Aus: Ausgabe vom 17.04.2018, Seite 12 / Thema

Klischee und Realismus

»Die Simpsons« sind bereits eine Generationenerfahrung, aber auch Serien wie »Sex and the City« haben längst Kultstatus. Da ständig Neues auf den Markt kommt, verliert man schnell den Überblick. Eine Übersicht nach Genres (Teil 2 und Schluss)

Von Gebhard Hölzl
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»The Walking Dead«, der Name ist Programm. Gerade wurde die letzte Folge der achten Staffel ausgestrahlt, eine neunte ist bereits in Planung

Fernsehen war gestern. »Binge viewing« ist heute. Solange schauen, wie man will. Die Streamingdienste machen es möglich. Serien, Filme, Dokumentationen. Zeitlich und örtlich ungebunden. Solange es Spaß macht. Eine Folge, vier Folgen, die ganze Staffel. Aber was muss man sehen, was sollte man gesehen haben? Besonders hinsichtlich der Serien ist das Angebot riesengroß – eigentlich unüberschaubar. Lesen Sie im zweiten Teil unseres kleinen Wegweisers durch den Seriendschungel über Comedy, »Frauen-« und »Männerserien« sowie Formate abseits des Mainstreams.

Selten so gelacht – Comedy mit Hirn

Red Oaks

Drei Staffeln, 26 Episoden; 2014–2017

– Showrunner/Idee: Joe Gangemi, Gregory Jacobs

– Regie: David Gordon Green, Andrew Fleming, Hal Hartley, Amy Heckerling u. a.

– Mit Craig Roberts, Ennis Esmer, Oliver Cooper, Richard Kind, Jennifer Grey

– Anbieter: Amazon Instant Video/Amazon Video

Darum geht’s: David Meyers hat gerade sein zweites Jahr an der New York University abgeschlossen. Während der Sommerferien jobbt er als Tennislehrer im Country-Klub Red Oaks. Er sucht nach seinem Platz im Leben. Welche Berufsrichtung soll er einschlagen? Soll er bei seiner Jugendliebe bleiben oder sein Glück bei der Tochter des reichen Vereinspräsidenten versuchen? Und zu allem Überfluss haben sich auch noch seine Eltern auseinandergelebt.

Empfehlenswert, weil: eine klassische Coming-of-Age-Story, zigmal erzählt – aber nicht so kurzweilig und klug wie hier. Niemand Geringeres als Steven Soderbergh (»Erin Brokovich«) firmiert als Produzent, Independentgrößen wie David Gordon Green oder Hal Hartley verantworten die Regie. Bestechend geglückt ist das 1980er-Jahre-Ambiente, nostalgisches Sommerferienfeeling kommt auf, der Rock-Pop-Soundtrack ist sorgfältig zusammengestellt. Dazu milder (Fäkal-)Humor, pinkfarbene Leggins nebst entsprechendem Lidstrich, grausige Miniplilöckchen und Jennifer Grey (»Dirty Dancing«) als gestrenge Mama.

Shameless

– Acht Staffeln, 96 Episoden; seit 2011

– Showrunner/Idee: Paul Abbott, John Wells

– Regie: Mark Mylod, Christopher Chulack, John Wells, Anthony Hemingway u. a.

– Mit William H. Macy, Emmy Rossum, Jeremy Allen White, Cameron Monaghan, Joan Cusack

– Anbieter: Showtime/FOX

Darum geht’s: Die Gallaghers sind das, was man in den USA »White trash« nennt. Eine irischstämmige Arbeiterfamilie, die in Boston lebt und gerade so über die Runden kommt. Vater Frank säuft und nimmt Drogen, lebt von der Stütze und überlässt seine sechs Kinder ihrem Schicksal – sprich der ältesten Tochter Fiona, die sich aufopferungsvoll um ihre Geschwister kümmert. Darunter der hochintelligente Lip und Ian, der mit seiner Homosexualität kämpft.

Empfehlenswert, weil: frei nach dem wegweisenden Fotoband von Jacob Riis »How the Other Half Lives« (1890). John Wells hat Paul Abbotts gleichnamige britische Serie von Manchester nach Massachusetts verlegt und rechnet spitzzüngig und scharfsinnig mit dem »American ­Dream« ab. Alptraum statt Traum, von wegen Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Gentrifizierung, Rassismus, Sex und Gewalt. Dabei schreiend komisch und bitterböse. Wil­liam H. Macy glänzt als durchtriebener Patriarch, Emmy Rossum als Fiona, die das Herz am rechten Fleck trägt und doch kein Kind von Traurigkeit ist.

Die Simpsons

29 Staffeln, 629 Episoden; seit 1989

Showrunner/Idee: Matt Groening

Regie: Mike B. Anderson, Mark Kirkland, ­Steven Dean Moore, Bob Anderson u. a.

– Zeichentrick

– Anbieter: FOX/ZDF

Darum geht’s: Homer Simpson verortet seine Familie in der »oberen unteren Mittelklasse« der USA. Er arbeitet als Sicherheitsbeauftragter in einem Atomkraftwerk, Gattin Marge ist Hausfrau und Mutter. »Zweieinhalb« Kinder haben sie: den Schulversager und ewigen Unruhestifter Bart, die Streberin, Vegetarierin und Buddhistin Lisa sowie das Baby Maggie, das eigentlich ausschließlich an seinem Schnuller interessiert ist.

