Aus: Ausgabe vom 23.04.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Partikularismus oder Universalismus?

Neuere Veröffentlichungen zur christlichen Rechten machen Kulturkämpfe innerhalb der Kirchen deutlich

Von Helge Meves
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Christlich oder doch eher ethnonationalistisch motiviert? »Marsch für das Leben« in Berlin (16. September 2017)

Gibt es Anlässe, Gründe, Überschneidungen, die Christen dazu bewegen könnten, die AfD ihrer vermeintlichen Nähe zum Christentum wegen zu wählen? Das ist das Thema neuer Bücher zum Komplex »christliche Rechte«. Lucius Teidelbaum findet, dass »das Wissen über Strukturen und Agenda der christlichen Rechten sehr gering« sei und es »Fehleinschätzungen über ihre Wirksamkeit« gebe. Der von Wolfgang Thielmann herausgegebene Band verfolgt das Ziel, »das Gespräch mit der AfD und deren Anhängern in den Reihen der evangelischen Kirche zu befördern«. Liane Bednarz sucht als konservative Christin die Abgrenzung zur Neuen Rechten, zum Völkischen und Nationalistischen in der AfD und will eine Debatte anstoßen, die zu einer »Selbstvergewisserung des Christlichen und des Konservatismus insgesamt führt«.

Deutungskämpfe

Lucius Teidelbaum bietet einen profunden Überblick über Themen, Überzeugungen und Feindbilder der christlichen Rechten. Die Darstellung rechtsklerikaler Strukturen, des parteipolitischen Engagements bis in Kleinstparteien hinein und der neueren Entwicklungen in einzelnen Landeskirchen runden das Bild ab. Es gibt auf derart knappem Raum keine bessere Einführung ins Thema als dieses Buch, zumal durchgängig Konflikte deutlich gemacht werden, um die innerhalb der Religionen bzw. Kirchen »heftige Macht- und Deutungskämpfe« ausgetragen werden. Mit dieser Perspektive stellt der Autor die Frage, ob Linke nicht auch in den Kirchen Bündnispartner finden und unterstützen könnten. Verzichten müssten sie dafür auf »vulgäre Religionsfeindlichkeit, was aber nicht zwingend den Verzicht auf einen humorvollen Umgang mit Religion und eine grundsätzliche Religionskritik« bedeute. Ohne für Differenzen blind zu sein, gebe es bei einem Blick auf die bereits praktizierte Zusammenarbeit in der politischen Praxis mehr Gemeinsames als Trennendes: etwa beim Kampf für ein Verbot von Rüstungsexporten, für globale Gerechtigkeit, dem Engagement für Asylbewerber und Flüchtlinge, gegen Kinderarmut und Menschenfeindlichkeit. Übrigens käme die AfD nach den aktuellen Zahlen von Allensbach bei den kirchennahen Christen auf drei bis vier, bei kirchenfernen auf 16 und bei denen ohne christliche Konfession auf 23 Prozent der Stimmen.

Die christliche Rechte eint der gemeinsame Bezug auf Werte wie die heterosexuelle Familie, Autoritarismus, tradierte Rollenbilder und Hierarchien. Diese Werte werden allerdings nur für eine spezielle Gruppe – wie Volk, Nation, Rasse oder Gläubige des je eigenen Bekenntnisses – angestrebt und gegen den Rest der Welt verteidigt, wozu dann auch innerkirchliche liberale und linke Positionen gehören. Daran wird auch der zentrale Konflikt innerhalb der Kirchen deutlich: Ist die Botschaft des Christentums exklusiv und partikularistisch oder ist sie prinzipiell jede und jeden einschließend und universalistisch? Der Umgang mit diesem Konflikt ist Thema der beiden anderen Bücher.

Der von Wolfgang Thielmann herausgegebene Band thematisiert in der Hälfte der Beiträge die Frage, wie mit Gemeindemitgliedern umgegangen werden kann, die Kandidaten, Mitglieder oder Wähler der AfD sind. Diese Form der Auseinandersetzung folgt dem Anliegen des EKD-Papiers »Konsens und Konflikt« vom August 2017. Klare Gegenpositionen kommen hier ebenso zu Wort wie Apologien und Zwischentöne. Von Interesse für die Frage, ob die freikirchlichen Protestanten der AfD näher stehen als die der Landeskirchen, ist der Beitrag von Peter Jörgensen. Der Begriff Freikirchen ist für ihn ein Containerbegriff, in dem von Altlutheranern, Zeugen Jehovas und Engelgläubigen bis zu Freireligiösen alles eingerechnet werden kann.

