Aus: Ausgabe vom 16.04.2018, Seite 10 / Feuilleton

Ständer an der Wand

Nach Norden (3)

Von Peter Wawerzinek

Der Schriftsteller Peter Wawerzinek reist diesen April zum ersten Mal durch Schweden, für die Kunst und den Untergrund. Findet er dort Freiheit, Glück und wilde Jagd? (jW)

Damit war nun wirklich nicht zu rechnen, dass wir noch in Stockholm landen. B. hat extra freigenommen, und so fahren wir mit ihrem kleinen roten Wagen zum großen Parkplatz, stellen das Auto ab, nehmen die Bahn in die Stadt hinein. Das Parken ist kostenlos, in der Stadt wäre es »so much more expensive«, würde Unsummen kosten. Unsere Reiseleiterin muss gucken, wo genau das Ding nun zu betrachten ist, welchen Umstieg wir dafür nehmen, um flink vor Ort zu sein.

Als wir aus der U-Bahn steigen, befindet das prächtige Stück sich wenige Meter um die Ecke entfernt an einer Hausfassade und füllt die Fläche proper aus. Vornehmlich Frauen bleiben stehen und bilden kichernde, jupps machende, lachende Trauben. Alle halten sie ihre Handys empor, um den ultimativen Fotobeweis darüber zu führen, dass sie den Lümmel, Riemen, Dödel, Schniedel, Schwengel, Prügel, Pimmel, Steifen, die Nille, Latte, Gurke, Nudel in voller nackter Pracht gesehen haben.

Wir taufen den Ständer an der Wand ganz unromantisch »Blauer Penis«. Er wurde gemalt von Carolina Falkholt und macht fast alle Menschen froh. Einige freilich senken ihre Blicke und huschen vorbei. Eine Vereinzelte neben mir geht auf den großen Piephahn zu und streckt dem Riesenphallus ihre Handflächen entgegen. Was in ihr vorgeht, lässt sich nur vermuten. Er richtet sie auf, versteift sie gewissermaßen von innen her, möchte ich sagen. Sie wirkt ergriffen und völlig weggetreten. Ich passe des Mannes Johannes zwischen Zeigefinger und Daumen ein, halte ihn mit meinem kleinen digitalen Knipsding fest. Irgendwie schrumpfe ich den Schwanz durch diese Penisperspektive. Er habe den Harten im Kasten, scherzt Bernhard, verstaut seine Großkamera in seiner Umhängetasche, wir könnten zurück zum Auto und aus Stockholm verschwinden.

Das machen wir nicht, sondern begeben uns in die Altstadt. Ausstieg Slussen, was man frei übersetzt auch Schleuse nennen kann. Eine riesige Baustelle. Bauboote schippern zwischen einzelnen Plattformen umher. Es zischt, krawallt, wummert, hechelt, poltert, knirscht wie unter keiner Bettdecke. Durch Schlitze, Bullaugen, Astlöcher kann jedermann dem Treiben wie in einer Peepshow zusehen. Ich sage es ohne jede Scham: Hier stehen zigmal mehr steife Rohre herum, und gutgeschmierte Schwengelhämmer verbreiten eine ganz andere aufregende Geilheit, wo sich das große salzige Seewasser und die vielen süßen Wasser des Inlandes zum ersten Mal treffen. Hier findet Brackwasserverhütung statt.

Dermaßen in Stimmung gebracht und aufgeladen, betreten wir zittrig die Altstadt, die eine einzige große Touristenfalle ist. Ein freundlicher Mann eilt auf B. zu, wie ein bester Freund. Und ehe wir es uns versehen, sitzen wir an einem freien Tisch in der Sonne, mit je einer Speisemappe in unseren Händen, die gepfefferte Preise jodelt, uns sofort aufspringen, weghüpfen lässt. Wir landen in einem ehemaligen deutschen Teil mit deutscher Gasse, einem Brunnen deutscher Machart und deutscher Kirche. In solch eine Einrichtung hat sich B. noch nie getraut. Uns zur Seite, will sie das sofort ändern. Drinnen sammeln sie schon seit 1972 für die lange eingemottete Düben-Kirchenorgel. In jenem Jahr wiederentdeckt, wollen sie diese seither wieder aufstellen und in Schwung bringen, um, wie sie im Bettelbrief schreiben, die architektonische Einheit des Kirchenraumes wiederherzustellen. Nun gut. B. hat ihr deutschreligiöses Grunderlebnis gehabt. Wir finden einen dunklen Keller und laben uns in der urigen Grotte an gebratenen Heringen, Kartoffelbrei in Butterpfütze.

Viel mehr Zeit haben wir in Stockholm nicht. Mit der Bahn zurück und dem Auto siebzig Kilometer getourt, werden wir in B.s Küche aktiv. Zwiebel schnippeln, Petersilie, Schnitt- und Knoblauch hacken, Senf, Pfeffer, Salz unters Fleisch mischen, und aus der Masse Buletten formen, die auf dem Grill am See landen. Kinder, still einmal! Ich sage nur: Was für eine Idylle! Gleißende, glänzende matte Eisschicht vor langsam abtauchender Sonne. Flache breite Anlegebrücke. Kugelrunde Sauna auf Rädern wie ein hölzerner Planwagen. Lange Tafel, Bluesmusik, Bestecke, Teller, Gläser, Bier, Wein und kühles Wasser. Dazu wunderbare Menschen. B. in prächtiges Abendlicht gehüllt. Hinten rechts zündet ein altes Kriegsschiff friedliebend Girlanden. Die Sauna ist für mich bereit. Mir kommen gleich die Tränen. Ich weine sie als Schweißtropfen aus.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

In der Serie Nach Norden:

Nach Norden

Der Schriftsteller Peter Wawerzinek reist zum ersten Mal durch Schweden, für die Kunst und den Untergrund. Findet er dort Freiheit, Glück und wilde Jagd?

Regio:

Mehr aus: Feuilleton