Empfehlenswert, weil: der Dinosaurier unter den (animierten) Serien, seit der ersten Folge Kult. »Eine schrecklich nette Familie«, die in der fiktiven Stadt Springfield lebt und sich selbstbewusst gibt: »Ich bin Bart Simpson. Wer zum Teufel sind Sie?« Die Eltern: dumm, ungeschickt, erfolglos. Die Kids: ungezogen, frech, fies. Realismus pur, meint der geistige Vater Matt Groening. Der Erfolg kommt nicht von ungefähr: Jede Folge kostet etwa 600.000 Dollar. Täglich werden rund 400 Szenen von 70 Zeichnern ausgearbeitet. Jede Episode besteht aus rund 140.000 Einzelbildern. Für den musikalischen Sound sorgt ein 38-Mann-Orchester.

Schlimme Girls, schlaue Mamis

Big Little Lies

– Eine Staffel, sieben Episoden; seit 2017

– Showrunner/Idee: David E. Kelley

– Regie: Jean-Marc Vallée

– Mit Reese Witherspoon, Nicole Kidman, Shailene Woodley, Zoë Kravitz, Laura Dern

– Anbieter: HBO/Sky Atlantic HD

Darum geht’s: drei Frauen und ein Mord. Schauplatz ist die beschauliche kalifornische Küstenstadt Monterey. Madeline und Celeste sind honorige, ums Gemeinwohl besorgte Bürgerinnen, die alleinerziehende Jane ist neu in den Ort gezogen. Man freundet sich an, lernt sich kennen, weil die Kinder dieselbe »gute« Schule besuchen. Da kommt es gleich am ersten Schultag zu einem Mobbingfall. Das hat es noch nie gegeben. Empörung, Wut, Ratlosigkeit.

Empfehlenswert, weil: Im Rückblick erzählt – bis zur letzten Folge weiß man nicht einmal, wer das Mordopfer ist. Unter der schönen, gelackten Oberfläche brodelt es. Häusliche Gewalt, Seitensprünge, nichts ist so, wie es scheint. Unschuldige gibt es nicht, so lautet die traurige Erkenntnis. Dazu Reese Witherspoon, Nicole Kidman und Shailene Woodley (»Die Bestimmung«), eine Besetzung der Sonderklasse, exzellent geführt von Regisseur Jean-Marc Vallée (»Der große Trip – Wild«). David E. Kelley ist einer der wichtigsten Serienerfinder, unter anderem verantwortlich für »Practice«, »Boston Legal« und »Mr. Mercedes«.

Desperate Housewives

– Acht Staffeln, 180 Episoden; 2004–2012

– Showrunner/Idee: Marc Cherry

– Regie: David Grossman, Larry Shaw, David Warren, Arlene Sanford, Ron Underwood u. a.

– Mit Teri Hatcher, Felicity Huffman, Marcia Cross, Eva Longoria, Ricardo Chavira

– Anbieter: ABC/ORF 1, SRF 2, Pro sieben

Darum geht’s: fünf Hausfrauen in der Wisteria Lane in Fairview. Schmucke Häuser, gepflegte Rasenflächen, gestutzte Hecken, sauber polierte Autos in der Einfahrt. Postkarten-Amerika. Eine vermeintlich heile Welt. Der Clou dabei: Eine der Damen, Mary Alice Young, hat sich in ihrem Eigenheim erschossen. Nun kommentiert sie aus dem Jenseits mit spitzer Zunge das Leben ihrer Exfreundinnen.

Empfehlenswert, weil: Die US-Familienidylle wird demontiert. Marc Cherry, der sich schon als Autor von »Golden Girls« mit »Frauenfragen« beschäftigt hat, preist seine Serie als »unkonventionelle Mischung aus Comedy, Drama und Mystery« an. Die Vorhölle tut sich hinterm weißen Gartenzaun auf. Um Lügen und Geheimnisse geht es, um Ehebruch und die Aufrechterhaltung des schönen Scheins. Die gestylten Frauen sind Archetypen: American Mom, Aufsteigerin, Karrierefrau … Dass man dem munteren, gerne auch recht handfesten Treiben gerne folgt, liegt an der klugen Besetzung und den virtuos aufspielenden Damen.

Gilmore Girls

Sieben Staffeln, 153 Episoden; 2000–2007

Showrunner/Idee: Amy Sherman-Pallandino

Regie: Amy Sherman-Pallandino, Jamie Babbit, Chris Long, Lee Shallat Chemel, Kenny Ortega u. a.

Mit Lauren Graham, Alexis Biedel, Keiko Agena, Edward Herrmann, Melissa McCarthy

Anbieter: The WB/ORF 1, Sixx

Darum geht’s: die Mutter aller Girlserien. Lorelai und Tochter Rory Gilmore wohnen in der verträumten neuenglischen Kleinstadt Stars Hollow. Beste Freundinnen sind sie, sie tauschen sich aus, passen aufeinander auf. Lorelai ist mit 16 Jahren schwanger geworden und daraufhin von zu Hause ausgezogen – im Streit, weil sie sich weigerte, den Vater des Kindes zu heiraten. Nun nimmt sie wieder Kontakt mit ihren Eltern auf, die im benachbarten Hartford leben.

