Aus: Ausgabe vom 27.04.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Zweierlei Maß bei Medikamententests

Nur für angebliches DDR-Unrecht fühlt sich der Bund in jedem Fall zuständig

Von Jana Frielinghaus
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Laura Hottenrott, Mitarbeiterin einer Forschersgruppe der Berliner Charité, im März 2016 bei der Vorstellung der Ergebnisse einer Untersuchung zu Medikamententests im Auftrag westlicher Firmen in der DDR

Die Linksfraktion wollte in einer Anfrage zu den medizinischen Versuchen an Heimkindern auch wissen, warum die Bundesregierung deren wissenschaftliche Aufarbeitung bislang nicht unterstütze. Sie wies darauf hin, dass sie das im Fall mutmaßlich rechtswidriger Arzneimitteltests in der DDR sofort getan hat. Die Begründung des Bundesgesundheitsministeriums: Im Fall der medizinischen Studien für westliche Pharmafirmen in der DDR habe es sich »um die Aufarbeitung von Unrecht unter der SED-Diktatur« gehandelt. Dagegen werde der »Einsatz von Arzneimitteln in der Heimerziehung« von den Ländern »in ihrer Zuständigkeit« untersucht.

2013 hatten die »Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur« und das Bundesinnenministerium beim Institut für Geschichte der Medizin an der Berliner Charité eine umfangreiche Untersuchung zur »Klinischen Arzneimittelforschung in der DDR 1961 bis 1989« finanziell unterstützt. Der Grund: Im Mai 2013 hatte der Spiegel einen Artikel veröffentlicht. Darin war zu lesen, die DDR habe »mehr als 50.000 Patienten«, »oft« ohne deren Wissen, als Testpersonen missbraucht, »viele« seien gestorben. Auftraggeber seien westliche Pharmafirmen gewesen. Etliche andere Medien veröffentlichten in der Folge weitere Horrorstorys.

Der Chef des Charité-Instituts, Volker Hess, hatte sich schon damals gegen diese Darstellungen gewandt, weil er sich bereits zu jenem Zeitpunkt zwei Jahre lang mit dem Thema befasst hatte. Im März 2016 legte er den Abschlussbericht seines Teams vor. Dessen Hauptaussage: Die in der DDR durchgeführten Tests hätten sich »weder in der Methodik noch in den Standards von denen im Westen unterschieden«. Hess schränkte ein, ungenügend erforscht sei noch der damalige Umgang mit Patienteneinwilligungen. Diese seien zwar umfangreich in Akten dokumentiert, es fehle aber an Zeitzeugen, die berichten könnten, wie Aufklärungsgespräche verlaufen sind. Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass Bürger »massenhaft und systematisch« als Testpatienten missbraucht worden seien.

Ganz anders sieht es bei den nachgewiesenen Versuchen an Heimkindern in der BRD aus. Die Opfer, das geht aus Veröffentlichungen verantwortlicher Ärzte in Fachzeitschriften hervor, waren meist nicht krank, hatten also nicht einmal theoretisch einen Nutzen von den Mitteln, die sie einnehmen mussten – im Gegenteil. Nach einhelliger Meinung mehrerer vom NDR befragter Medizinhistoriker und Ethiker erfüllten die Testreihen in Kinderpsychiatrien und -heimen mindestens den Tatbestand der Körperverletzung und widersprachen auch damaligen medizinethischen Standards.

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