Aus: Ausgabe vom 23.04.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Wolken am Horizont

Auf der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds ging es auch um den Handelskonflikt zwischen den USA und China

Von Jörg Kronauer
Chinese_President_Xi_49734000.jpg
Weltweit vernetzt: Die Volksrepublik China baut ihre Handelsinfrastruktur aus (China Railway Express während des Internationalen Forums zur Neuen Seidenstraße, 20. Juni 2016)

Der eskalierende Handelskonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China hat die gestern zu Ende gegangene Frühjahrstagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) in Washington überschattet. Zwar seien »die kurzfristigen Aussichten für die Weltwirtschaft weiterhin heiter«, hatte IWF-Generaldirektorin Christine Lagarde am Donnerstag vor der Presse erklärt – und in der Tat: Der Währungsfonds hat seine globale Wachstumsprognose für die Jahre 2018 und 2019 erst kürzlich von 3,7 Prozent auf 3,9 Prozent angehoben. Doch türmten sich »am Horizont immer mehr Wolken auf«, fuhr Lagarde skeptisch fort. Die IWF-Chefin ließ keinen Zweifel daran, was sie damit meint: zum einen ausbleibende Strukturreformen in vielen Ländern, zum anderen die weltweit massiv zunehmende Verschuldung – und drittens eben jene sich zuspitzenden handelspolitischen Auseinandersetzungen zwischen Washington und Beijing.

US-Finanzminister Steven Mnuchin hat auf der Frühjahrstagung klargestellt, dass die Trump-Administration in der Handelspolitik an ihrem konfrontativen Kurs festhalten wird. Dieser richtet sich zunächst gegen das anhaltende globale Handelsungleichgewicht – also dagegen, dass vor allem die Vereinigten Staaten ein dauerhaft hohes Außenhandelsdefizit verzeichnen, während eine Reihe anderer Länder kontinuierlich Überschüsse erzielt. Zu letzteren zählen insbesondere China und Deutschland. Während die Volksrepublik allerdings eine Wende eingeleitet und ihren Handelsüberschuss von 594 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015 auf 421 Milliarden US-Dollar im Jahr 2017 verringert hat, macht die Bundesrepublik keine Anstalten, es ihr gleichzutun, und hat im vergangenen Jahr mit fast 245 Milliarden Euro ihr zweithöchstes Außenhandelsplus überhaupt erzielt. Auch mit Blick auf Deutschland klagte Mnuchin jetzt in Washington, die globalen Handelsungleichgewichte seien um ein Drittel größer als in den 1980er und den 1990er Jahren, und sie nähmen nicht ab. Auch der IWF müsse sich der Angelegenheit künftig »robuster« annehmen.

Im Streit um die angekündigten Strafzölle gegen China hat Mnuchin kurz vor dem Abschluss der Frühjahrstagung erklärt, zu einer Reise nach Beijing und zu Gesprächen über eine Lösung des Konflikts bereit zu sein. Auf eine Beilegung der Streitigkeiten hatte zuvor unter anderem IWF-Generaldirektorin Lagarde gedrängt. Allerdings folgt Washington mit seiner Bereitschaft zu Verhandlungen letztlich seinen eigenen Interessen. Denn die Gegenmaßnahmen gegen die US-Strafzölle, die die Volksrepublik angekündigt hat, dürften die Wirtschaft der Vereinigten Staaten schmerzhaft treffen – nicht zuletzt übrigens Farmer, die zu Trumps Kernwählerschaft gehören. Die 25-Prozent-Zölle auf Schweinefleisch etwa, die Beijing Anfang Ap ril verhängte, treffen US-Exporte im Wert von gut 1,1 Milliarden US-Dollar; China war zuletzt drittgrößter Abnehmer von US-Schweinefleisch. Weitere Zölle könnten US-Sojaexporte verteuern, was besonders schwer wöge: Mehr als die Hälfte aller in den Vereinigten Staaten produzierten Sojabohnen wurde zuletzt nach China geliefert, wo sie mehr als zehn Milliarden US-Dollar einbrachten. Wer einen offenen Handelskrieg zwischen Washington und Beijing gewönne, ist also keinesfalls ausgemacht.

Nebenbei: Das Beispiel Soja zeigt, dass die Strafzölle für Washington auch unmittelbar außenpolitische Kollateralschäden mit sich bringen könnten. Am Rande der IWF-Frühjahrstagung wies Paraguays Zentralbankchef Carlos Fernández Valdovinos darauf hin, dass Paraguay, Brasilien und Argentinien – große Sojaproduzenten – die US-Lieferungen an China problemlos ersetzen könnten, sollten diese durch Zölle verteuert werden. Das könnte letztlich die Bindungen zwischen China und Südamerika weiter stärken und den Einfluss der Vereinigten Staaten in ihrem traditionellen »Hinterhof« schwächen. Neu wäre eine solche Entwicklung allerdings nicht: Trump hat bereits mit seinen Drohungen gegen Lateinamerika die Staaten des südamerikanischen Staatenbundes Mercosur zu intensiveren Bemühungen um Freihandel mit der EU getrieben. Harte Alleingänge gehen eben machtpolitisch zuweilen nach hinten los.

Doch selbst wenn Mnuchin nach Beijing reisen und über eine Beilegung des Handelskonflikts Gespräche führen sollte: Washington wird seine Offensive gegen Beijing weiterführen. »Die ganze Welt« müsse Druck auf die Volksrepublik ausüben, damit diese sich den Forderungen des Westens nach einer weiteren Öffnung ihrer Wirtschaft füge, verlangte in der vergangenen Woche Kevin Hassett, der Vorsitzende des Council of Economic Advisers im Weißen Haus. Mark Calabria, Chefökonom von Vizepräsident Mike Pence, wetterte ebenfalls, China müsse sich endlich in eine ganz reguläre Marktwirtschaft transformieren.

Auf der IWF-Frühjahrstagung hat Finanzminister Mnuchin nun einen weiteren Vorstoß gestartet, der unmittelbar auf das zentrale strategische Großvorhaben der chinesischen Außenwirtschaft und Außenpolitik zielt – auf die sogenannte Neue Seidenstraße. Mnuchin knüpft daran an, dass Beijing für die vielen Infrastrukturvorhaben im Rahmen des Seidenstraßen-Projekts zahlreiche Kredite vergeben hat. Diese bieten nicht nur Anlagemöglichkeiten für chinesisches Kapital; sie weiten aufgrund der aus ihnen entstehenden Abhängigkeiten vor allem auch Chinas Einfluss aus – eine Tatsache, die die westlichen Staaten aus ihrer eigenen internationalen Kreditvergabepraxis bestens kennen. Beijings steigenden Einfluss im Blick, macht Washington jetzt Druck: Man habe damit zu rechnen, dass diverse chinesische Darlehen nicht tragfähig seien, behauptete Mnuchin am Wochenende auf der IWF-Frühjahrs­tagung; das drohe sich, erklärte er ungewohnt sensibel, zum Nachteil für die verschuldeten Länder und vielleicht gar für die Weltwirtschaft zu entwickeln. Deshalb müsse der Währungsfonds einschreiten und zunächst wenigstens »Transparenz« bei den von China vergebenen Auslandsdarlehen schaffen. IWF-Chefin Lagarde schloss sich der US-Forderung prompt an. Von Washingtons neuem Mitgefühl wird man, soweit es gegen China geht, wohl noch öfter hören.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Casino Global Das Milliarden-Versenken-Spiel

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Schwerpunkt
  • Kapitalaufstockung in Milliardenhöhe: Weltbank soll künftig deutlich mehr Kredite gewähren können
    Jörg Kronauer