Empfehlenswert, weil: Amy Sherman-­Pallandino ist eine Fachfrau, siehe aktuell »The Marvelous Mrs. Maisel«. Ihre »Gilmore Girls« sind längst ein TV-Klassiker, vor allem dank des brillanten Sprachwitzes und der fabelhaften Plots. Hinzu kommen Generationskonflikte, Liebeswirren, skurrile Figuren und kluge Referenzen auf Film, Musik, Literatur und Zeitgeschehen. Die Protagonistinnen Lauren Graham und Alexis Biedel schließt man sofort ins Herz. 2016 überraschte Netflix mit einer vierteiligen Fortsetzung namens »Gilmore Girls: Ein neues Jahr«.

Orange Is the New Black

– Fünf Staffeln, 65 Episoden; seit 2013

– Showrunner/Idee: Jenji Kohan

– Regie: Andrew McCarthy, Phil Abraham, Michael Trim, Jodie Foster, Uta Briesewitz u. a.

– Mit Taylor Schilling, Uzo Aduba, Danielle Brooks, Selenis Leyva, Kate Mulgrew

– Anbieter: Netflix/Netflix

Darum geht’s: Frauen hinter Gittern. Die wohlsituierte, bisexuelle Piper Chapman – sie betreibt eine erfolgreiche Kosmetiklinie – landet wegen eines während ihrer Studienzeit begangenen Drogendelikts im Gefängnis, wo sie eine rund einjährige Haftstrafe verbüßen soll. Piper ist mit dieser neuen Situation hoffnungslos überfordert und muss erst lernen, hier zurechtzukommen.

Empfehlenswert, weil: eine Dramödienserie der im Thema erfahrenen Jenji Kohan (»Weeds – kleine Deals unter Nachbarn«), adaptiert nach Piper Kermans Sachbuch »Orange Is the New Black: Mein Jahr im Frauenknast«. »Die beste Fernsehserie, die jemals über das Gefängnis gemacht worden ist« titelte die Washington Post – und hat damit wohl recht. Das US-Justizsystem wird kritisch hinterfragt, die Charaktere sind präzise gezeichnet, Spaß und Ernst halten sich die Waage – wobei einem oft das Lachen im Hals steckenbleibt. Taylor Shilling besticht als Yuppiefrau, die sich allmählich mit ihren neuen Lebensumständen arrangiert.

Sex and the City

– Sechs Staffeln, 94 Episoden; 1998–2004

– Showrunner/Idee: Darren Star

– Regie: Michael Patrick King, Allen Coulter, Michael Engler, Michael Spiller, Alan Taylor u. a.

– Mit Sarah Jessica Parker, Kim Cattrall, Kristin Davis, Cynthia Nixon, Chris Noth

– Anbieter: HBO/Pro sieben

Darum geht’s, um es mit einem deutschen Filmtitel zu beschreiben: »Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit«. In dieser Hinsicht ist Carrie Bradshaw, gutbezahlte Kolumnistin beim fiktiven »New York Star«, die Expertin. Was freilich nicht heißt, dass sie und ihre besten Freundinnen, die Galeristin Charlotte, die PR-Managerin Samantha und die Anwältin Miranda, in Sachen (Liebes-)Leben arg gebeutelt werden.

Empfehlenswert, weil: Candace Bushnell, jahrelang Kolumnistin bei einer New Yorker Tageszeitung, lieferte mit ihrem Bestseller die Vorlage. Manolo Blahnik, Prada, Gucci, Dolce und Gabbana, Dior, Louis Vuitton und Co. sind die wahren Stars – danach gieren die Protaginistinnen, sie sind – mit The Kinks – »dedicated followers of fashion« (in etwa: passionierte Modefans). Carrie vor allem. Erst dann kommt ihr im doppelten Wortsinn gutbetuchter Traummann »Mr. Big« (Chris Noth), mit dem sie eine On-off-Beziehung pflegt. Die sexsüchtige Samantha (Kim Cattrall) ist pragmatischer: »Ich brauche keinen Mann. Und wenn doch, dann bitte nackt und mit großem Schwanz.«

Biker und andere »böse Buben«

Sons of Anarchy

– Sieben Staffeln, 92 Episoden; 2008–2014

– Showrunner/Idee: Kurt Sutter

– Regie: Paris Barclay, Guy Ferland, Gwyneth Horder-Payton, Peter Weller u. a.

– Mit Charlie Hunnam, Ron Perlman, Katey Sagal, Maggie Siff, Kim Coates

– Anbieter: FX Network/Kabel eins

Darum geht’s: Die »Sons of Anarchy« sind eine Bikergang, ansässig in der kalifornischen Kleinstadt Charming. Seit dem Tod des Klubgründers John Teller leitet dessen Weggefährte Clay Morrow die Geschicke, Gemma, die Ehefrau seines Vorgängers, hat er gleich mit übernommen. Als zweiter Mann soll deren Sohn »Jax« Teller bald die Geschäfte übernehmen. Der aber überlegt nach der Geburt seines Sohnes, bürgerlich zu werden.

