die Probleme. Wie ist die aktuelle Situation dort?

Wir sind mitten in einer Krise des Wohnungsmarktes. Auf der einen Seite haben wir steigende Mietpreise. In Barcelona sind die Kosten allein in den letzten drei Jahren um 25 Prozent gestiegen. Ähnliche Entwicklungen beobachten wir auch in anderen Städten. Das Ganze ist aber nicht nur ein Problem in den Innenstädten, sondern auch in der Peripherie. Teilweise steigen die Mieten in den Randbezirken stärker als im Zentrum. Der Hauptgrund dafür liegt in der Spekulation auf dem Immobilienmarkt. Dazu gehören Hedgefonds und Immobilienkonzerne, die ganze Häuserblöcke aufkaufen.

In dieser ganzen Gemengelage haben Sie im Mai 2017 die Mietergewerkschaft in Barcelona gegründet. Mit welchen Vorstellungen sind Sie in den Prozess gegangen?

Im Herbst 2016 gab es ein erstes Treffen. Aktivisten, Akademiker und Mieter kamen zusammen. Wir entwickelten den Plan, mit unserer Mietergewerkschaft zwei Ansätze zusammenfassen. Zum einen das Anbieten von Hilfsleistungen, also zum Beispiel juristische Beratung. Zum anderen ist uns der aktivistische Aspekt wichtig. Wir verstehen uns als Graswurzelbewegung, die auf der Straße kämpft und Zwangsräumungen verhindert.

Mit welchen Mitteln kämpfen Sie?

Wir arbeiten in verschiedene Richtungen. Zum einen gibt es die Beratungen. Aber klar ist, dass wir mehr tun wollen als das. Sonst besteht die Gefahr, das Problem von Verdrängung zu individualisieren. Die Früchte dieser Arbeit sind auch ziemlich bescheiden. Das spanische Recht schützt Mieter einfach zu wenig. In erster Linie konzentrieren wir uns auf Kampagnen in der Stadt.

Wie genau kann man sich das vorstellen?

Unsere wichtigste Kampagne ist »Ens quedem« (Wir bleiben). Es geht darum, sich mit allen Betroffenen zusammenzusetzen. Alle zwei Wochen treffen wir uns und überlegen, wie wir am besten Druck auf Vermieter ausüben können. Dafür stellen wir zunächst fest, wer genau die Vermieter sind, wie viele Häuser oder Wohnungen sie besitzen, welche Mieter ähnliche Probleme haben. Dann verbinden wir die Leute und versuchen, im Kollektiv mit dem Vermieter zu verhandeln. Das ist unser zentraler Ansatz.

Hat es in den vergangenen Monaten Erfolge gegeben?

Ja, die gibt es. Ein Beispiel ist ein Haus nahe Barcelona, in dem 150 Familien wohnen. Bei einigen Bewohnern dort sollte die Miete zwischen 70 und 100 Prozent steigen. Zuvor hatte es einen Eigentümerwechsel gegeben. Eigentümer ist jetzt ein Immobilienfonds, der zum Finanzkonzern Goldman Sachs gehört. In dem Block wohnen Arbeiter mit jungen Familien, die sich kein Eigentum leisten können. Für sie war diese Erhöhung unbezahlbar, sie waren verzweifelt. Sie nahmen mit uns Kontakt auf. Wir sind dann zum Eigentümer gegangen und haben neue Verträge ausgehandelt. Am Ende stand eine schrittweise Mietsteigerung von insgesamt 20 Prozent. Unser Ziel war es eigentlich, keiner Erhöhung zuzustimmen. Aber die Leute vor Ort haben dem Ergebnis so zugestimmt. Das war ein wirklich großer Sieg für uns, weil uns mit Goldman Sachs ein riesiges Monster gegenüberstand.

Irene Sabaté ist Mitbegründerin und Sprecherin der »Sindicat de llogaters« (Mietergewerkschaft) in Barcelona.


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