Aus: Ausgabe vom 27.04.2018, Seite 16 / Sport

Seltsames Spiel

Zum Auftakt der Sandplatzsaison im Tennis

Von Peer Schmitt
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»Freundschaftlich kollegiales ­Verhältnis«: Kerber und ­Kvitova beim Fed-Cup in Stuttgart

Woran erkennt man, dass im Tennis die europäische Sandplatzsaison begonnen hat? Roter Staub wirbelt durch die Luft, und Rafael Nadal gewinnt alle Matches. Wirklich alle? So gut wie. Jahr für Jahr. Am vergangenen Wochenende gewann er sage und schreibe zum elften Mal das »ATP Masters 1000« in Monte Carlo. Kaum jemand würde bezweifeln, dass er in dieser Woche bei seinem Heimatturnier in Barcelona den Titel verteidigen und seine Position als Weltranglistenerster weiter festigen wird.

Unvorhersehbarer ist das Sandplatzgeschehen bei der WTA. Wirkliche Spezialistinnen gibt es schon lange nicht mehr. Generell ist die WTA derzeit zwar interessanter als die ATP, hat aber weiter einen eher schlechten Ruf. Aus ökonomischen Gründen – in Verbindung mit dem strukturellen Sexismus, der jeden Profisport im altbekannten Würgegriff hält (eine Personifikation ist Ion Tiriac, Besitzer des Turniers, das übernächste Woche in Madrid beginnen wird) – ist die WTA im Vergleich zur ATP eine chaotische Baustelle. Das ist an Turnierkalender, Preisgeld und Turnierstruktur deutlich ablesbar.

Um es mal ansatzweise zu erklären: Auf der ATP-Tour gibt drei Turnierkategorien, die nach dem verteilten Preisgeld und den zu gewinnenden Weltranglistenpunkten hierarchisiert sind: »ATP 250« (wie das ebenfalls in dieser Woche ausgespielte Turnier in Budapest), »ATP 500« (wie Barcelona) und die »Masters 1000«-Serie (zu der Monte Carlo gehört).

Auf der WTA-Tour hingegen gibt es vier Turnierkategorien, die zwar nach demselben Prinzip hierarchisiert sind, leider aber leicht verwechselbare Namen tragen, die zudem auf den ersten Blick keineswegs erkennen lassen, wie das jeweilige Turnier einzuordnen ist. »International«, »Premier«, »Premier 5« und »Premier Mandatory« (die letzteren beiden sind das Äquivalent zu den »Masters 1000«).

Ein »International« mit 280 Weltranglistenpunkten für die Siegerin ist das in dieser Woche mit der Weltranglistenzweiten Caroline Wozniacki als Aushängeschild ausgetragene Turnier in Istanbul. Dort gibt es insgesamt 220.000 Dollar Preisgeld zu gewinnen.

Praktisch die gesamte Weltspitze spielt in dieser Woche in Stuttgart ein Turnier, mit dem traditionell die europäische Sandplatzsaison der WTA eröffnet wird, obwohl es alles andere als ein klassisches Sandplatzturnier ist. Gespielt wird auf einem Hallenboden, der mehr oder weniger notdürftig mit rotem Sand beschüttet wird. Der Belag ist schnell, das Spiel stark vom Aufschlag dominiert. Was die Bedeutung angeht, ist Stuttgart einem »ATP 500« vergleichbar. Für die Siegerin gibt es 470 Weltranglistenpunkte. Das Turnier ist weitaus besser besetzt als z. B. das in Barcelona, es gibt aber deutlich weniger Preisgeld. Den etwa 600.000 Euro in Stuttgart stehen etwa 2,7 Millionen Euro in Barcelona gegenüber.

Gleichsam als Vorspiel fand am Wochenende in Stuttgart unter den genannten Bedingungen das Fed-Cup-Halbfinale zwischen der BRD und der Tschechischen Republik statt. Der Fed Cup wiederum steht unter der Schirmherrschaft der ITF, deren Verhältnis zur WTA angespannt ist. Man befindet sich in offener Konkurrenz (zudem ist die ITF ein Sportverband im traditionellen Sinne, WTA und ATP sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen). Die Dinge sind aber noch verworrener. Hauptsponsor des Turniers in Stuttgart ist die Automobilfirma Porsche. Das Unternehmen sponsert ebenfalls das deutsche Fed-Cup-Team, die deutsche Spitzenspielerin Angelique Kerber ist zudem auch »privat« Werbeträgerin von Porsche.

Sportlich dominiert wurde das Fed-Cup-Halbfinale von Petra Kvitova (Werbepartnerin eines konkurrierenden deutschen Automobilkonzerns). Sie besiegte Kerber am Sonntag glatt 6:2, 6:2. Tschechien zog in das Finale gegen Titelverteidiger USA ein, das im November in Prag stattfinden wird.

Beim WTA-Turnier in Stuttgart kam es am Mittwoch abend dann gleich in der ersten Runde zu einem Revanchematch. Ein Zeichen, wie gut das Turnier besetzt ist. Kvitova war als Weltranglistenzehnte an acht gesetzt, Kerber als Weltranglistenzwölfte ungesetzt. Kerber gewann die Revanchepartie 6:3, 6:2.

Wie lässt sich der Kontrast zwischen den beiden Matches innerhalb von drei Tagen erklären? Durch ökonomische Interessen. Kvitova hat wenig Interesse an der Schirmherrschaft von Porsche (und Stuttgart ist zuletzt sehr verdächtig oft von Werbepartnerinnen des Hauptsponsors gewonnen worden). Dafür dürfte sie an den erheblichen Einnahmen des Fed-Cup-Finals in Prag beteiligt werden. Zudem ist sie nächste Woche für ihr Heimatturnier in Prag gemeldet, ein »International«, bei dem ihr inoffizielles Antrittsgeld höher sein dürfte als das gesamte Preisgeld des Turniers. Und übernächste Woche steht das Turnier in Madrid an, das Kvitova zweimal in ihrer Karriere gewinnen konnte. Es ist sportlich wie finanziell lukrativer als Stuttgart und Prag zusammen.

Kurzum, Kvitova kam nach Stuttgart, um das Fed-Cup-Halbfinale zu gewinnen, PR-Arbeit für die WTA zu betreiben (sie drehte ein Video, in dem sie Maultauschen kochte und versuchsweise tschechisches Schwäbisch sprach), den 40. Geburtstag ihres Trainers Jiri Vanek zu feiern und darüber hinaus strahlende Miene zum seltsamen Spiel zu machen.

Ihre sportliche Rivalität mit Kerber ist ausgeglichen (6:6), das Verhältnis der beiden erklärtermaßen freundschaftlich kollegial. Ein erfreulicher Kontrast zur Egomanie der Porsche-Werbeträgerin Maria Scharapowa, die in Stuttgart in der ersten Runde gegen die Weltranglistensiebte Caroline Garcia verlor und nunmehr, genau ein Jahr nach Ablauf ihrer Dopingsperre, nicht unter den Top 50 der Weltrangliste geführt wird.

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