Aus: Ausgabe vom 16.04.2018, Seite 8 / Inland

»Absurdes und hochgefährliches Schauspiel«

Atomtransporte über den Hamburger Hafen stehen noch lange nicht vor dem Aus. Ein Gespräch mit Stephan Jersch

Interview: Kristian Stemmler
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»Atomtransporte im Hafen stehen vor dem Aus« titelte das Hamburger Abendblatt am Mittwoch. Tatsächlich haben sich die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) und die größte deutsche Reederei Hapag-Lloyd freiwillig verpflichtet, nur bestimmte Atombrennstoffe in Hamburg umzuschlagen. Welche sind das?

Der freiwillige Verzicht von HHLA, zu 68 Prozent Prozent im Besitz Hamburgs, und Hapag-Lloyd, das zu 13,9 Prozent der Stadt gehört, betrifft nur den Umschlag von Kernbrennstoffen im Hafen. Kernbrennstoffe sind vor allem die Brennstäbe für Kernkraftwerke. Gerade erst wurden die Brennstäbe für den neuen finnischen Atomreaktor Olkiluoto, Block 3, per Schiff über Hamburg und den Nord-Ostsee-Kanal transportiert. Ein absurdes und hochgefährliches Schauspiel trotz des Atomausstiegs der BRD.

Wie umfangreich sind die Atomtransporte durch Hamburgs Hafen?

Hamburg ist ein zentraler Umschlagort für Atomgüter aller Art. Vor allem Russland, Schweden, Namibia, Frankreich, Großbritannien und Kanada tauchen in der Liste der Länder immer wieder auf. Für 2017 konnten wir über unsere Anfragen 177 Atomtransporte dokumentieren. Unfälle können zur Verstrahlung eines der am dichtesten besiedelten Räume Deutschlands führen. 2013 brannte der Frachter Atlantic Cartier mit Uranhexafluorid und Brennstäben an Bord im Hafen. Es ist ein Zufall, dass das eingesetzte Löschwasser nicht mit dem Uranhexafluorid in Kontakt kam und eine Katastrophe ausgelöst hat. Von hier aus werden radioaktive Güter quer durch Europa zu ihren Zielorten geschafft. Das birgt unbeherrschbare Risiken.

Hapag-Lloyd verzichte im Grunde auf nichts, kritisieren Anti-Atom-Gruppen, weil die Reederei bisher gar keine Kernbrennstoffe umgeschlagen hat. Sehen Sie das auch so?

Hapag-Lloyd transportiert keine Kernbrennstäbe – zumindest nach unseren Informationen – dafür aber Uranhexafluorid auf der Route Kanada-Hamburg. Laut Auswertung der »Systemoppositionellen Atomkraft Nein Danke«, kurz SAND, hat Hapag-Lloyd 2016 rund 3.859 Tonnen davon in Hamburg umgeschlagen, 62 Prozent des Gesamtumschlags mit diesem Stoff. Laut Antwort des Senats auf unsere Anfragen fällt auch Uranhexafluorid unter die Kategorie »Genehmigungspflichtige Kernbrennstoffe«. Wir werden wieder mal die genaue Begriffsbestimmung vom Senat parlamentarisch erfragen müssen.

Mit anderen Firmen, die am Atomumschlag in Hamburg beteiligt sind, will Wirtschaftssenator Frank Horch Gespräche führen, damit sie auch freiwillig verzichten. Welche sind das, und glauben Sie, dass die dazu bereit sind?

Es gibt etliche Reedereien, die beteiligt sind, aber für den Umschlag im Hafen sind sechs Betriebe verantwortlich. Drei davon sind Töchter der HHLA. Hinzu kommen Eurogate, UNIKAI und das Süd-West-Terminal. Bei den Reedereien teilt sich Hapag-Lloyd das Uranhexafluorid-Geschäft mit ACL. Bei den Brennelementen waren 2017 vor allem die Reedereien Godby Shipping AB in Finnland und NSC in Hamburg beteiligt. Godby schlägt über UNIKAI und NSC vor allem über Eurogate um. Angesichts der Frachtraten und der Schiffskrise kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Unternehmen auf das Geschäft mit dem Tod freiwillig verzichten. Das zeigen schon die drei Jahre, die seit der Absichtserklärung von Rot-Grün im Koalitionsvertrag vergangen sind. Es muss politischer Druck her und auch der Mut zu gesetzlichen Initiativen.

Wie würden Sie die Verzichtserklärungen einordnen – als ersten kleinen Schritt?

Der Senat hat sich sehr allgemein geäußert. Es fehlt eine Ankündigung der HHLA, auch die Genehmigung zum Umschlag zurückzugeben, beziehungsweise auslaufen zu lassen, oder gar ein Zeitplan. Zum Schutz der Menschen in Hamburg und an den Transportwegen bedarf es mehr. Hinzu kommt, dass Hamburg indirekt die Zerstörung der Umwelt in den Uranabbaugebieten befördert und den deutschen Atomausstieg ad absurdum führt, indem die Atomfabriken in Lingen und Gronau weiter ihre Atomfracht in alle Welt verschiffen dürfen. Der Hahn muss zugedreht werden mit einer Entwidmung des Hafens für alle Atomfrachten, die nicht für medizinische Zwecke bestimmt sind.

Stephan Jersch ist Fachsprecher der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft für Wirtschaft, Umwelt und Technologie


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