Empfehlenswert, weil: Maschinen, Drogen, Waffenhandel und Prostitution. Wahre Höllenengel sind die Protagonisten, das sogenannte schwache Geschlecht steht den Herren der Schöpfung in Sachen Brutalität, Gnadenlosigkeit und Durchsetzungskraft allerdings in nichts nach. Was äußerlich wie eine modernisierte Variante von Roger Cormans Zweirad-B-Pictures der 1960er Jahre aussieht, ist in Wirklichkeit eine clevere Neudeutung von Shakespeares Königsdrama »Hamlet«. Eine Klasse für sich ist Queen Mum Gemma, von Katey Sagal (»Eine schrecklich nette Familie«) grandios verkörpert.

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»Die Simpsons« sind Kult, die Zeichentrickschöpfung hat längst ihren eigenen Stern auf dem berühmten Walk of Fame. Wohl keine Serie hat derartig tiefe Spuren in der Populärkultur hinterlassen. Und noch immer ist es eine Freude dem gerissenen Homer dabei zuzusehen, wie er sich vor der Arbeit drückt und seine Umgebung in den Wahnsinn treibt.

Vikings

– Fünf Staffeln, 53 Episoden; seit 2015

– Showrunner/Idee: Michael Hirst

– Regie: Ken Girotti, Ciaran Donnelly, Jeff Woolnough, Helen Shaver u. a.

– Mit Travis Fimmel, Gustaf Skarsgård, Katheryne Winnick, Alexander Ludwig, Gabriel Byrne

– Anbieter: History Television/Lovefilm.de

Darum geht’s: Die Abenteuer des Nordmannes Ragnar Lothbrok, der zahlreichen Intrigen zum Trotz zum König aller Wikinger-Stämme aufsteigt. In England bekämpft (und besiegt) er die Angelsachsen, Paris erobert er mit einem gewagten Manöver. Ihm treu zur Seite stehen unter anderem seine Frau und Schildmaid Lagertha sowie der brillante Bootsbauer Floki, mit dessen Drachenschiffen die Weltmeere bezwungen und auch seichte Flüsse befahren werden können.

Empfehlenswert, weil: Geschichte als großes Abenteuer, nicht von ungefähr produziert von History Channel, erdacht von dem in historischen Sujets beschlagenen Michael Hirst (»The Tudors«). Blutige Äxte, rauschende Bärte und Zottelhaar, Dauerregen und Matsch, Frauen mit kunstvoll geflochtenem Haar, die mit ihren Männern schreiend in den Krieg ziehen. Odin oder Gott, das ist hier die Frage, freilich eher im Subtext, denn das Hauptaugenmerk liegt auf handfester Action.

The Walking Dead

– Acht Staffeln, 110 Episoden; seit 2010

– Showrunner/Idee: Frank Darabont

– Regie: Greg Nicotero, Ernest R. Dickerson, Michael E. Satrazemis, David Boyd u. a.

– Mit Andrew Lincoln, Norman Reedus, Melissa McBride, Chandler Riggs, Steven Yeun

– Anbieter: AMC/FOX

Darum geht’s: Deputy Rick Grimes wird bei einem Einsatz schwer verletzt und fällt ins Koma. Als er im Krankenhaus erwacht, ist alles anders. Die Welt, wie er sie kannte, gibt es nach einer Apokalypse nicht mehr. Überall liegen Leichen, nach Blut gierende Zombies torkeln durch die Straßen. Ein sicherer Zufluchtsort wird gesucht, der Sheriff und eine kleine Gruppe Überlebender begeben sich auf eine ebenso gefährliche wie beschwerliche Reise.

Empfehlenswert, weil: Gleich in der ersten Folge wird einem Kind mitten ins Gesicht geschossen. Einem Minizombie. Der Schock sitzt tief – und hält Episode für Episode an. Eine einzige lange Schlachtplatte ist diese Serie nach der Comic­romanserie von Robert Kirkman und Tony Moore. Horror und Action halten sich die Waage, das (treue) Publikum scheint das zu schätzen. 17,3 Millionen US-Zuschauer wurden im Schnitt bei der fünften Staffel gezählt, womit sich die Show zum AMC-Flaggschiff entwickelt hat. Kein Wunder, dass ein Ableger folgen musste: »Fear the Walking Dead« betitelt.

Jenseits des Mainstreams

Big Love

– Fünf Staffeln, 53 Episoden; 2006–2011

– Showrunner/Idee: Mark V. Olsen, Will Scheffer

– Regie: Daniel Attias, David Petrarca, Adam Davidson, David Knoller, Michael Lehmann u. a.

– Mit Bill Paxton, Jeanne Tripplehorn, Chloë Sevigny, Ginnifer Goodwin, Grace Zabriskie

– Anbieter: HBO/TNT Serie

Darum geht’s: Der strenggläubige Mormone Bill Henrickson lebt mit seinen drei Frauen und sieben Kindern in drei aneinander angrenzenden Häusern in Salt Lake City in Polygamie. Und als ob es nicht schon schwer genug wäre, diesen Umstand vor der Öffentlichkeit geheimzuhalten, setzen ihm die Gattinnen massiv zu. Jede will bevorzugt behandelt werden, jede will mehr Liebe, mehr Sex und mehr Zuwendung als die andere.

