Aus: Ausgabe vom 17.04.2018, Seite 16 / Sport

Chemie, Chemie – nur noch Chemie

Was für ein Projekt: Eine Trilogie über die Fans der BSG Chemie Leipzig. Zwei Bände gibt es schon

Von Frank Willmann
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Besoffen vor Glück: Fans des Überraschungsmeisters 1964

Wir alle leiden unter den schlimmen, fußballosen Zeiten, die in geschmackloser Regelmäßigkeit über uns hereinbrechen. Vom Handballteufel erfundene Ruhezeiten, sinnlos vergammelte Wochenenden ohne unsere innig geliebte Balllümmelei. In solchen traurigen Stunden kann der Blick in ein gutes Buch helfen. Ganz besonders fleißig ist derzeit Jens Fuge, seines Zeichens Chemie Leipzig Fan und historisches Gewissen aller Anhänger der Grünweißen.

Um seine Verein angemessen zu würdigen, verantwortet er ein Großprojekt: Eine BSG-Chemie-Leipzig-Fantrilogie auf insgesamt 1500 Seiten. Und zwar im Eiltempo. Das entflammt nicht nur die Chemiker aus dem fernen Leipzig-Leutzsch. Anfang 2017 erschien der erste Band (»Steigt ein Fahnenwald empor«) und schon Ende 2017 der zweite. »Kennst du den Platz, wo die Sonne stets lacht?« , heißt des fette Werk, das wesentlich die 80er Jahre verhandelt.

Neben etwa 1000 Fotos und Abbildungen begeistert das Buch durch einen wahren Orkan an Fangeschichten, in denen häufig von lachenden Sonnen wenig zu spüren ist. Denn die aktiven Fußballfans der DDR hatten einen Hauptfeind, der ihnen permanent auf die Füße trat, ihnen das Leben schwermachte und den Spaß versaute: Vater Staat mit allen seinen Kräften. Immer auf der Jagd nach negativ-dekadenten Jugendlichen, die – vom Westfußball verseucht – die liebe DDR-Jugend womöglich konterrevolutionär infiltrieren wollten.

Mit frechen Gesängen, in Westjeans gekleidet, tapeziert mit Bundesligaaufklebern und einer Sehnsucht nach Aufregung im biederen DDR-Alltag, spazierten diese jungen Menschen durch das Stadtbild und zeigten Karl Marx die lange Nase. Weil sie sich für den nicht interessierten, zumindest nicht am Wochenende.

Bei Chemie war diese Klientel besonders stark vertreten. Chemie galt als sogenannter ziviler Club. Keine Polizei, keine Armee, kein MfS und keine Partei hatten dort das Sagen – so sagte man. Chemie war für seine Fans gelebte, unangepasste Arbeiterkultur. Roh, laut, irgendwie dagegen, am liebsten besoffen. Besoffen vor Glück, besoffen von billigem Fusel, besoffen vor Freundschaft, die viele Jugendliche beim Fußball fanden. Chemie zog Kunden, Punks, Rocker und Langhaarige magisch an. Fuge hat es in seinem Buch geschafft, dieser Klientel eine Stimme zu geben. In Interviews, Gedächtnisprotokollen und Fotoserien geben sie Auskunft über das Fandasein in der DDR. Immer mit der großen Zehe im Knast, den Kopf voll herrlicher Flausen, ließen sich viele einfach nicht unterkriegen.

Das Buch ist ein Denkmal für alle jene Chemiker (und wenige Chemikerinnen), die zu DDR-Zeiten stolz und abenteuertrunken durch die Stadien der Zone pilgerten, sich kloppten, sich liebten, ihre Lieder sagen und ihr kleines bisschen Fußballfreiheit lebten. Ein großartiges Geschichtsbuch, eine wunderbare Hommage an alte Säcke, die einmal Helden waren.

Jens Fuge: Kennst du den Platz, wo die Sonne stets lacht?: Chemie Leipzig und seine Fans (Band 2), 524 Seiten, Backroad diaries Verlag, Leipzig 2017, 35 Euro


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