Aus: Ausgabe vom 25.04.2018, Seite 2 / Kapital & Arbeit

»Kinderarbeit beenden heißt Armut beenden«

4. Weltkakaokonferenz in Berlin. Einkommen der Bauern Hauptproblem. Gespräch mit Johannes Schorling

Interview: Marc Bebenroth
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Kapitalistische Widersprüche: Obwohl Länder wie Ghana und Côte d’Ivoire zu den wichtigsten Weltmarktproduzenten für Kakao gehören, leben die Erzeuger in bitterster Armut.

Seit Montag findet in Berlin die dreitägige 4. Weltkakaokonferenz statt. Wessen Interessen sind vertreten, und worüber wird debattiert?

Es sind alle wichtigen Entscheider des globalen Kakaogeschäfts vertreten: Schokoladenhersteller, Kakaovermahler, Regierungen der Anbau- und der Konsumländer, Nichtregierungsorganisationen sowie die Kakaobauern. Drei Tage lang wird über die Zukunft des Kakaoanbaus gesprochen. Die wichtigsten Herausforderungen sind die Frage existenzsichernder Einkommen und das Beenden der Regenwaldzerstörung.

Die Erzeuger können vom Kakao also nicht einmal leben?

Wir kritisieren, dass der Kakaosektor nicht nachhaltig ist. Er wäre es erst, wenn der Anbau ein existenzsicherndes Einkommen garantiert. In einer aktuellen Studie im Auftrag von Fairtrade International kommt das Oversees Development Institute zu dem Ergebnis, dass selbst bei Kakaobauern mit Fairtrade-Zertifikat das Einkommen sich fast verdreifachen müsste. In Côte d›Ivoire bzw. der Elfenbeinküste erhalten sie knapp 37 Prozent eines existenzsichernden Einkommens. Zusätzlich arbeiten immer noch mehr als zwei Millionen Kinder auf den Kakaoplantagen in Ghana und der Elfenbeinküste. Das sind Formen von Kinderarbeit, die Schulbesuche unmöglich machen und die körperliche Entwicklung beeinträchtigen. Bisherige Bemühungen der Industrie reichen bei weitem nicht aus. Kinderarbeit stagniert, heißt es, aber wir hören Berichte, wonach sie sogar zugenommen hat.

2014 wurde in Bolivien Kinderarbeit ab 14 Jahren legalisiert. Sehen Sie Regulierung als gangbaren Weg für den Kakaoanbau in Afrika?

Für uns ist die Frage der Regulierung von Kinderarbeit bisher kein Thema gewesen. Aus dem Kakaosektor Westafrikas ist mir keine vergleichbare Debatte wie damals in Bolivien bekannt. Im Fokus liegt die Abschaffung der gegenwärtigen Formen von Kinderarbeit. Und man kann nicht Kinderarbeit beenden, ohne die Armut der Bauern zu beenden.

Wer bestimmt den Preis, den die Erzeuger erhalten, und wieviel kommt von den Umsätzen am Ende bei ihnen an?

Bei den Bauern kommt nur ein sehr kleiner Teil an. Im Durchschnitt sind das sechs Cent je Euro, den man bei uns für eine Tafel Schokolade bezahlt. Das ist ein riesengroßes Problem. Die Preisgestaltung unterscheidet sich jedoch von Land zu Land. Sechzig Prozent des weltweiten Kakaos kommen aus Ghana und Côte d‹Ivoire. Dort ist dieser Sektor durch staatliche Vermarktungsbehörden reguliert. Der Weiterverkauf von Kakao ist zentralisiert, und den Bauern wird der Preis staatlich garantiert. Andernorts, zum Beispiel in Nigeria oder Kamerun, ist der Weltmarktpreis an den Rohstoffbörsen in New York und London ausschlaggebend. Von Ende 2016 bis Mitte 2017 fiel der Kakaopreis dort um vierzig Prozent – von über 3.000 US-Dollar pro Tonne auf unter 2.000. In der Folge hat die Elfenbeinküste ihren staatlich garantierten Preis um 35 Prozent gesenkt. In Ghana hält die Regierung den Preis bis heute stabil, wobei unklar ist, wie lange sie dazu in der Lage sein wird. Eine Bäuerin sagte hier auf der Konferenz, dass sie bei diesem niedrigen Kakaopreis erwachsene Erntehelfer nicht bezahlen könne. Deshalb müssten ihre Kinder auf dem Feld aushelfen.

Wie ergeht es Bauern mit zertifiziertem Kakao im Vergleich zu denen ohne?

Die Unterschiede sind leider deutlich geringer, als wir uns das erhoffen würden und es auch der Anspruch von Zertifizierung ist. Fairer Handel bedeutet, dass die Bauern nicht mehr in Armut leben müssen. Zertifikate sind ein wichtiger Schritt und bringen eine Reihe von Vorteilen: Die Einkommen der Bauern verbessern sich leicht, Bauern bilden Kooperativen, und die Erzeuger erhalten eine Ausbildung für bessere Anbaumethoden und effizienteres Wirtschaften.

Profitinteressen stehen einer effektiven Regulierung entgegen. Welche Chancen auf Umsetzung haben Ihre Forderungen?

Das wird nicht einfach. Man sieht es daran, dass in den letzten Jahren auch nicht viel passiert ist. Die Möglichkeit, die von uns geforderten Lösungen umzusetzen, besteht überhaupt nur, wenn es in Ländern wie Deutschland auch politischen Druck gibt. Den Regierungen in den Abnehmerländern muss gezeigt werden, dass die herrschenden Zustände nicht länger akzeptabel sind. Anders wird es nicht gehen. Es braucht Protest.

Johannes Schorling ist Referent für die Kampagne »Make Chocolate Fair!« des entwicklungspolitischen Inkota-Netzwerks aus Berlin.

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