Empfehlenswert, weil: »God Only Knows« singen die Beach Boys im Opener, während die Großfamilie auf dem Eis tanzt. Dünnem Eis, versteht sich. Nicht nur augenzwinkernd ist das gemeint bei diesem Mormonenspaß, der sich immer wieder zuspitzt. Bill Paxton glänzt als amerikanischer Jedermann in (seelischen) Nöten, Jeanne Tripplehorn, Chloë Sevigny und Ginnifer Goodwin spielen nicht nur im Alter grundverschiedene Gattinnen.

Six Feet Under

– Fünf Staffeln, 63 Episoden; 2001–2005

– Showrunner/Idee: Alan Ball

– Regie: Alan Ball, Daniel Attias, Rodrigo García, Jeremy Podeswa, Kathy Bates u. a.

– Mit Peter Krause, Michael C. Hall, Frances Conroy, Lauren Ambrose, Rachel Griffiths

– Anbieter: HBO/Premiere

Darum geht’s: Ein Autounfall reißt den Bestattungsunternehmer Nathaniel Fisher aus dem Leben. Laut dessen Testament sollen nun die Söhne David und Nate das Familienunternehmen weiterführen. Ein ebenso schwieriges wie heikles Unterfangen, kommen die beiden jungen Männer doch nicht besonders gut miteinander aus und geraten ständig mit einander in Streit. Und dann sind da ja auch noch die Mama, die ein Verhältnis mit einem Friseur unterhält, sowie die jüngere Schwester Claire, die mit einem umgebauten Leichenwagen durch die Gegend kurvt.

Empfehlenswert, weil: ein tiefschwarzer, melancholisch-trauriger, aber auch erhebender Spaß. Jede Folge beginnt mit einem höchst ungewöhnlichen Todesfall – etwa: Bäcker fällt in Brotmischmaschine –, dann werden Planung und Verlauf der Beerdigungsfeierlichkeiten geschildert. Eine US-Familiensaga der anderen Art, ein Geisteskind von Alan Ball, der später noch die Vampirsaga »True Blood« ersann.

Treme

– Vier Staffeln, 36 Episoden; 2004–2009

– Showrunner/Idee: Eric Ellis Overmyer, David Simon

– Regie: Anthony Hemingway, Ernest R. Dickerson, Agnieszka Holland, Brad Anderson u. a.

– Mit Khandi Alexander, Rob Brown, Kim ­Dickens, Melissa Leo, Steve Zahn

– Anbieter: HBO/Sky Atlantic HD

Darum geht’s: Der Hurrikan Katrina und seine Folgen. Musiker, eine Restaurantbetreiberin und andere Bewohner von New Orleans versuchen ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Unter ihnen der umtriebige DJ Davis, der wortgewaltige Posaunist Antoine Batiste, dessen Exfrau und Barbesitzerin La Donna, die nach ihrem verschwundenen Bruder sucht, die Bürgerrechtsanwältin Antoinette »Toni« Bernette und die begabte Köchin Janette.

Empfehlenswert, weil: David Simon (»The Wire«) und Eric Ellis Overmyer (»Bosch«), zwei brillante Köpfe, die bei »Homicide« erstmals kooperierten, schufen eine Ausnahmeserie. Ein Bestands- und Zustandsaufnahme des Stadtteils von New Orleans, der den Titel gibt: Korruption, Rassismus, Vetternwirtschaft, Mardi Gras, ungebrochene Lebensfreude, unbedingter Lebenswille. »Short Cuts« à la Robert Altman, liebenswerte, gleichzeitig schwierige Figuren, viel Musik, Jazz, wie sich’s gehört, Größen des Fachs sind zu sehen und hören: Dr. John, Terrell Batiste, Ace B., Jimbo Walsh. Erschreckend: die dokumentarischen Vorspannaufnahmen.

Das Pflichtprogramm

Breaking Bad

Fünf Staffeln, 62 Episoden; 2008–2013
Showrunner/Idee: Vince Gilligan
Regie: Vince Gilligan, Michelle MacLaren, Adam Bernstein, Colin Bucksey, Bryan Cranston u. a.
Mit Bryan Cranston, Aaron Paul, Anna Gunn, Dean Norris, Bob Odenkirk
Anbieter: AMC/AXN

Darum geht’s: Walter White ist ein aufrechter US-Bürger. Er zahlt brav Steuern und versucht, seinen Schülern gewissenhaft die Chemie näherzubringen. Da wird bei ihm Krebs im Endstadium diagnostiziert. Dringend muss Geld her, um die Familie abzusichern. Da hilft der Nebenjob in der Autowaschanlage wenig. Viel lukrativer ist da schon die Herstellung und der Verkauf von Drogen. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Schüler Jesse Pinkman beginnt er, Crystal Meth zu produzieren.

Empfehlenswert, weil: Plagen ihn zu Beginn noch Zweifel, entwickelt Walter White sich im Laufe seiner Karriere als sagenumwobener Meth-Produzent »Heisenberg« immer mehr zum rücksichtslosen Drogenboss. Schließlich setzt er alles daran, seiner Familie ein Vermögen zu hinterlassen. Das ist gar nicht so leicht, wie zunächst gedacht. Denn da sind nicht nur schon andere auf dem Markt, auch sein Schwager von der Drogenpolizei DEA setzt ihm kräftig zu. Der »Good guy« wächst als »Bad guy« über sich selbst hinaus – »Michael Kohlhaas« lässt grüßen.

