Aus: Ausgabe vom 21.04.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Erste Schritte zum Sozialismus

Lenin verfasste im März und April 1918 »Thesen über die Aufgaben der Sowjetmacht in der gegenwärtigen Situation« (Teil 4)

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Lenin mit einer Gruppe vom Revolutionären auf dem Roten Platz in Moskau (Mai 2019)

Der Staat, der jahrhundertelang ein Organ zur Unterjochung und Ausplünderung des Volkes war, hat uns als Erbe den größten Hass und das Misstrauen der Massen gegen alles Staatliche hinterlassen. Das zu überwinden ist eine sehr schwierige Aufgabe, der nur die Sowjetmacht gewachsen ist, die aber auch von ihre längere Zeit und gewaltige Beharrlichkeit fordert. In der Frage der Rechnungsführung und Kontrolle – dieser Grundfrage für die sozialistische Revolution am Tage nach dem Sturz der Bourgeoisie – zeigt sich dieses »Erbe« besonders krass. Es wird unvermeidlich eine gewisse Zeit vergehen, bis die Massen, die sich nach dem Sturz der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie zum erstenmal frei fühlten, verstehen werden, nicht aus Büchern, sondern aus der eigenen, der sowjetischen Erfahrung, verstehen und fühlen werden, dass ohne eine allseitige, staatliche Rechnungsführung und Kontrolle über die Produktion und Verteilung der Produkte die Macht der Werktätigen, die Freiheit der Werktätigen sich nicht behaupten kann und die Rückkehr unter das Joch des Kapitalismus unvermeidlich ist.

Alle Gewohnheiten und Traditionen der Bourgeoisie überhaupt und der Kleinbourgeoisie im besonderen sind ebenfalls gegen die staatliche Kontrolle, für die Unantastbarkeit des »heiligen Privateigentums«, des »heiligen« Privatunternehmens. Wir sehen jetzt besonders anschaulich, wie richtig der marxistische Leitsatz ist, dass Anarchismus und Anarchosyndikalismus bürgerliche Strömungen sind, in welch unversöhnlichem Gegensatz sie zum Sozialismus, zur proletarischen Diktatur, zum Kommunismus stehen. Der Kampf für die Verwurzelung der Idee der sowjetischen Kontrolle und Rechnungsführung in den Massen, für die Verwirklichung dieser Idee, für den Bruch mit der verfluchten Vergangenheit, die gelehrt hat, den Erwerb von Brot und Kleidung als eine »Privat«sache, den Kauf und Verkauf als ein Geschäft, das »nur mich angeht«, zu betrachten – dieser Kampf ist eben der gewaltige Kampf der sozialistischen Bewusstheit gegen das bürgerlich-anarchistische Element, ein Kampf von weltgeschichtlicher Bedeutung.

Die Arbeiterkontrolle ist bei uns Gesetz geworden, aber ins Leben und selbst ins Bewusstsein der breiten Massen des Proletariats beginnt sie gerade eben erst einzudringen. Dass das Fehlen einer Rechnungsführung und Kontrolle in der Produktion und Verteilung der Produkte die Keime des Sozialismus vernichtet, Diebstahl am Staatseigentum ist (denn aller Besitz gehört dem Staat, der Staat aber ist die Sowjetmacht, die Macht der Mehrheit der Werktätigen), dass Nachlässigkeit in der Rechnungsführung und Kontrolle direkt den deutschen und russischen Kornilow (Lawr Kornilow, 1870–1918, extrem rechter zaristischer General, jW) Vorschub leistet, die die Macht der Werktätigen nur dann stürzen können, wenn wir die Aufgabe der Rechnungsführung und Kontrolle nicht bewältigen, und die mit Hilfe der gesamten bäuerlichen Bourgeoisie, mit Hilfe der Kadetten, der Menschewiki, der rechten Sozialrevolutionäre uns »auflauern«, den geeigneten Augenblick abwarten – davon sprechen wir nicht genug in unserer Agitation, daran denken und davon sprechen die fortgeschrittenen Arbeiter und Bauern nicht genug. Solange aber die Arbeiterkontrolle nicht zur Tatsache geworden ist, solange die fortgeschrittenen Arbeiter nicht den siegreichen und schonungslosen Feldzug gegen diejenigen eingeleitet und durchgeführt haben, die diese Kontrolle hintertreiben oder sich um sie nicht kümmern – solange kann man nicht nach dem ersten Schritt (der Arbeiterkontrolle) den zweiten Schritt zum Sozialismus machen, das heißt zur Regulierung der Produktion durch die Arbeiter übergehen.

Der sozialistische Staat kann nur als Netz von Produktions- und Konsumkommunen entstehen, die ihre Produktion und ihren Konsum gewissenhaft verbuchen, Arbeit einsparen, die Arbeitsproduktivität unaufhörlich steigern und dadurch die Möglichkeit erlangen, den Arbeitstag auf sieben, auch sechs und noch weniger Stunden täglich herabzusetzen. (…)

Zu den unsinnigen Behauptungen, die die Bourgeoisie mit Vorliebe über den Sozialismus verbreitet, gehört auch die, die Sozialisten leugneten die Bedeutung des Wettbewerbs. In Wirklichkeit aber eröffnet erst der Sozialismus durch die Beseitigung der Klassen und folglich der Versklavung der Massen zum ersten Male den Weg zu einem Wettbewerb tatsächlich im Massenmaßstab. Und gerade die sowjetische Organisation, die vom formalen Demokratismus der bürgerlichen Republik übergeht zur wirklichen Teilnahme der werktätigen Massen an der Verwaltung, stellt zum ersten Male den Wettbewerb auf eine breite Basis. Auf politischem Gebiet ist das viel leichter als auf wirtschaftlichem, aber für den Erfolg des Sozialismus ist gerade das letztere wichtig.

N. Lenin: Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht. In: Prawda, 28. April 1918. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin, Werke, Band 27. Dietz-Verlag, Berlin 1969, Seiten 244–250


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