Aus: Ausgabe vom 16.04.2018, Seite 5 / Inland

Heimliche Endlager

Anhörung über Atommüll: Regierungsvertreter sehen »keine Defizite«

Von Juliane Dickel
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Radioaktiver Abfall in Fußnähe. Hinter der Wohnsiedlung in Bleckenstedt bei Salzgitter lugt der Förderturm von Schacht Konrad hervor (30. März 2017)

Wie groß ist die Gefahr terroristischer Angriffe auf Atommüllzwischenlager, und wie lange sind diese Zwischenlager sicher? Darüber diskutierten Experten und Standortvertreter am Freitag auf Einladung der Grünen-Landtagsfraktion in Hannover. Während Kritiker dringenden Handlungsbedarf sahen, verwiesen Behördenvertreter auf 25 Jahre erfolgreiche Lagerung. Der Gesprächston ist heute freundlicher als zu Zeiten der Atomausstiegskämpfe, aber die Fronten bleiben verhärtet.

Der Deutsche Bundestag hat beschlossen, bis 2031 ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll zu benennen, das bis 2050 errichtet sein soll. Die Einlagerung soll dann etwa vierzig Jahre dauern. Allerdings hat sich die Wirklichkeit bisher selten an solche Parlamentsbeschlüsse gehalten. Der frühere Vattenfall-Manager Bruno Thomauske, der vor seinem Engagement beim Energiekonzern die staatlichen Genehmigungsverfahren der Zwischenlager geleitet hatte, hat berechnet, dass sich die Einlagerung eher auf Ende des Jahrhunderts verschieben wird.

Zwei der derzeit 16 Zwischenlager werden schon heute ohne Genehmigung betrieben, die übrigen Betriebsgenehmigungen enden zwischen 2034 und 2046. Für die Brückenzeit verweist das zuständige Bundesamt für kerntechnische Entsorgung (BfE) darauf, dass am zukünftigen Endlagerstandort ein zentrales Zwischenlager errichtet werden soll. Der Physiker Wolfgang Neumann kritisierte das mit Blick auf die dann mutmaßlich noch nicht endgültig getroffene Wahl des Standortes: »Dann hat man alle 1.900 Behälter dort hingebracht und muss sie wieder abziehen. Das ist keine Option«, sagte er. Neumann forderte, der Bund müsse ein Konzept vorlegen, wie der Müll auch über einen längeren Zeitraum sicher zwischengelagert werden kann. Darüber müsse eine offene gesellschaftliche Diskussion geführt werden, nicht zuletzt an den Standorten selbst. Das befürwortete Olaf Schulze von der Vereinigung der Gemeinden mit Atomanlagen (Asketa). Er sprach von lokaler Verunsicherung und Zweifeln, dass die Lager bis 2046 geräumt seien. Man befürchte sogar, dass aus den Zwischenlagern heimliche Endlager werden könnten.

Auch das Nationale Begleitgremium (NBG), das als vermittelnde Instanz zwischen Gesellschaft, Behörden und Politik geschaffen worden war, um den Endlagersuchprozess zu begleiten, empfahl dem Bundestag bereits im Januar die frühzeitige Erarbeitung eines Zwischenlagerkonzepts mit Bürgerbeteiligung. Das sei eine »vertrauensfördernde Blaupause« für die Endlagersuche.

Burghard Rosen vom neugeschaffenen Bundesamt für Zwischenlagerung (BGZ) zeigte sich zwar offen dafür, über längerfristige Probleme zu diskutieren, die Kritik am aktuellen Lagerkonzept wies er allerdings zurück. Es gäbe drei bewährte Zwischenlagerkomponenten: die Lagerhalle, den Behälter und umfangreiche administrative Maßnahmen. »Nach rund 25 Jahren Zwischenlagerung«, resümierte Rosen, »gibt es keine Anzeichen für Defizite in der aktuellen Praxis«.

Tags zuvor hatte das BfE vor der Presse in Berlin Sicherheit beschworen. Allerdings urteilte das Oberverwaltungsgericht Schleswig-Holstein schon 2013, dass Terrorsicherheit beim Zwischenlager Brunsbüttel nicht nachgewiesen sei und hob dessen Genehmigung auf. In Ermangelung einer Alternative ist es aber weiter in Betrieb.

Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, die seit Jahrzehnten gegen das Zentrallager Gorleben kämpft, warf den Behörden Ignoranz vor und stellte klar: »Wir werden bohren. Wir wollen nicht, dass man uns in zehn Jahren recht gibt – nachdem etwas passiert ist.«


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