Game of Thrones – Das Lied von Eis und Feuer

Sieben Staffeln, 67 Episoden; seit 2011
Showrunner/Idee: David Benioff, D. B. Weiss
Regie: David Nutter, Alan Taylor, Alex Graves, Miguel Sapochnik, Mark Mylod u. a.
Mit Peter Dinklage, Emilia Clarke, Kit Harington, Lena Headey, Nikolaj Coster-Waldau
Anbieter: HBO/TNT Serie

Darum geht’s: Eine fiktive Welt, die Kontinente Westeros und Essos. Alles beginnt mit dem Streit zweier Dynastien um die von ihnen beherrschten sieben Königreiche. Um den sogenannten Eisernen Thron wird gerungen. Nur wer ihn besteigt, kann den kommenden Winter überleben – einen Winter, der mehrere Jahrzehnte andauern kann. Bald breitet sich der Krieg aus, unterschiedlichste Parteien streben blutig nach der Macht.

Empfehlenswert, weil: »Winter is coming …« ist längst ein geflügeltes Wort. Benioff und Weiss haben George R. R. Martins komplexe Fantasysaga, die in einem fiktiven Mittelalter – einschließlich Drachen und Zauberei – verortet ist, kongenial aufbereitet. Allein in den USA werden 20 Millionen Zuschauer pro Episode gezählt. Spektakulär sind die Schauwerte, explizit die Sexszenen und die Gewalt. In überraschenden Volten lässt man gerne mal Fanlieblinge sterben.

Lost

Sechs Staffeln, 121 Episoden; 2004–2010
Showrunner/Idee: J. J. Abrams, Damon Lindelof, Jeffrey Lieber
Regie: Jack Bender, Stephen Williams, Paul A. Edwards, Tucker Gates, Greg Yaitanes u. a.
Mit Jorge Garcia, Josh Holloway, Yunjin Kim, Evangeline Lilly, Terry O’Quinn
Anbieter: ABC/ATVplus

Darum geht’s: Ein Flugzeug stürzt über einer nicht kartographierten Insel ab. Vom berechneten Kurs ist die Maschine abgekommen, insgesamt 48 Menschen haben die Katastrophe überlebt. Doch wie will man nun wieder von dem pazifischen Eiland wegkommen? Jack und Kate übernehmen zunächst die Führung über die Truppe. Bald gilt es nicht mehr nur den Gefahren der Natur zu trotzen, man muss sich auch mysteriösen Mächten stellen.

Empfehlenswert weil: Ein Survivaldrama, ein Fantasyabenteuer, ersonnen von Science-Fiction-Guru J. J. Abrams (»Star Wars: Episode VII – das Erwachen der Macht«). Ein Eisbär im Pazifik, eine mysteriöse unterirdische Militäreinheit, wechselnde Allianzen … Tarzan trifft Indiana Jones trifft »Lost in Space: Verschollen zwischen fremden Welten«. Wüst werden Genres miteinander verquickt, hierarchische Strukturen untersucht und der Mut des Einzelnen gefeiert. Immer abstruser gerät die Story, die Grenzen zwischen Zeit und Raum verwischen – und wer auf eine logische Erklärung der Ereignisse hofft, wird enttäuscht.

Mad Men

Sieben Staffeln, 92 Episoden; 2007–2015
Showrunner/Idee: Matthew Weiner
Regie: Matthew Weiner, Phil Abraham, Michael Uppendahl, Jennifer Getzinger, Scott Hornbacher u. a.
Mit Jon Hamm, Elisabeth Moss, Vincent Kartheiser, January Jones, Christina Hendricks
Anbieter: AMC/FOX

Darum geht’s: New York in den 1960er Jahren. In der Madison Avenue hat die fiktive Werbeagentur Sterling Cooper ihren Sitz. »Mad Men« nennen sich die Angestellten, toll, verrückt sind sie – beruflich wie privat. Zentrale Figur ist der genialische, hoch erfolgreiche Koreakriegsveteran und Werbefachmann Don Draper, der ein dunkles Geheimnis hütet.

Empfehlenswert, weil: Schon der 37 Sekunden lange Vorspann ist brillant: Die (Geschäfts-)Welt eines im Scherenschnitt gezeigten Mannes zerbricht, noch ehe er seine Aktentasche abgestellt hat. Lampen und Bilder fallen um, dann stürzt er selbst in Zeitlupe vom Dach eines Wolkenkratzers. Berufliche Konkurrenzkämpfe, private Beziehungen, außereheliche Affären … Das sind Americana über das Scheitern des amerikanischen Traums. Minutiös ausgestattet, in der Politik der Zeit verankert, glänzend gespielt, bestechend in den Dialogen: »Es heißt, dass man Alkoholiker ist, wenn man allein trinkt. Also komme ich zu dir …«

Die Sopranos

Sechs Staffeln, 86 Episoden; 1999–2007
Showrunner/Idee: David Chase
Regie: Timothy Van Patten, John Patterson, Steve Buscemi, Peter Bogdanovich u. a.
Mit James Gandolfini, Lorraine Bracco, Edie Falco, Michael Imperioli, Steven Van Zandt
Anbieter: HBO/ZDF

Darum geht’s: Eine Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt Tony Soprano, Mafiaboss aus New Jersey, steht. Ehefrau Carmela setzt ihm ebenso zu wie seine beiden Teenagerkinder und seine Capos. Kein Wunder, dass der Mann gesundheitlich angeschlagen ist – vor allem psychisch, weshalb er auch regelmäßig die Psychologin Jennifer Melfi aufsucht. Gar nicht einfach, dabei das Privat- und Berufsleben vernünftig unter einen Hut zu bringen.

