Aus: Ausgabe vom 16.04.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Neues Marktsegment

Heinrich Bergstresser zeichnet die Entwicklung Nigerias in den letzten beiden Jahrzehnten nach

Von Gerd Bedszent
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Mischen in Nigeria auch mit: Milizen aus dem Nachbarland Tschad (Gambaru, 26. Februar 2015)

Das Buch des Afrikaspezialisten Heinrich Bergstresser über Nigeria ist kein Geschichtswerk, eher eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation im westafrikanischen Land. Die seit 1960 unabhängige ehemalige britische Kolonie hat eine ganze Reihe von Putschen und Gegenputschen des Militärs erlebt. Auslöser hierfür waren meist Machtkämpfe innerhalb der Oberschicht des multiethnischen und konfessionell gespaltenen Landes. Seit der versuchten Sezession des erdölreichen südöstlichen Landesteiles (der von 1967 bis 1970 tobende Biafra-Krieg kostete etwa 600.000 Menschen das Leben) sah sich die Armee als Garant des staatlichen Zusammenhalts und zog in Krisensituationen stets die Notbremse. Da die Militärherrschaft regelmäßig in Korruption und Misswirtschaft ausartete, kam es immer wieder zu Phasen einer Demokratisierung, die dann durch den nächsten Putsch unterbrochen wurden.

Der Autor steigt im Jahr 1999 ein. Der letzte Diktator Sani Abacha – dieser füllte sich während seiner blutigen Herrschaft besonders unverfroren die Taschen – war 1998 friedlich entschlafen. Sein Nachfolger kündigte die Rückkehr zu demokratischen Verhältnissen an; inhaftierte Oppositionelle und Bürgerrechtler kamen frei. Die Bevölkerung hoffte ungeachtet der chaotischen Bedingungen, unter denen die ersten Wahlen stattfanden, dass die Zeit der schlimmsten Willkür, Unterdrückung und Ausbeutung vorbei sei und man grundlegende wirtschaftliche und politische Reformen angehen könne.

Diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Ein Hauptproblem Nigerias ist, dass die Nationalstaatsbildung nicht zum Abschluss kam und das Land bis in die Gegenwart hinein eher einem Konglomerat lokaler Mächtegruppen gleicht. Die während der Militärherrschaft gewaltsam niedergehaltenen und nun wieder losgebrochenen zentrifugalen Tendenzen haben ihre Ursache in der ungleichen Verteilung der Reichtümer des Landes – diese konzentrieren sich in den Erdölvorkommen des Südens. Die Folge sind Verteilungskämpfe um die Größe des jeweiligen Anteils an den Öleinnahmen. Der Stammesnationalismus im Süden und der islamische Fundamentalismus im Norden des Landes sind die Legitimierungsideologien dieser blutig geführten Auseinandersetzungen.

Außerdem hatte die jahrelange Misswirtschaft der Militärführung die Entstehung eines großflächigen Systems krimineller Schattenwirtschaft befördert. Dieses System verschwand mit dem Ende der Diktatur nicht; es wurde lediglich das Monopol des Militärs zur kriminellen Bereicherung durchbrochen. Große Teile der bis dahin von der Machtausübung ausgeschlossenen zivilen Oberschicht stürzten sich gierig auf das nun zugängliche Marktsegment. Und gewählte Staatsoberhäupter erwiesen sich schnell als ebenso für Korruption anfällig wie zuvor die Putschgeneräle.

In einem Kapitel des Buches schildert Bergstresser detailliert den Aufstieg des militanten Islamismus im nördlichen Landesteil und dokumentiert zahlreiche Verbrechen der Gotteskrieger. So wurde 2013 drei in einem Krankenhaus praktizierenden nordkoreanischen Ärzten die Kehle durchgeschnitten. Die meisten Opfer des islamistischen Terrors waren jedoch Einheimische, die sich den Weisungen der Gotteskrieger nicht fügen wollten. Die Zentralregierung pumpte Milliardensummen in die Aufstandsbekämpfung, von denen jedoch ein Großteil auf den Privatkonten der Generäle landete. Die Folge waren Meutereien der schlecht ausgerüsteten Truppen, aber auch eine Kette von Massakern, bei denen demoralisierte Soldaten ihre Wut an unschuldigen Dorfbewohnern austobten.

Wie in anderen Kapiteln nachgewiesen, hat der Terror der Gotteskrieger im Norden seine Entsprechung in den Aktionen diverser Ethno-Milizen im Süden. Teile des Buches lesen sich wie eine schwer erträgliche Auflistung der im Windschatten des Krieges eskalierenden kriminellen Scheußlichkeiten: Mord, Raub, Kidnapping, Piraterie, Drogenhandel …, 2010 wurde sogar ein ehemaliger General der nigerianischen Armee von Kriminellen entführt und kam erst nach Lösegeldzahlung wieder frei.

Wer aber sind die Profiteure von Korruption, Bürgerkrieg und kriminellen Verteilungskämpfen? Bergstresser schreibt es nicht offen, doch er liefert die Zahlen: Während immer mehr Teile des Landes in Armut, Terror und Bandenkrieg versinken, die öffentliche Infrastruktur zerbröselt und etwa 120 Millionen Nigerianer in absoluter Armut leben, häuften andere während der letzten Jahrzehnte Riesenvermögen an – die Zahl der nigerianischen Dollarmillionäre wird auf etwa 20.000 geschätzt; hinzu kommen mehrere Milliardäre.

Als Ergebnis der letzten Wahlen von 2015 kam nun ausgerechnet ein ehemaliger Putschgeneral an die Macht. Bergstresser konstatiert im Buch mehrfach ein »Staatsversagen«, versucht aber nicht, dessen Ursachen zu ergründen. Das muss er auch nicht. Als Journalist hat er Fakten zu liefern – und das hat er vorbildlich getan.

Heinrich Bergstresser: Nigeria. Die IV. Republik zwischen Demokratisierung, Terror und Staatsversagen (1999-2017). Brandes und Apsel, Frankfurt am Main 2018, 259 S., 24,90 Euro


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