Aus: Ausgabe vom 12.04.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Schnelle Rendite

Finanzinvestoren haben in Deutschland so viele Unternehmen gekauft wie zuletzt 2007. Verfassungsschutzchef schürt Panik vor China

Von Simon Zeise
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Als akribischer Wirtschaftsanalyst hat sich Hans-Georg Maaßen bislang keinen Namen gemacht

Hans-Georg Maaßen hat schon Schweißperlen auf der Stirn. Am Mittwoch warnte der Präsident des Verfassungsschutzes bei einer Pressekonferenz in Berlin vor Wirtschaftsspionage durch Unternehmenskäufe. »Es gibt auch formal legale Möglichkeiten, um an Informationen zu kommen«, sagte er. Man brauche keinen Spionageangriff mehr durchzuführen, wenn man das Unternehmen aufkaufen könne, berichtete dpa.

Maaßen wies besonders auf chinesische Konzerne hin, die in Deutschland Unternehmen aufkaufen. Schon die mehrheitliche Übernahme des Augsburger Roboterbauers Kuka 2016 durch den chinesischen Haushaltsgerätekonzern Midea habe das Problem deutlich gemacht.

Neben positiven Effekten von Investitionen, etwa für Arbeitsplätze, sei immer auch das »innerstaatliche Sicherheitsrisiko« zu beachten. Jedes chinesische Unternehmen sei zur Zusammenarbeit mit chinesischen Geheimdiensten verpflichtet, sagte Maaßen. So könnten auch sensible Daten abfließen. Teils gebe es in Firmen sogar Parteikomitees, über die der Staat Einfluss nehmen könne. Insgesamt nehme die Bedrohung insbesondere im Bereich Wirtschaftsspionage zu. Neu sei, dass es zunehmend nicht mehr nur um das Ausspähen von Konkurrenten gehe, sondern auch um Sabotage und Vorbereitungen für mögliche politische Auseinandersetzungen. Unternehmen sollten geschwächt werden, um zum geeigneten Zeitpunkt eine »Cyberbombe« hochgehen zu lassen.

Droht eine Übernahmewelle aus Fernost? Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung vermittelt andere Eindrücke. In dem am Mittwoch veröffentlichten »Private-Equity-Monitor« haben die Forscher Firmenübernahmen in Deutschland durch Investoren untersucht, die nicht an einer Börse notiert sind. Der Großteil der Käufer hiesiger Konzerne stamme mit 15 Prozent aus Frankreich und den Benelux-Ländern, vor Großbritannien (14 Prozent) und den USA (13 Prozent). Der Anteil von Investoren aus der Volksrepublik seien mit zwölf Prozent hingegen »stabil« geblieben.

2016 hätten Private-Equity-Gesellschaften (PE) 212 und damit drei Prozent mehr Unternehmen übernommen als im Vorjahr. Damit liege die Zahl der Firmenkäufe wieder auf dem Niveau vor Ausbruch der Finanzkrise 2007. Die jährliche Auswertung stelle die einzige regelmäßige wissenschaftliche Berichterstattung zu Übernahmen durch PE in Deutschland dar, erklärte die Stiftung in einer Pressemitteilung.

Die Bundesrepublik ist ein Umschlagplatz für Steuerhinterzieher. Knapp zwei Drittel ihrer Übernahmen wickelten die 99 in Deutschland an solchen Deals beteiligten Fonds über Offshore-Standorte ab. Am häufigsten über Steueroasen wie Guernsey und Jersey, die Caymaninseln oder den US-Bundesstaat Delaware. Nur 17 Prozent der Fonds hatten ihren rechtlichen Sitz in Deutschland. Das lege nahe, dass »Möglichkeiten der Steueroptimierung und die geringe Transparenz dieser Finanzplätze ein wesentliches Kriterium für die Standortwahl der Fonds darstellen«, schreibt Studienautor Christoph Scheuplein. Auch der Handel floriert. Die Anzahl der »Exits«, bei denen Finanzinvestoren Unternehmen weiterverkaufen, stieg sogar um mehr als ein Drittel auf 101 Konzerne mit rund 102.000 Beschäftigten.

»Unternehmen möglichst günstig kaufen und möglichst teuer weiterverkaufen – so sieht das Geschäftsmodell von Private-Equity-Investoren aus«, heißt es in der Studie. Die Beteiligungsgesellschaften wickelten den Kauf überwiegend durch Fonds ab, in denen institutionelle Investoren und vermögende Privatpersonen Geld anlegen. Danach übernähmen sie im Namen dieser Fonds meist die Leitung des gekauften Unternehmens. Da die Fonds meist auf eine Laufzeit von zehn Jahren angelegt seien, blieben die Engagements der PE-Branche vergleichsweise kurzfristig. Finanzinvestoren, die 2016 Unternehmen verkauften, hätten ihre Beteiligung im Mittel sechs Jahre und zwei Monate lang gehalten. Erklärtes Ziel sei es in diesem überschaubaren Zeitraum eine hohe Rendite zu erwirtschaften.

Der Einstieg eines Finanzinvestors stelle Belegschaft und Vertreter in Betriebs- und Aufsichtsräten zum Teil vor enorme Herausforderungen. Die 99 Fonds, deren Aktivitäten der Forscher 2016 identifizieren konnte, zahlten ihren Anlegern im Durchschnitt eine Verzinsung von 13,8 Prozent. Das laufe nicht selten auf einschneidende Strategiewechsel und Restrukturierungen hinaus. Wenn die neuen Eigentümer sich ins operative Geschäft einmischten, büßten die Geschäftsführungen Entscheidungskompetenz ein. Den Betriebsräten gehe damit ihr Ansprechpartner verloren, die Mitbestimmung werde ausgehöhlt.


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