Empfehlenswert, weil: weniger Serie, eher großes Epos – auf alle Fälle ein Geniestreich. Mit den Konventionen des Gangstergenres wird gebrochen, die bekannten Versatzstücke werden neu arrangiert. Dabei ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint, die Figuren entwickeln sich weiter, immer wieder schlägt der Plot überraschende Haken. Brutal und hart, klug und witzig. Etwa, wenn Tony an seinem Pool sitzt und die dort nistenden Enten mit der Flinte bewacht – dabei hat er geträumt, dass sie mit seinem Penis davongeflogen sind.

Twin Peaks

Drei Staffeln, 48 Episoden; 1990–1991, 2017
Showrunner/Idee: Mark Frost, David Lynch
Regie: David Lynch, Mark Frost, Uli Edel, Diane Keaton, James Foley, Lesli Linka Glatter u. a.
Mit Kyle MacLachlan, Michael Ontkean, Mädchen Amick, Dana Ashbrook, Lara Flynn Boyle
Anbieter: ABC/RTLplus

Darum geht’s: Die Leiche Laura Palmers wird im Wald gefunden. Die 17jährige Studentin aus der US-Kleinstadt Twin Peaks galt im Ort als sittsam und sozial engagiert. Doch Special Agent Dale B. Cooper, der mit der Mordermittlung betraut wird, findet schnell heraus, dass der Teenager ein Doppelleben geführt hat – Sex, Gewalt und Drogen inbegriffen. Kurz darauf gibt es ein weiteres Opfer zu beklagen: Ronette Pulaski, die ins Koma fällt, ehe sie aussagen kann.

Empfehlenswert, weil: Als David Lynchs (»Blue Velvet«) erste TV-Arbeit am 8. April 1990 ausgestrahlt wurde, brachte sie es auf einen sensationellen Zuschaueranteil von 33 Prozent. Die New York Times sprach von der »originellsten Serie aller Zeiten«, die Television Critics Association kürte das 20teilige Wiegenlied von Mord und Totschlag zum »Television Program of the Year«. Jedermann sprach vom Kaffee und Kirschkuchen, den Cooper im Double-R-Diner zu sich nahm. Der ätherische Titeltrack »Falling«, gesungen von Julee Cruise, gibt das Tempo vor.

The Wire

Fünf Staffeln, 60 Episoden; 2002–2008
Showrunner/Idee: David Simon
Regie: Joe Chappelle, Ernest R. Dickerson, Ed Bianchi, Steven Shill, Dominic West u. a.
Mit Dominic West, Lance Reddick, Wendell Pierce, Clarke Peters, Idris Elba, Michael Kenneth Williams
Anbieter: HBO/FOX Channel

Darum geht’s: Die Mitarbeiter des Policedepartments von Baltimore (Spitzname: »Mob Town«) im Kampf gegen das Verbrechen. In jeder Staffel verschiebt sich der Fokus. Zunächst geraten die Drogenhändler ins Visier der Exekutive, dann geht es um Machenschaften im Hafen. Um Politik und Korruption kreisen die Episoden 26 bis 37, anschließend werden die Missstände im Schulwesen aufgezeigt, ehe man sich am Ende der Medienwelt zuwendet.

Empfehlenswert, weil: Der Autor und Serienerfinder David Simon weiß, wovon er erzählt – jahrelang war er in der US-Ostküstenmetropole Polizeireporter. Realitätsnah ist die Serie in Look und Sprache, kaum verständlicher Slang wird gesprochen, die Figuren sind Opfer von Institutionen, Gleichgültigkeit und Bürokratie. Musik wird nur pointiert eingesetzt, die Kameraführung ist bestechend naturalistisch. Typische (TV-)Helden gibt es nicht, dafür unvergessliche Charaktere wie den cleveren, von Idris Elba gespielten Gangster »Stringer« Bell oder den von Michael Kenneth Willams grandios verkörperten Killer Omar Little.

Heimische Kost

Babylon Berlin

Zwei Staffeln, 16 Episoden; seit 2017
Showrunner/Idee: Tom Tykwer, Achim von Borries, Hendrik Handloegten
Regie: Tom Tykwer, Achim von Borries, Hendrik Handloegten
Mit Volker Bruch, Liv Lisa Fries, Peter Kurth, Matthias Brandt, Christian Friedel
Anbieter: Sky 1/ARD (ab Herbst 2018)

Darum geht’s: Gereon Rath, ein junger Kommissar, wird im Frühjahr 1929 an die Spree versetzt, wo er einen Pornoring ausheben soll. Um einen pikanten Film geht es, um Erpressung, Mord und Selbstmord. Zusammen mit der proletarischen Charlotte Ritter, die ein Doppelleben führt, und seinem bärbeißigen Partner Bruno Wolter begibt er sich auf Tätersuche und findet sich bald in einem Dschungel aus Korruption, (Polit-)Intrigen und Waffenschiebung wieder.

