Aus: Ausgabe vom 23.04.2018, Seite 10 / Feuilleton

Aus den Angeln gehoben

Am Ende steht die Eigentumsfrage: Eine Nachlese zur Ära Dercon an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Von Anselm Lenz
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Uninteressiert, inkompetent, zerstörungssüchtig: Trio infernale Michael Müller, Chris Dercon und Tim Renner (von links)

Bis weit in die Nuller Jahre ging das Wort an Kunstakademien, in Leben und Werk früh gescheiterte Künstler würden entweder Kulturfunktionäre oder Politiker. Irgendwo müssen die ja hin, wurde entgegnet, und jeder kannte irgendwo auch einen guten. Doch mit der Kulturrevolution des Neoliberalismus zog der Geniekult auch in die Verwaltungsbüros der Kulturproduktion ein. Nach dessen Sieg über das Reich der Bolschewiki, jenen Hort der verfemtesten aller Gleichstellungen, nämlich der ökonomischen, sollte endlich wieder sein ganzes Ich zum Vorschein kommen. Chris Dercon, seit vergangenem Donnerstag »einvernehmlich« nicht mehr Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin, war das beste Beispiel dafür, was das bedeutet.

Max Kruse, der Erfinder der Augsburger Puppenkiste, soll einmal gesagt haben: »Theater ist, wenn Leute in Dein Haus kommen, um zu gucken, was sich bewegt und Geräusche macht.« Doch das Publikum der Volksbühne kam schon länger nicht mehr, und zu sehen gab es auch wenig. Dercon ist nicht daran gescheitert, dass er innerhalb von sieben Monaten den Jahresetat von über 20 Millionen Euro plus einen Topf voller Lottogelder beinahe komplett verbrauchte, sondern an verheerender professioneller, künstlerischer und strategischer Unfähigkeit. Verantwortlich für das Debakel sind die Berliner Kulturpolitiker, die ihn ins Amt gehievt haben: der ehemalige Kulturstaatssekretär Tim Renner und der heutige Regierende Bürgermeister Michael Müller (beide SPD), der ihm freie Hand ließ.

Dercon war zuvor Galerist in London, Renner war vor seinem Ausflug in die Kulturpolitik Popkonzertmanager, und Bürgermeister Müller ist schwer zuzutrauen, dass er sich für Kunstproduktion überhaupt näher interessiert. Alle drei haben keine praktischen Erfahrungen mit Ensemble- und Repertoiretheater, sie kennen die Welt der Sprechbühne nur als begehbare Architektur, in der man zahlt, dann lange sitzen und zuhören muss. Nur aus einer Abscheu vor dem politischen Charakter des Theaters ist es erklärbar, dass die Kulturfunktionäre annehmen konnten, es verhalte sich mit der Volksbühne wie mit anderen Objekten und Betrieben, die man im Neoliberalismus einer treuhänderischen Disruption unterzieht. Das Ensemble wurde aufgelöst, das Publikum vergrault, und statt avantgardistischen Sprechtheaterstücken aus dem Repertoire wurden ein paar teuer zusammengeschusterte Tanzgastspielevents aufgeführt. Die Kirche der Aufklärung, das Theater, war in der kurzen Ära Dercon, mit Ansage und nach zwei teuren Jahren zur Programmplanung, meistens geschlossen.

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wird nun weiterhin Gegenstand von Ränkespielen sein. Sie ist immer noch in Gefahr. Fest steht nach dem Abgang Dercons immerhin: Die Volksbühne, die von der Arbeiterbewegung 1913/14 als Avantgardetheater errichtet und betrieben wurde, kann nicht in eine Event-Location umgemodelt werden. Das Haus hatte unter Intendant Frank Castorf von 1992 bis 2017 den Formenkanon linken Theaters ins Phantastische weiterentwickelt und sich ein anhaltend junges Publikum und einmalige Auslastungszahlen erspielt. Die Volksbühne war, bei aller Kritik im einzelnen, ein Hort der Weiterentwicklung linker Künste in der Theatertradition der DDR. Doch der einzige deutsche Staat, der von Linken aufgebaut wurde, ihn und seine Stätten der Kulturproduktion durfte es nie gegeben haben. »Sprechen kann ich selber«, sagte Chris Dercon einmal bei einer Pressekonferenz zur Tradition des Sprechtheaters Bert Brechts. Er meinte das ernsthaft abschätzig.

Bei den Protesten gegen das »Down­graden« des Theaters in eine Festhalle arbeiteten Linke und Theatergänger unter Führung junger Schauspieler zusammen. Eine »politische Front, die es so nie gab«, wie die Taz verblüfft feststellte. 40.000 Berliner unterzeichneten eine Petition für den Erhalt der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz als Theater, die aktivistische Politkunstgruppe B6112 inszenierte interessantere und feinere Darstellungs- und Protestformen vor dem Haus, als unter Dercon in dessen Innerem zu sehen waren. Diese Allianz hat das Theater für die Stadt zurück erkämpft. Der amtierende Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) hat nun die Aufgabe, einen vernünftigen Castorf-Nachfolger zu finden. Möglich erscheint derzeit einzig eine Art charismatisches Präsidialsystem. Es braucht eine Figur, welche die verschiedenen Strömungen unter einen (linken) programmatischen Hut bringen kann und eigene überragende Theatererfolge vorzuweisen hat. Doch wer kann mit Laien, Arbeiterchören und professionellen Ensembles hantieren, wer bringt Brecht, Hacks und Peter Weiss in die Gegenwart an der Volksbühne, die nun wieder hoffentlich »am Rosa-Luxemburg-Platz« heißen wird? Man könnte meinen, die notwendige Integrationsfigur sollte der unbestrittene Einar-Schleef-Nachfolger und Sozialaktivist Volker Lösch sein. Zur Zeit wird auch wieder häufiger der Name des ehemaligen Intendanten des Berliner Maxim-Gorki-Theaters Armin Petras genannt. Wahrscheinlicher aber wird Kultursenator Lederer eine Frau bestellen, folgerichtig wäre dann Petras Nachfolgerin Shermin Langhoff, ein vermittelbarer Kompromiss im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses von Berlin, der seinerseits nicht sehr kulturaffin ist.

Das Publikum des Hauses hat zusammen mit linken Aktivisten und Künstlern die Bretter, die die Welt bedeuten, aus den Angeln gehoben. Sie werden sich ihr Theater nicht mehr nehmen lassen. Insofern muss die Eigentumsfrage an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz weiterhin als offen gelten.


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