Der Band enthält auch das leicht gekürzte Berliner Kirchentagsgespräch mit der damaligen Vorsitzenden der »Christen in der AfD«, Anette Schultner – diese hat die AfD mittlerweile verlassen. »Die Wahrheit sagen« von Bischof Markus Dröge ist einer der wichtigsten Texte der Debatte. In der Tradition der Bekennenden Kirche sei, so Dröge, eine theologisch-politische Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus notwendig. Dessen »Funktionalisierung des christlichen Glaubens für eine aggressive rechtspopulistische Politik muss die Kritik der Kirchen in besonderer Weise herausfordern«, betont er.

Fremdeln mit Franziskus

Liane Bednarz gibt einen Überblick über die christliche Rechte. Auch sie geht von einer »Spaltung« des christlich-konservativen Milieus aus, auch wenn für den Rezensenten dabei unklar geblieben ist, was unter Konservatismus verstanden wird. Die Debatten um Sarrazin, Tebartz-van Elst und das Pontifikat von Papst Franziskus waren der Anlass für die christliche Rechte, sich von den Kirchenführungen abzusetzen. Hier zeigt sich, dass diese Rechte nur dann gegen hierarchische Autoritäten polemisiert, wenn diese nicht mehr ihren Vorstellungen entsprechen. Papsttreu war sie bei Johannes Paul II. und Benedikt XVI., radikalisiert hat sie sich aber seit Franziskus, vor allem wegen dessen Haltung gegenüber Geflüchteten. Während Teidelbaum generell auf die Darstellung der theologischen Unterschiede und Differenzen verzichtet, um so auch dem Leser ohne theologisches Vorwissen die Lektüre zu erleichtern, setzt Liane Bednarz an diesem Punkt an. Das ist durchweg fruchtbar, wie etwa an der Debatten um den Lebensschutz und den Islam deutlich gemacht werden kann.

Völkischer »Lebensschutz«

Alle Darstellungen zur christlichen Rechten gehen gemeinhin davon aus, dass die AfD für Christen eine Option sein kann, weil sie etwa als einzige Partei für einen »Lebensschutz für Embryos« eintritt. Deshalb wird die Lebensschutzbewegung auch als wichtiges Bindeglied zwischen der AfD und den christlichen Rechten gesehen. Bednarz geht aber über diesen Befund hinaus und weist darauf hin, dass die AfD diese Position im Grundsatzprogramm damit begründet, dass sie den weiteren »ethnisch-kulturellen Wandel der Bevölkerungsstruktur« eindämmen will, womit sie völkisch-nationalistisch, aber nicht christlich argumentiert.

Es ist, wie diese Debatte zeigt, problematisch, wenn politisch-moralische Streitfragen allein entlang an der Konfliktlinie religiös-säkular debattiert werden. Die Frage pro oder contra Abtreibung lässt sich nicht ausschließlich auf den Konflikt pro oder contra Religion verengen.

Aversion gegen den Islam

Konstitutiv für die christliche Rechte ist ohne Zweifel die Aversion gegen den Islam. Teidelbaum zitiert aus einem einschlägigen Manifest, nach dem der Islam »eine widergöttliche Lehre« sei. Bednarz erinnert auch an den Artikel zum Islam in der Nostra-aetate-Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils 1965 als einem »Musterbeispiel dafür, wie man am Wahrheitsanspruch der Bibel festhält, ohne dabei andere Religionen herabzuwürdigen«.

Von der Islamophobie bei rechten Christen nicht zu trennen ist daher ihre Instrumentalisierung der Christenverfolgungen. Dies beginnt mit diesem Tierhatz und Hinrichtungen im römischen Kolosseum assoziierenden Begriff. Teidelbaum und Bednarz geben einen sehr guten Überblick über die entsprechenden Netzwerke. Bednarz macht den instrumentellen Umgang unter anderem daran deutlich, dass rechte Christen sich nicht für die Verfolgung von Jesiden oder Muslimen interessieren. Auch der verstorbene Kardinal Lehmann hatte vor zehn Jahren schon darauf aufmerksam gemacht, dass christliche Befreiungstheologen von anderen Christen verfolgt und bedrängt wurden.

So verschieden also die Anliegen der Bücher sind, leisten sie dennoch alle auf ihre Weise einen Beitrag zur Aufklärung über die christliche Rechte. Die Konflikte, so zeigt sich, verlaufen nicht zwischen religiösen und säkularen, sondern zwischen universalistischen und partikularen Vorstellungen. Für letztere steht die christliche Rechte – gegen das Menschenrecht auf Religionsfreiheit und damit die gegen die Menschenrechte generell.

Liane Bednarz: Die Angstprediger. Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern. Droemer, München 2018, 16,99 Euro

Lucius Teidelbaum: Die christliche Rechte in Deutschland. Strukturen, Feindbilder, Allianzen. Unrast, Münster 2018, 7,80 Euro

Wolfgang Thielemann (Hrsg.): Alternative für Christen? Die AfD und ihr gespaltenes Verhältnis zur Religion. Neukirchener Verlagsgesellschaft, Neukirchen 2017, 7 Euro

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