Empfehlenswert, weil: Auf Volker Kutschers erfolgreichen Berlin-Krimi »Der nasse Fisch« fußt die 40 Millionen Euro teure Prestigeproduktion, die mit ihren opulenten Schauwerten (Szenenbild: Uli Hanisch) besticht. Die pulsierende Metropole ist der eigentliche Star. In ihr brodelt es. Kapitalisten, Kommunisten, Nazis, die heimliche Aufrüstung der Reichswehr … Die »Golden Zwanziger« leben wieder auf – perfekt fotografiert, gut choreographiert, atemlos montiert und von Tom Tykwer und Johnny Klimek musikalisch schweißtreibend untermalt.

Im Angesicht des Verbrechens

Eine Staffel, zehn Episoden; 2010
Showrunner/Idee: Dominik Graf
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Rolf Basedow
Mit Max Riemelt, Roland Zehrfeld, Marie Bäumer, Misel Maticevic, Alina Levshin
Anbieter: Arte/ARD

Darum geht’s: Marek Gorsky und Sven Lottner, zwei schlitzohrige, überaus effektive Polizisten steigen aus dem Streifendienst aus und legen sich statt dessen mit der Russenmafia an. Von Berlin geht’s in die Ukraine und wieder zurück. Zigarettenschmuggel, Prostitution und Menschenhandel, Korruption an den höchsten Stellen, dreckige Geschäfte, fette Männer, die mit Politikern Golf spielen und beim Sex einen Herzinfarkt erleiden.

Empfehlenswert, weil: Graf, der fast ausschließlich Polizeifilme macht, strebt nach Perfektion. Immer sind sie die Episoden in den Orten verankert, in denen sie spielen. Das prägt die Charaktere. Sprache, Bilder und handelnde Personen bilden eine Einheit, nichts wirkt konstruiert oder aufgesetzt. Seine Arbeiten sind immer auch Abbild der Realität – sie mag zugespitzt sein, bleibt jedoch stets deutlich spürbar. Ein Heimatfilm der anderen Art, inspiriert von den US-Autoren Chandler und Hammett, den Regisseuren Fuller, Dmytryk und Aldrich.

Stromberg

Fünf Staffeln, 46 Episoden; 2004–2012
Showrunner/Idee: Ralf Husmann/Ricky Gervais, Stephen Merchant
Regie: Arne Feldhusen, Franziska Meletzky, Andreas Theurer
Mit Christoph Maria Herbst, Oliver Wnuk, Bjarne Mädel, Diana Staehly
Anbieter: Pro sieben

Darum geht’s: Eine Sitcom rund um den »ganz normalen Bürowahnsinn«. Im Mittelpunkt steht Bernd Stromberg, ein Mann, den man seinem ärgsten Feind nicht als Vorgesetzten wünscht. Er ist sarkastisch, egozentrisch und auf hinterhältige Art und Weise zielstrebig – vor allem, wenn es um seine eigenen Interessen geht. Sein Unwesen treibt er in der fiktiven Capitol-Versicherung AG, bevorzugt in der Abteilung Schadensregulierung M–Z, die er leitet.

Empfehlenswert, weil: Die deutsche Adaption der britischen Erfolgsserie »The Office« von Ricky Gervais. Böser Wortwitz, dreiste Sprüche, Rassismus, Sexismus, jede Menge Übergriffigkeiten und noch mehr Selbstüberschätzung: »Ich bin wie ein Vulkan: Ich kann jahrelang ruhig ’rumliegen, aber eines Tages geh ich hoch …« Eine Mockumentary, eine Parodie auf die beliebten Doku-Soaps, festgemacht an der Präsenz des Kamerateams, das so quasi in die Handlung eingebunden ist.

You Are Wanted

Eine Staffel, 6 Folgen; 2017
Showrunner/Idee: Hanno Hackfort, Bob Konrad, Richard Kropf
Regie: Matthias Schweighöfer, Bernhard Jasper
Mit Matthias Schweighöfer, Alexandra Maria Lara, Karoline Herfurth, Tom Beck, Catrin Striebeck
Anbieter: Amazon Video

Darum geht’s: Lukas Franke führt in Berlin ein glückliches und unbeschwertes Leben. Da geht eines Tages in der Hauptstadt das Licht aus. Kurz darauf bekommt der Eventmanager Pakete, die er nicht bestellt hat, seine Frau findet Nacktfotos einer anderen auf seinem iPad, sein Gesicht findet sich auf Überwachungsvideos wieder … Der Familienvater ist Opfer eines Hackerangriffs geworden, als Terrorist wird er von der Polizei gejagt.

Empfehlenswert, weil: Die erste deutsche Netzserie, in 200 Ländern hat man sie gleichzeitig gestartet, in vier Sprachen synchronisiert. Offensichtlich ist man US-Vorbildern gefolgt, »House of Cards« wurde häufig genannt, deutsch-bieder ist das Unterfangen leider ausgefallen. Nicht der Story hat man vertraut, sondern der Zugkraft von Hauptdarsteller und Regisseur Matthias Schweighöfer. Das hat sich nicht wirklich ausgezahlt. Dennoch: Fortsetzung folgt.

Gebhard Hölzl ist Filmkritiker. Der erste Teil des kleinen Serienvademecums ist in der Ausgabe vom 10. April erschienen. Lesen Sie Teil 1 online unter: Das neue Kino


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