Aus: Ausgabe vom 16.04.2018, Seite 11 / Feuilleton

Die letzte Stunde

Ehrlich und klar: Der Dichter Florian Günther ist eine Ausnahmeerscheinung

Von Gerd Adloff
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Auch Michael Dressels Fotos, die Günthers Gedichte illustrieren, sind schonungslos und voller Menschlichkeit

Florian Günther lernte ich um 1980 kennen, ein Druckerlehrling, der Gedichte schrieb und seinen Weg suchte. Den ging er dann stur und kompromisslos bis heute. Er ließ die gut bezahlte Stelle als Drucker sausen, arbeitete in verschiedenen Jobs. Ich erlebte ihn als Sänger der Punkgruppe Klick & Aus. Er fing dann in der Berliner Stadtbibliothek als Assistent des Grafikers Hubert Riedel an, von dem er nach eigener Aussage viel lernte. Er machte Fotos, bemerkenswert, aber kaum bemerkt, trotz einer größeren Personalausstellung im Pavillon am Bahnhof Friedrichstraße. Das Schreiben stellte er zu DDR-Zeiten irgendwann ein, denn gegen das Totschlagargument, »die Texte entsprechen nicht unseren Realitäten«, kam er nicht an.

Die Realitäten veränderten sich, er schrieb wieder, und 1993 erschien dann Florian Günthers erster Gedichtband »Taschenbillard« in der Edition Lükk Nösens. Die hatte er selbst gegründet, um gar nicht erst bei Verlagen Klinken putzen zu müssen. Inzwischen gibt es zwölf Bücher von ihm, darunter zwei Foto-, vor allem aber Gedichtbände, fast alle sind in seiner Edition erschienen. Er hat sich dabei von Anfang an Unterstützer für seine Buchprojekte gesucht, die diese Bücher vorfinanzierten, lange bevor Crowdfunding in aller Munde war.

Günthers Sprache ist ehrlich und klar, seine Perspektive die der einfachen Leute. Über sie schreibt er und eben auch über sich – als einer von ihnen. Es sind ihre alltäglichen Probleme: Sex, Liebe, gescheiterte Beziehungen, Alkohol, die Kneipe als Treffpunkt, oft als einziger sozialer Ort. Es geht um Ärger mit den Nachbarn oder mit der Polizei, um stumpfsinnige Arbeit oder Arbeitslosigkeit. Nie erhebt er sich über andere, auch wenn er sie genau und schonungslos beschreibt. Deutlich aber zeigen sich sein Ärger, seine Wut über die Verhältnisse, in der die Menschen leben müssen, gerade die, für die es keinen Ausweg aus ihrer Situation gibt. Daran hat sich in diesen fünfundzwanzig Jahren nichts geändert, so wie sich die Verhältnisse nicht geändert haben.

Was sich geändert hat und was für mich im neuen Buch angenehm deutlich wird, ist, dass sich eine gewisse Kraftmeierei und Machoattitüden verflüchtigt haben, die früher mitunter vorkamen. Denn die Stärke von Florian Günthers Schreiben – und ganz besonders dieses neuen Gedichtbandes – besteht im Zeigen der Wirklichkeit, gerade da, wo die Medien, und auch die meisten anderen Autoren nichts wahrnehmen können, weil es Lebensbereiche sind, die sie nicht kennen. Ganz wichtig ist auch: Günther schreibt mir Witz und Sarkasmus. Er idealisiert nie, zeigt aber Verständnis, Anteilnahme und Menschlichkeit. So in dem Gedicht »Nachtdienst« über das Sterben eines Säufers, dem eine bulgarische Krankenschwester oder Ärztin in seinen letzten Stunden Mitmenschlichkeit gewährt, die bei ihm bleibt bis zum Ende.

Nachtdienst

Sie stammte aus einem

kleinen bulgarischen Nest am

Schwarzen Meer,

und der alte Säufer würde

die nächsten Stunden nicht

überleben, deshalb flehte er sie an:

Ich brauch ne

Flasche, Frau Doktor, ich hab Angst;

nur eine Flasche;

is doch auch die letzte!

Sie zog sich einen Stuhl heran,

setzte sich zu ihm

ans Bett, und sie tranken

die Flasche gemeinsam, während sie

sich bis zum Morgengrauen

unterhielten.

Dann schloss sie

ihm die Augen, stellte den Stuhl

zurück an seinen Platz,

wankte aus dem Zimmer, ließ sich ein

Taxi rufen

und fuhr heim.

Es gibt viele berührende und beeindruckende Gedichte in diesem Band, so »Das Ritual« über den brutal strafenden Vater, aber auch »Blick zurück« über dessen Tod, »Joseph Roth« über das Sterben des Dichters oder »Melde dich«. Diese Aufzählung ist ein wenig ungerecht, denn das Buch enthält 75 Gedichte, darunter wirklich keine Nieten.

Florian Günther wurde 1963 im Berliner Stadtteil Friedrichshain geboren, lebt immer noch dort und will bleiben. Mir scheint, er ist auf besondere Weise tief in diesem Bezirk verwurzelt, vielleicht kommt auch daher die Authentizität seiner Gedichte.

Florian Günther gibt in seiner Edition Lükk Nösens nicht nur seine Bücher heraus, sondern auch den DreckSack – Lesbare Zeitschrift für Literatur. Darin veröffentlicht er eigene und fremde Texte, ausgewählt allein nach seinem Gusto. Der DreckSack erscheint inzwischen im 9. Jahr. In jeder Ausgabe werden auch Fotografien abgedruckt. Ein Glücksfall, dass Günther es in »Aus der Traum« ebenso gehalten hat, die Fotografien stammen von Michael Dressel. Auch er ist in Friedrichshain geboren. 1984 konnte er die DDR nach einer zweijährigen Zuchthausstrafe wegen »versuchter Republikflucht« verlassen, lebt seither überwiegend in Los Angeles. Seine Bilder sind Street Photography bester Schule. Sie passen hervorragend zu den Gedichten, denn auch Dressel nimmt die Menschen ernst.

Florian Günther: Aus der Traum. 75 Gedichte. Mit 43 Fotografien von Michael Dressel, Molokko Print, Schönebeck 2017, 180 Seiten, 14,80 Euro

edition-luekk-noesens.de


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