Aus: Ausgabe vom 18.04.2018, Seite 6 / Ausland

Christen für den Frieden

Patriarchen in Moskau und Damaskus kritisieren »brutale Aggression« der Westmächte in Syrien. Bischof von Aleppo warnt vor weiterer Eskalation

Von Rüdiger Göbel
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Gotteshäuser unter Beschuss: Eine zerstörte orthodoxe Kirche in der Nähe von Damaskus (18.5.2017)

Die evangelisch sozialisierte Kanzlerin Angela Merkel und ihr Bundesaußenminister Heiko Maas, der in seiner Jugend als Messdiener in der katholischen Kirche am Altar stand, mögen es nach ihrer Zustimmung für die völkerrechtswidrigen US-amerikanischen, britischen und französischen Luftangriffe auf Ziele in Syrien nicht gerne hören: Die Christen in dem seit sieben Jahren vom Krieg terrorisierten Land sehen im russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem syrischen Staatschef Baschar Al-Assad keine Schlächter, sondern Schutzpatrone und ihre Überlebensversicherung schlechthin. Und so verwundert es nicht, dass die Kirchenführer im Nahen Osten die jüngsten Bombardements einhellig als »Aggression« verurteilen. Scharfe Worte für US-Präsident Donald Trump, die britische Premierministerin Theresa May und den französischen Staatschef Emmanuel Macron fand der katholische Bischof von Aleppo, Georges Abou Khazen: »Mit diesen Raketen haben sie die Maske fallen lassen«, sagte er laut katholischem Pressedienst SIR. »Erst war es nur ein Stellvertreterkrieg. Jetzt bekämpfen sich die Hauptakteure.« Die »kleinen Akteure« seien besiegt, nun zeigten sich »auf dem Feld die wahren Protagonisten des Konflikts«, so der Apostolische Vikar. Nach den Angriffen der US-Amerikaner, Briten und Franzosen sei es zudem noch schwieriger, »den mutmaßlichen Chemiewaffenangriff in Duma zu beweisen«, so Abou Khazen. »Jeder Friedensappell verhallt im Nichts, nur Papst Franziskus hofft weiter auf den Frieden und wir mit ihm.« Man könne nur hoffen, dass sich die jüngsten Angriffe der NATO-Mächte nicht in andere Richtungen ausweiten: Dies wäre sehr gefährlich, der Konflikt geriete damit noch mehr außer Kontrolle.

Wie katholische Agenturen berichten, telefonierte der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill nach den Angriffen der – christlich geprägten – NATO-Länder am Wochenende mit Papst Franziskus, dem orthodoxen Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus sowie den orthodoxen Patriarchen von Antiochien, Alexandrien und Jerusalem. Die Christen könnten bei dem, was in Syrien geschehe, »nicht beiseite stehen«. Das Christentum sei im Nahen Osten entstanden, Konflikte in diesem Raum stellten immer auch eine Bedrohung für die Christen dar.

Die drei in Damaskus residierenden Patriarchen von Antiochien – der griechisch-orthodoxe Johannes X., der syrisch-orthodoxe Moran Mor Ignatius Aphrem II. und Joseph Absi, Oberhaupt der melkitischen griechisch-katholischen Kirche – haben noch am Samstag laut domradio.de die »brutale Aggression der USA, Frankreichs und Großbritanniens gegen unsere geliebte Heimat« verurteilt. Das Vorgehen der drei Westmächte sei eine »klare Verletzung des internationalen Rechts und der Charta der Vereinten Nationen«. Es sei schmerzlich, dass dieser Angriff von machtvollen Staaten gekommen sei, denen Syrien in keiner Weise etwas zuleide getan habe. Für Einsatz von Giftgas durch die syrische Armee in Duma gebe es weder ausreichende noch klare Beweise. Bezeichnenderweise begannen die westlichen Angriffe auf Syrien just in dem Moment, als die unabhängige internationale Untersuchungskommission der OPCW-Chemiewaffenexperten ihre Arbeit aufnehmen sollte, was deren Arbeit unterminiere. Die Westmächte zerstörten mit ihrem Vorgehen die Chancen für eine politische Lösung des Syrien-Konflikts. Dies führe zu Eskalation und weiteren Komplikationen. So würden die »terroristischen Organisationen« – hierzulande bisweilen auch von Linken als »Rebellengruppen« verklärt – dadurch ermutigt.

Wie die Katholischen Nachrichten berichten, appellieren die Patriarchen in einer gemeinsamen Erklärung an die Kirchen in den an den völkerrechtswidrigen Angriffen vom Wochenende beteiligten Ländern, die Aggression zu verurteilen und die Regierungen zu einer Wahrung des internationalen Friedens zu drängen. Ausdrücklich danken die Patriarchen der syrischen Armee und versichern ihr Gebet für »die Seelen der Märtyrer und die Genesung der Verwundeten«. Die Armee werde sich nicht den »externen und internen terroristischen Aggressionen« beugen und mutig weiterkämpfen, »bis jeder Quadratzentimeter syrischen Bodens vom Terrorismus gereinigt ist«.

Dies deckt sich mit einem Bericht von Euronews. Das in Frankreich ansässige Nachrichtenportal hatte am Tag vor der Selbstermächtigung Trumps, Mays und Macrons zum Syrien-Bombardement gemeldet: »Syriens Christen stehen zum syrischen Staat.« Karen Tadevosyan, Präsident des Komitees der Armenier in Belgien, erklärte da: »Christen stehen an vorderster Front, weil sie Christen sind. Stellen wir uns also vor, was die Dschihadisten mit ihnen machen würden, wie wir es bereits vor einem Jahrhundert im Jahr 1915 erlebt haben. So viele Christen in Anatolien wurden massakriert, weil sie Christen waren.« Und Peter Petrossian, Christ aus Aleppo und mittlerweile von Brüssel aus als Vizepräsident des Unterstützungskomitee für Ostchristen arbeitend, wird mit den Worten zitiert: »Die Christen Syriens stehen zum syrischen Staat, zur Einheit Syriens und seiner Territorien, sind für den Frieden in Syrien und gegen den bewaffneten Konflikt. Wir kooperieren mit unserem Staat, um Frieden für das syrische Volk zu schaffen.«


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